Schwerpunkt
TCO
Realistische Prognosen
13.05.2009
Richtlinie: Die Aktivitäten zum Thema TCO haben in der Schweizer Produktionsmaschinenindustrie Reaktionen ausgelöst. Betroffene Hersteller haben sich deshalb im Branchenverband Swissmem in einer Arbeitsgruppe zusammengefunden, Erfahrungen ausgetauscht und einen Leitfaden erarbeitet.
Viele Schweizer Produktionsmaschinenhersteller sind Nischenanbieter mit hochspezialisierten Produkten. Lebenskostenbetrachtungen spielen in den Kaufentscheid hinein, das Hauptkriterium sind aber Leistungsdaten wie Funktionalität, Produktivität, Präzision und Verfügbarbeit.
TCO-Berechnungen zum Trotz machen Anbieter in aller Regel die Erfahrung, dass ein hoher Preis selbst bei nachgewiesenen niedrigeren Betriebskosten vom Kauf abhält. Ein Grund hierfür ist, dass in den Unternehmen für die Unterhaltskosten ein fixer Prozentsatz des Kaufpreises angenommen wird.
Um einen Anwender von geringeren Betriebskosten zu überzeugen, braucht der Hersteller Erfahrungswerte, die gerade bei neuen, innovativen Produkten noch nicht vorliegen. Die Hersteller sind deshalb gefordert, TCO-Überlegungen in der Produktentstehung einfließen zu lassen, ohne die Beschaffungskosten zu erhöhen.
Die Anbieter werden nicht mit isolierten TCO-Forderungen konfrontiert. Sie haben seit vielen Jahren Erfahrung im Umgang mit Lastenheften, die weit über die Funktionsbeschreibung hinausgehen. Einige der Forderungen haben einen indirekten oder direkten Bezug zu TCO, so etwa jene nach hoher Verfügbarkeit: Zuverlässige Produkte sind eine Voraussetzung für niedrige Lebenszykluskosten. Erfahrungsgemäss sind sie auch die Voraussetzung für ein erfolgreiches Servicegeschäft: Nur bei einem zuverlässigen Produkt sind die Anwender bereit, die Nutzungsphase durch regelmässigen Unterhalt zu verlängern.
Prognose von Werten
Eine große Schwierigkeit besteht in der Prognose von Werten. Fast alle Maschinen weisen aus Performancegründen ein Integraldesign auf. Die Errechnung von globalen Kennwerten auf der Basis der Komponenten ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Oft hat das Konstruktionsgeschick einen größeren Einfluss auf die Verfügbarkeit als die Wahl der Komponenten, die zudem in den einschlägigen Fällen vorgegeben oder zumindest eingeschränkt ist.
Genügte den Herstellern in der Vergangenheit eine Schätzung der Kosten während der Garantiezeit, sind sie jetzt zu einer sehr viel längeren Prognose mit entsprechend größerer Unsicherheit verpflichtet. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Teil der Funktionsgruppen von Dritten zugekauft wird. Soweit diese zu Lebensdaueraussagen bereit sind, stellen sie sich dabei auf die sichere Seite, was für das Produkt zu einer ungünstigen Prognose führt. Resultatorientierte Hersteller wie auch Anwender weisen denn auch rein quantitative Betrachtungen unter Ausklammerung qualitativer Betrachtungen zurück. Sie fokussieren sich auf prioritäre betriebliche Probleme wie die ungeplante Instandsetzung oder die Verfügbarkeit und bündeln die Maßnahmen rund um diese Zielsetzungen.
Als besonderen Mangel aus Herstellersicht wird die definitionsgemäße einseitige Fokussierung auf die Kosten erachtet. Gerade bei spezialisierten Produktionsmaschinen ist die Vergleichbarkeit nur beschränkt gegeben, es bestehen Qualitäten und Nutzen, die in den Lastenheften nicht zum Ausdruck kommen.
Eine faire Berechnung sollte deshalb der Kosten- auch eine Nutzenbetrachtung entgegenstellen. Eine Verfügbarkeit, die über den Anforderungen liegt, bedeutet für den Anwender klingende Münze, das Potenzial zur Anpassung an gewandelte Bedürfnisse kann einen Ersatz überflüssig machen, die Lebendauer um Jahre verlängern oder die Wertschöpfung erhöhen.
Wenn jedoch TCO zum Spielball der Verhandlung wird, ist es schwierig, sich auf faire Berechnungsmodelle zu einigen. Es sind bislang für die Schweizer Hersteller von Produktionsmaschinen auch keine neuen Geschäftsmodelle auf der Basis von Lebensdauerüberlegungen entstanden. Eher wird erwartet, dass sich TCO-Berechnungen künftig in die Reihe von Grundanforderungen wie Sicherheit, Zuverlässigkeit oder Um-weltverträglichkeit eingliedern.
Aktuelle Forschungsarbeiten zielen auf die Frage, wie TCO-Überlegungen in den Entwicklungsalltag einfließen sollen und wie realistische Prognosen erstellt werden können. Dieser pragmatische Ansatz entspricht der Vorge-hensweise in mittelständischen Unternehmen, welche – wie alles in der Schweiz – eine Nummer kleiner sind als die meisten ihrer ausländischen Mitbewerber.
Im Profil: inspire AG
Die inspire AG für Mechatronische Produktionssysteme und Fertigungstechnik ist dem Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigung der ETH Zürich angegliedert und betreibt industrienahe Forschung. Zusammen mit dem Institut beschäftigt sie über 70 Spezialisten in den Gebieten Prozessforschung, Maschinenbau und Methoden. Aktionäre und Förderer der Non-Profit-Organisation sind rund 20 Unternehmen der produktionsorientierten Industrie. Lukas Weiss und Thomas Lorenzer, Mitarbeiter der inspire AG, haben im Auftrag von Swissmem und im Rahmen einer Arbeitsgruppe mit Industrievertretern einen TCO-Leitfaden für Schweizer Unternehmen ausgearbeitet.





