Das fertigung-Interview
Interview des Monats: Werner Liebmann, Verband der Deutschen Drehteile-Industrie
„Taeglich neue Hiobsbotschaften”
14.12.2008
Herr Liebmann, die Krise in der Automobilbranche hat für die Drehteilehersteller anscheinend weit heftigere Auswirkungen als zunächst angenommen.
Das stimmt. Gegenüber unseren letzten Aussagen von Anfang Oktober 2008 (siehe fertigung 11/09, Seite: 60) hat sich die Lage leider dramatisch verschlechtert. Täglich kommen neue Hiobsbotschaften hinzu, beispielsweise von mehrwöchigen Werksschließungen renommierter Automobilhersteller über den Jahreswechsel.
Dies führt nahezu umgehend zu Stornierungen geplanter Abrufmengen aus Rahmenverträgen. Man kann kaum noch von einem Tag auf den anderen planen. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich in vielen Fällen um bereits begonnene Aufträge handelt; das heißt, zumindest das Material ist bereits im Haus und wurde bezahlt. Die Fertigung und Lieferung der Teile muss aber auf unbestimmte Zeit verschoben werden.
Kann man einschätzen, wie sich die Auftragslage im nächsten Jahr entwickeln wird?
Prognosen sind derzeit natürlich sehr schwierig und damit auch von zweifelhaftem Wert. Wir hoffen selbstverständlich, dass sich im nächsten Jahr eine Erholung einstellt, realistische Anzeichen für eine kurzfristige Besserung sehen wir aktuell allerdings keine. Die in das Jahr 2009 hineinreichenden Auftragsbestände sehen bei vielen Unternehmen gar nicht so schlecht aus. Die Frage wird sein: Wann können diese über Rahmenaufträge avisierten Liefermengen tatsächlich realisiert werden?
Zuerst war die Rede davon, dass der dramatische Rückgang keine Auswirkungen auf das Stammpersonal hat. Hat sich daran etwas geändert?
Die Unternehmen müssen hier reagieren, um ihr Überleben zu sichern. Zunächst hat man sich – sofern vorhanden – von Leiharbeitnehmern trennen müssen. In der Stammbelegschaft werden nun Überstunden abgebaut, Zeitguthaben ausgeglichen. Bestehender Jahresurlaub muss genommen werden, befristete Arbeitsverträge werden teilweise nicht verlängert. Einige Firmen haben bereits Kurzarbeit eingeführt, für viele andere wird das in den nächsten Wochen ein Thema werden. Wenn wir davon ausgehen, dass sich die Situation kurzfristig nicht grundlegend bessern wird – aus unserer Sicht eine realistische Einschätzung – werden sich auch betriebsbedingte Kündigungen leider nicht vermeiden lassen.
Von dieser dramatischen Entwicklung sind ja hauptsächlich die Zulieferer im automobilen Umfeld betroffen. Wie sieht es bei denjenigen Drehteileherstellern aus, die für andere Branchen produzieren?
Die Zulieferer im Automotive-Bereich sind derzeit sicherlich in der schwierigsten Situation. Es mehren sich aber die negativen Meldungen auch aus anderen Branchen. Allen voran sind der Maschinenbau, Hydraulik und die baunahen Industriezweige als die nächstgrößeren Absatzbereiche zu nennen. Auch hier werden die Aufträge zurzeit massiv zurückgefahren.




