Expertengespräch
TCO
Zart sprießendes Pflänzchen
13.05.2009
Expertengespräch: Ist die Lebenskosten-Betrachtung einer Werkzeugmaschine nur für den Anwender von Vorteil? Oder macht sie auch für den Hersteller Sinn – kann also in eine Win-Win-Situation für beide Seiten münden?
Das waren die zentralen Fragen des fertigung-Expertengesprächs zum Thema „TCO”. Ein Fazit vorneweg: Wenn die partnerschaftliche Zusammenarbeit gelebt wird, haben TCO-Verträge eine Zukunft.
Das Thema „TCO” (Total Cost of Ownership) wird sehr kontrovers diskutiert. So gibt es Werkzeugmaschinenhersteller, die sich dem Procedere ganz verweigern; andere wiederum erkennen durchaus Chancen und Möglichkeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, wie Wolfgang Liebrich, Heller Services GmbH, zu
bedenken gibt: „Wir sehen, dass uns die Lifecyclekosten-Betrachtung als Hersteller von hochwertigen Produkten WettbewerbsÂvorteile verschafft. Zudem erhält der Anwender eine Planungssicherheit. Wichtig für die Umsetzung ist die partnerschaftliche Basis, auf der ein TCO-Vertrag geschlossen wird, und die Nachvollziehbarkeit der erhobenen Daten.” Das KO-Kriterium lautet also: partnerschaftliche Zusammenarbeit.
Genauso definiert auch Marvin Schlieker den Ansatz von ZF Friedrichshafen, wenn es um TCO und vorbeugende Instandhaltung geht: „Wir wollen die Karten auf den Tisch legen und einen gemeinsamen Weg suchen. Deshalb spielen wir auch die von uns erhobenen Felddaten an die Hersteller zurück und diskutieren mit ihnen die möglichen Schwachstellen, und wie man sie beseitigen kann.” Deshalb hat ZF sogenannte Lieferantengespräche eingeführt, die im vierteljährlichen Turnus den Gedankenaustausch ermöglichen.
Seit Anfang des Jahres fordert ZF Friedrichshafen von den Anlagenherstellern die LCC-Daten für die Hauptausfallbaugruppen offen zu legen, wenn der Maschinenwert 500 000 Euro übersteigt. Kein einfaches Unterfangen für die Instandhaltung, findet Marvin Schlieker: „Wenn uns der Lieferant auf bestimmte Baugruppen eine TCO-Garantie gibt, dann müssen wir diese Aussage auch messbar machen.” Auf der anderen Seite braucht auch der Hersteller eine Garantie, dass die vereinbarten Maschinenparameter für die im Vertrag definierte Bearbeitung eingehalten werden. Wolfgang Liebrich hat damit kein Problem: „Wir überwachen unsere Maschinen mit einer Art ,Flugschreiber’ und können daher dem Anwender nachweisen, falls sie mit Überlast gefahren werden. Im Fokus sind dabei vor allem die kostentreibenden Baugruppen wie Vorschubantriebe, Rundachsen, Werkzeugwechselsysteme und Arbeitsspindel.”
Ähnlich argumentiert Heiko Noske von der ProWerk GmbH. Über seine beratende Tätigkeit hat er erkannt, dass zuviel Sensorik nur Datenmüll produziert und zudem die Maschinen anfälliger macht. Sein Ansatz geht – ähnlich wie bei Heller – hin zum TCO-Fahrtenschreiber, der in die Werkzeugmaschine integriert wird: „In dieser Blackbox, die von der Steuerung unabhängig agiert, werden bestimmte, vorher festgelegte Daten erfasst, die nur dann zur Auswertung kommen, wenn Ärger ins Haus steht.”
Ungemach kann auch drohen, wenn die erhobenen Kontrolldaten mangels Vergleichbarkeit gegeneinander ausgespielt werden. Wenn also ein Hersteller die Leistung seines Kugelgewindetriebs in km angibt, während der andere auf die Möglichkeit der zu erfassenden Stromstärke verweist. Für Marvin Schlieker wäre es daher sinnvoll, „wenn es ein Standard-Procedere gäbe, das jeder Maschinenhersteller einhalten müsste”.
Auch für Wolfgang Gutbrod, Emag, ist ein fehlender Standard ärgerlich, „weil wir kaum eine Chance haben, die zurückgespielten Felddaten in neue Entwicklungen einfließen zu lassen”. Sein Fazit deckt sich übrigens mit der Meinung aller Gesprächsteilnehmer: „Es ist aus meiner Sicht sehr wichtig, dass einheitliche Strukturen zur Datenerfassung und Bewertung geschaffen werden müssen.”
Gesamte Servicekette betrachten
Wobei Manfred Weber vom Steuerungshersteller Fanuc GE durchaus zu bedenken gibt, dass zuviel Standardisierung auch Innovationen verhindern könne. Überhaupt plädiert er für eine ganzheitliche Sicht der Dinge: „Das Thema TCO nur auf die Bewertung von ein paar Ausfallgruppen zu reduzieren, ist für mich zu wenig.”
Speziell der japanische Ansatz, die Produktqualität über kontinuierliche Verbesserungsprozesse (KVP) permanent im oberen Level zu halten, hat für Weber sehr viel mit einem pragmatischen TCO-Ansatz zu tun, ohne viel Datenerfassung: „Der Anwender hat eine ganz andere Planungssicherheit, wenn er weiß, dass die gelieferten Produkte über eine hohe Zuverlässigkeit und geringe Ausfallraten verfügen.”
Im Wissen und Vertrauen auf die eigene Stärke – was Produktqualität und Serviceunterstützung angeht -, kann sich daher Fanuc GE bei der Frage nach der Produkthaftung auf Zulieferseite recht entspannt zurücklehnen. Ein Thema, das den Werkzeugmaschinenherstellern laut Heiko Noske durchaus auf den Nägeln brennt. Da sie für alle Folgekosten gerade stehen müssten, wäre es nur recht und billig, wenn die Zulieferer bei Qualitätsproblemen ebenfalls in die Pflicht genommen würden: „Das kann auf Herstellerseite schnell zu schlaflosen Nächten führen, wenn er sein Risiko nicht mit den Lieferanten teilen kann.”
Eine Sichtweise, der auch Edwin Neugebauer viel abgewinnen kann: „Es sollte im Interesse des Maschinenherstellers sein, dass er sich die Qualität der zugelieferten Produkte garantieren lässt.”
Stellt sich schließlich die Frage: Was bleibt unterm Strich in Euro und Cent übrig, wenn TCO-Verträge geschlossen werden? Auf Anwenderseite steht zuerst einmal ein Invest, wenn TCO-Vereinbarungen getroffen werden. Je nach Einsatzfall der Maschine sollten zwischen 2,5 und 6 Prozent vom Anschaffungspreis dafür veranschlagt werden. Dem steht eine garantierte Einsatzdauer von Maschine und Komponenten gegenüber.
Für Heiko Noske macht deshalb der TCO-Vertrag auch für Standardmaschinen Sinn: „Oft übersteigen nämlich die Folgekosten aufgrund von Maschinenstillständen schon nach kurzer Zeit die eigentlichen Investitionskosten bei Weitem.” Aber auch für die MaÂschiÂnenÂherÂsteller besitzt ein Vertragswerk Vorteile: Sie können nachweisen, dass ein im Vergleich zum Wettbewerb höherer Einstandspreis sich über die geringeren Lebenszeit-Kosten mehr als amortisiert. Eine Denkweise, die sich übrigens auch in den Köpfen der Einkäufer nach und nach breit macht, wie Wolfgang Liebrich feststellt: „Bei unseren Verhandlungen sitzen seit geraumer Zeit auch Vertreter aus der Produktion und Instandhaltung mit am Tisch und nehmen Einfluss auf Entscheidungen.”
Einen Trend, den auch Heiko Noske beobachtet. Allerdings verweist er auf seine Erfahrungen, dass Mehrkosten nur dann akzeptiert werden, wenn sie für den Anwender auch optisch eine deutliche Verbesserung bringen: „Die neue Steuerung fällt nicht so ins Gewicht wie größer dimensionierte Linearführungen, die sofort eine stabile Maschine signalisieren.”
Nicht umsonst geht er in seinen Beratungsgesprächen bei Maschinenherstellern sehr explizit auf den „Design-to-TCO”-Aspekt ein. Mit relativ wenig Aufwand können Werkzeugmaschinen bereits in der Konstruktionsphase fit gemacht werden für eine erfolgreiche TCO-Betrachtung: „Unter anderem durch den Einsatz von größeren Führungen und Kugelgewindetrieben konnten wir bei einem Projekt den reinen Maschineninvest nach acht Jahren amortisieren.” Kein Wunder, wenn Edwin Neugebauer die Zurückhaltung vieler Maschinenhersteller nicht versteht, wenn es um die Bereitstellung von TCO-Daten geht: „Man kann beim Anwender nur punkten, wenn man das TCO-Merkmal auch als Wettbewerbsvorteil begreift und marketingtechnisch kommuniziert.” pi
Den ausführlichen Artikel zu unserem Expertengespräch können Sie unter www.fertigung.de („Text-Archiv”) nachlesen.
Wolfgang Gutbrod, Emag: „Wir spüren seit zwei Jahren wieder ein deutliches Interesse am Thema TCO und LCC, vor allem aus den skandinavischen Ländern. Für uns ist es ein Zukunftsmodell. Allerdings sollte der Aufwand, um TCO-Daten zu erfassen und auszuwerten, deutlich reduziert werden. Unser Zielpunkt muss sein, angestoßen von der TCO-Diskussion, die Maschinenverfügbarkeit im Sinne des Anwenders noch weiter zu erhöhen.”
Wolfgang Liebrich, Heller Services GmbH: „TCO hat eindeutig Zukunft. Speziell für kleinere und mittlere Unternehmen gehen wir aber den anderen Weg und bieten einen Full-Service-Vertrag, wo wir die volle Wartung und den Service der Maschinen übernehmen. Auf diese Weise braucht der Anwender kein Personal zur Erhebung und Auswertung der Daten vorhalten. Wichtig ist doch, dass wir im beiderseitigen Einvernehmen die Prozesskosten reduzieren.”
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Edwin Neugebauer, freier Fachjournalist: „TCO ist wichtig. Meine Erfahrung sieht allerdings so aus, dass bei Anfragen verzweifelt irgendwelche Daten gesammelt und manuell zusammengestrickt an den Anwender weitergegeben werden. Der zukünftige Weg muss lauten: Es liegen genau definierte Daten vor, die per Knopfdruck abgerufen und übermittelt werden. Deshalb spielt auch die Standardisierung von TCO-Daten eine große Rolle.”
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Heiko Noske, ProWerk GmbH: „Ich sehe große Chancen für den Maschinenbau im Bereich Design-to-LCC oder Design-to-TCO. Da kann man sich gegenüber dem Wettbewerb abheben und auszeichnen. Leider haben das die deutschen Hersteller noch nicht erkannt. Aber selbst der coolste Controller wird wach, wenn man ihm in Euro und Cent vorrechnen kann, was er über die Lebensdauer einer Maschine gesehen einsparen kann.”
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Marvin Schlieker, ZF Friedrichshafen: „TCO hat Zukunft, aber nur, wenn ein Conditon-Monitoring-System oder ein ,Flugschreiber’ dafür sorgt, dass man als Anwender und Hersteller nachprüfbare Daten bekommt. Nur anhand dieser Fakten kann ich dann auch von Kosten oder Einsparungen sprechen. Wenn dieser Austausch und diese Kooperation nicht stattfindet, dann wird auch das Thema TCO früher oder später sterben.”
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Manfred Weber, Fanuc GE: „Wenn man von Anfang an auf Qualität setzt und auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit aufbaut, dann kann viel Zahlen- und Vertragswerk eingespart werden. Man sollte das Thema TCO daher pragmatisch angehen, ohne es zu bürokratisieren. Die kontinuierliche Verbesserung des Produkts steht dabei im Vordergrund.”





