Branchenreport
Maschinenbau
Neue Ideen braucht das Land
13.05.2009
Bestandsaufnahme: Der deutsche Maschinenbau ist stolz auf seine Hightech-Produkte. Doch braucht und will der Anwender auch wirklich diese hochkomplexen, teilweise auch wartungsintensiven Maschinen? fertigung-Chefredakteur Wolfgang Pittrich ist dieser Frage nachgegangen. Ein Fazit vorneweg: Hightech ist nicht alles.

In Zeiten der Krise dürfen Denkansätze durchaus akzentuierter formuliert werden. Wenn sich dabei der eine oder andere Gedanke nicht gleich jedem Zuhörer erschließt, ist das nicht weiter tragisch; man will ja aufrütteln und zum Nachdenken anregen.
So geschehen bei den letzten „Göppinger Maschinenbautagen” Ende März dieses Jahres. Die Veranstaltung plätscherte gerade ein wenig vor sich hin, als ein Satz von Prof. Thomas Garbrecht bei nicht wenigen Zuhörern schlagartig zu einer aufrechten Körperhaltung und gespitzten Ohren führte: „Rücken konkret das System Werkzeug- und Formenbau und das System Werkzeugmaschine näher zusammen, und der Vertrieb des Werkzeugmaschinenherstellers stellt sich neben die Auftragsbeschaffung des Werkzeug- und Formenbauers, um partnerschaftlich dessen Eingang zu erhöhen, dann wird in dieser Partnerschaft auch kein Mitbewerber eine Werkzeugmaschine absetzen können.”
Im Klartext forderte also der Präsident des VDWF (Verband Deutscher Werkzeug- und Formenbauer), dass die lieben Werkzeugmaschinenhersteller ihre Maschinen dem Werkzeug- und Formenbauer nicht nur hinstellen, sondern auch gleich für die notwendigen Aufträge sorgen sollten. Hightech ja, aber bitte mit Mehrwert.
Die Krise macht’s möglich: Neue Ideen braucht das Land. Ob sie nun gleich so bunt sein müssen wie der Vorschlag des eloquenten Wissenschaftlers bleibt dahingestellt. Doch warum nicht? Der Anstoß geht durchaus in die richtige Richtung. Denn eines wurde bei der besagten Veranstaltung auch klar: Ein „Weiter-wie-bisher”, wäre der grundverkehrte Ansatz, um erfolgreich aus der Krise herauszustarten. Natürlich hat der deutsche Maschinenbau, allen voran der deutsche Werkzeugmaschinenbau, aus den Krisen der Vergangenheit gelernt. „Deutsche Werkzeugmaschinenhersteller sind heute strukturell besser aufgestellt als in jedem vorangegangenen Konjunkturabschwung”, beschwört Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW), zu Recht das Potenzial der Branche. Und: „Sie haben in den Boomjahren ihre Hausaufgaben gemacht.”
Doch stimmt das wirklich? Mehren sich nicht die Anzeichen eines neuen Over-Engineerings? Jener „Alles-ist-machbar-und-möglichst-in-einer-Ma-schine”-Mentalität, die sicherlich gefördert wird durch die Lust am Hightech-Produkt. Vor allem die Forschungsinstitute – auf deren Zusammenarbeit die Branche großen Wert legt und auch stolz ist – haben in den letzten Jahren den Trend zu immer ausgefeilteren Maschinenbaulösungen befördert. Das Ziel war und ist, mit Innovationen beim Kunden zu punkten. Aber um jeden Preis?

„Vorne ist zu weit hinten”, lautet das Motto von Prof. Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Nicht umsonst ist das hohe Innovationspotenzial und daraus resultierend die Produktoffensive der letzten Jahre die Stärke der deutschen Maschinenhersteller und gleichzeitig ihr „USP” (Unique Selling Point) im internationalen Wettbewerb. Auf der anderen Seite ist es ein schmaler Grat zwischen wirtschaftlichem Produktionsmittel und unwirtschaftlicher Hightech-Maschine. Denn einer sollte beim Streben nach immer mehr Technik und komplexeren Maschinenstrukturen nicht vergessen werden: Der Anwender. Und den beschäftigen zur Zeit intensiv zwei Themen: Wirtschaftlichkeit und Flexibilität. „Moderne Fertigungssysteme zeichnen sich durch die Notwendigkeit immer größerer Flexibilität und einem damit oft verbundenen hohen Anteil an unproduktiver Nebenzeit aus”, beschreibt Wolfgang Jütting, Leiter Maschinen-, Werkzeug- und Produktionssysteme bei der Daimler AG in Stuttgart, das daraus entstehende Dilemma.
Nebenzeiten von bis zu 70 Prozent
Aufgeschreckt wurden die Produktionsverantwortlichen bei Daimler bereits im Jahr 2002. Eine damals durchgeführte Studie zeigte, dass die als so flexibel gerühmten Bearbeitungszentren Nebenzeiten von bis zu 70 Prozent und mehr produzierten. In der Folgezeit durchgespielte Konzepte zur Reduzierung der Neben- und damit hauptsächlich Werkzeugwechselzeiten, wie Linearmotor-Maschinen oder Parallelkinematiken, besaßen alle ein ähnliches Manko: zu hohe Investitions- und Instandhaltungskosten.
Die Lösung für Daimler kam in Form eines bis dato bereits bewährten Sondermaschinenkonzepts: dem Transferzentrum. Das Prinzip: Das zu bearbeitende Bauteil wird über bewegte Achsen zu ortsfesten Werkzeugspindeln bewegt. Der Effekt: Die Nebenzeiten reduzierten sich auf 30 Prozent.
Innovation muss also nicht immer Hightech sein. Diesen Ansatz verfolgt beispielsweise auch das Unternehmen Aesculap. Während bei Daimler die großen Lose dominieren, sucht der Medizintechnikspezialist aus Tuttlingen den Stein der Weisen für kleine Stückzahlen bis hin zur Einzelteilfertigung. „Unsere Vision ist die wirtschaftliche Fertigung unterschiedlichster Aufträge in kleinsten Losen in chaotischer Reihenfolge hintereinander aus dem gleichen Rohmaterial”, umschreibt Lothar Schutzbach, Werkleiter des Instrumente-Werks in Tuttlingen, die Ausgangslage.
Individuelle Lösung von der Stange
Im Fokus der Betrachtungen steht nicht die reine Maschinenlösung, sondern die flexible, kundenindividuelle Komplettlösung – möglichst als Maschine von der Stange. Gefragt ist der Systemlieferant, der in der Lage ist, die unterschiedlichen Technologien miteinander zu verknüpfen. Auch hier lautet die Parole also: Hightech ja, aber nur soviel wie unbedingt notwendig. Daneben beschäftigt sich ein wesentlicher Bestandteil des Pflichtenheftes bei Maschinenbestellungen mit dem Thema TPM-gerechte Ausführung. Der vorbeugenden Instandhaltung wird also breiter Raum eingeräumt. „Darüber hinaus”, sagt Lothar Schutzbach, „müssen die Partner einen kompetenten Aftersales-Service entsprechend unseren Vorgaben anbieten.”
Neue Ideen braucht das Land. Warum als Werkzeugmaschinenhersteller also nicht auch die Akquise für seine Kunden übernehmen, wenn dafür ein lukrativer Auftrag winkt? In diesem Licht betrachtet, scheint der Vorschlag von VDWF-Vorstand Garbrecht also doch nicht so abwegig, trotz des provokanten Auftritts.
Übrigens hatte der Wissenschaftler jenseits seiner exotischen Vorschläge noch eine Zahl parat, die in der allgemeinen Aufregung ein wenig unterging: Rund zehn Prozent einer Maschineninvestition, so die Erhebungen des VDWF, muss ein Werkzeug- und Formenbauunternehmen in die richtige Auswahl einer Maschine investieren. Kundenfreundlichkeit sieht anders aus.
Auf einen Blick: Anwenderwünsche: Wo geht´s hin?
Natürlich ist es schwierig, alle Wünsche der Anwender an seinen Maschinenlieferanten abzubilden. Die folgende Aufzählung soll verdeutlichen, wie sich die Anforderungen in den letzten Jahre verändert haben.
Zwar gehören Qualität und Genauigkeit des Produktionsmittels immer noch zu den wichtigsten Punkten im Pflichtenheft; moderne Maschinenkonzepte müssen aber viel mehr können:
- Produktqualität
- Maschinengenauigkeit
- Reproduzierbarkeit
- Service
- Produktivität
- verschwendungsarme, schlanke Produktion
- hoher Nutzungsgrad der Maschine
- integrativer Systemlieferant
- After-Sales-Service
- Flexibiltät
- kurze Umrüstzeiten
- kleine Losgrößen
- Instandhaltungsgerechte Maschine
- TCO-Gedanke
- schnelle Umsetzung von Neuheiten in die Serie
- marktfähige Herstellkosten
- sinkende Preise bei gleichzeitig komplexeren Produkten





