Das fertigung-Interview

Werkstückspanntechnik

„BOOM DER KLASSISCHEN SPANNTECHNIK“

23.06.2009

AMF ist einer der wenigen Hersteller, die im Bereich der Werkstückspanntechnik sehr breit aufgestellt ist. Diese Ausrichtung sieht man als besondere Stärke. Im Gespräch mit fertigung skizziert Volker Göbel, Geschäftsführer Technik, die momentanen Herausforderungen der Branche, und äußert sich über Automatisierungstrends, gesteigerte Sicherheitsanforderungen und grüne Spanntechnik.

amf1Herr Göbel, zuerst eine Frage, die eigentlich keiner mehr hören
kann, die man aber als Chronist stellen muss: Wie geht es AMF
in der Krise?
Wir verfügen über ein breites Produktspektrum, und momentan haben wir das Glück, dass wir Bereiche haben, die von der Krise gar nicht betroffen sind. Natürlich müssen wir in Summe deutliche Umsatzrückgänge verkraften. Es gibt auch Abteilungen in der Fertigung, für die wir Kurzarbeit angemeldet haben.

Welche?
Lassen Sie es mich so formulieren: Wir verfolgen keinerlei Maßnahmen im Bereich Entwicklung und Vertrieb oder bei Kundenprojekten, um unsere Kapazitäten zu reduzieren. Es ist ganz klares Ziel von AMF, nach vorne zu schauen, Projekte auszuarbeiten und jeder Nische im Markt nachzuspüren. Das Schöne daran ist, dass man immer noch Unternehmen findet, die auch in der heutigen Zeit in größere Aufträge investieren.

Diese Unternehmen würde ich gerne kennenlernen.
Auf dem Energiesektor oder im Bereich der Großteilebearbeitung finden sich tatsächlich noch aktive Firmen.

Krise bedeutet meistens auch Konzentration und Schrumpfung. Sehen Sie diese Gefahr für die Spanntechnik-Branche auch?
Das hängt sicherlich davon ab, wie lange uns diese Situation in Atem hält. Auf der anderen Seite haben wir es mit einer Branche zu tun, die sehr mittelständisch geprägt ist und eigentlich stabile Strukturen aufweist. Eine große Marktbereinigung wird aus meiner Sicht kaum stattfinden.

Aber?
Was passieren kann, ist, dass es Betriebe geben wird, die mit Elan diese Situation durchstehen. Diejenigen Unternehmen, die
nicht zu drastischen Maßnahmen greifen müssen – wie Stellenabbau -, die nach wie vor in innovative Produkte investieren und sich intensiv um Kundenprojekte kümmern, die werden gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Gehört AMF dazu?
Wir investieren genau in diese Felder. Nicht umsonst haben wir noch im Dezember 2008 ein großes Index Dreh-Fräs-Zentrum installiert und im Januar 2009 ein siebenachsiges Stama-Bearbeitungszentrum in Betrieb genommen. Und das in einer Zeit, in der die meisten Unternehmen ihre Maschinenbestellungen eher stornieren.

Aber richtig viel zu tun haben diese Maschinen momentan auch nicht.amf3
Wir wissen zwar, dass wir aktuell diese Maschinen nicht durchgängig im Dreischichtbetrieb auslasten können; aber unsere Mitarbeiter können lernen. Das ist vielleicht der positive Aspekt der Krise: Man hat Zeit, Fertigungsstrukturen zu optimieren und Mitarbeiter weiter zu qualifizieren.

Stichwort „Investition in neue Produkte”: Wo sehen Sie aktuell die Herausforderungen der Branche? Ist beispielsweise der Trend zur Automatisierung ungebrochen?
Ja und nein. Der Anteil der Automatisierung in der Spanntechnik wächst, ganz klar. Auf der anderen Seite haben wir im letzten Jahr einen deutlichen Boom in der klassischen Spanntechnik erlebt, unter anderem im Bereich von mechanischen oder hydraulischen Spannmitteln, die nicht direkt für die Automatisierung gedacht sind.

Worauf führen Sie das zurück?
Die Automatisierung wird immer als Allheilmittel dargestellt.
Diese Meinung teile ich nur begrenzt. Natürlich ist der Trend da. Es wäre grundlegend falsch, in einem Hochlohnland wie Deutschland – oder generell Europa – nicht über Personalkostenreduzierung und Verlängerung der Maschinenlaufzeiten nachzudenken.

Die Automatisierung ist dazu ein probates Mittel.
Das stimmt, Herr Pittrich. Man muss es dennoch differenziert sehen. Wichtig ist, dass man sich das Produktspektrum genau ansieht. Wir sehen es ja im eigenen Haus: Es gibt Produkte, deren Fertigung lässt sich gut automatisieren, es gibt aber auch Bereiche, da ist nach wie vor die klassische Spannlösung die wirtschaftlichste. Speziell bei Produkten, die nur in kleinen Stückzahlen laufen, wo also Flexibilität gefragt ist, macht die Automatisierung oft wenig Sinn.
Einspruch. Denn gerade hier gibt es die Möglichkeit, automatisiert in die Pause oder auch dritte Schicht hineinzuarbeiten.
Wenn man kurze Maschinenlaufzeiten hat, mag das stimmen. Es gibt aber genügend Werkstücke, die eine lange Bearbeitungszeit benötigen. Da macht es mehr Sinn zu überlegen, wann spanne ich welche Teile auf die Maschine auf. Oft kann man sich dann die – durchaus nicht billige – Automatisierungslösung sparen. Zudem schränkt mich die Automatisierung immer auch ein wenig ein.

Es kommt darauf an, wie ich die Automatisierung auslege…
Für den flexiblen Lohnfertiger, der ein breites Produktspektrum bedienen muss, würde ein automatisierter Prozess auch immer gleichbedeutend sein mit einem mehr oder weniger aufwändigen Umbau der Anlage. Deshalb muss man sich ganz genau überlegen: Wie gehe ich meine Spannlösung an? Nicht umsonst bietet AMF ein sehr breites Produktspektrum an. Das geht vom einfachen Schnellspanner bis hin zum sensorgesteuerten hydraulischen Spannsystem.

Sehen Sie dieses breite Portfolio als gewisses Alleinstellungsmerkmal?
Es gibt keinen Anbieter, der über so ein umfassendes Produktprogramm verfügt wie AMF, das stimmt. Unsere Kernkompetenz lässt sich vielleicht in folgender Frage zusammenfassen: Welche Spanntechnik braucht ein Fertigungsunternehmen, damit es seine Maschinenlaufzeiten optimieren kann? Das kann sicherlich nicht nur ein System sein. Oft weiß der Anwender ja gar nicht, was er wirklich braucht. Er kommt mit dem Wunsch nach einer mechanischen Vorrichtung zu uns und geht dann mit einer hydraulischen Spannlösung, oder umgekehrt. Nicht, weil wir ihm das teuere Teil verkaufen wollen, sondern weil wir eine Lösung bieten, und diese Lösung am besten zu seinem Werkstück passt.

Das heißt, AMF muss viel Energie in die Schulung der eigenen Mitarbeiter investieren.
Das klappt über unseren technischen Außendienst gut. Und dieser Bereich wurde und wird auch ausgebaut. Wir setzen zunehmend auf den Direktvertrieb und den eigenen AMF-Außendienst, der unseren Kunden deutschlandweit zur Verfügung steht. Eine Maßnahme, die sich gerade in schwierigen Zeiten bezahlt macht: Es ermöglicht uns den direkten Zugang zu den Anwendern.

Kommen wir nochmals auf das Thema Produktvielfalt zu sprechen.
Das kann ein Vor-, aber auch ein Nachteil sein. Denn in jedem
Bereich – egal ob Nullpunktspannsysteme oder hydraulische Spannmittel – gibt es Platzhirsche, sprich: spezialisierte Anbieter. Kommen Sie gegen diese Spezialisten überhaupt zum Zuge?
Ganz klar: ja. Es gibt sogar Kunden, die von uns fordern, dass wir in dieser Breite aufgestellt sind. Sie wollen eine Alternative zu den von Ihnen angeführten „Platzhirschen”. Deren Manko ist ja gerade, dass sie nur ein Produkt anbieten können, aber nicht die Breite, die der Anwender vielleicht braucht. Hier sehe ich vielleicht aktuell auch einen Haupttrend.

Worin?
Eben eine möglichst breite Palette anbieten zu können. Nehmen Sie das Beispiel Nullpunktspannsystem. Wir nutzen es unter anderem als Schnittstelle zu unseren anderen Produkte wie Magnetspanntechnik oder Vakuumtechnik, die wir ganz neu im Programm haben. Über diese Ausrichtung haben wir uns mittlerweile eine sehr starke Position in diesem Segment erarbeitet.

Warum ist das so?
Weil wir eben die Nullpunktspanntechnik nicht als reine Spannlösung begreifen, amf2sondern als Schnittstelle nutzen, um sehr unterschiedliche Produkte anzudocken. Das geht hin bis zur Automatisierung über den Roboter. Die Kombinationsmöglichkeiten sind es, die für die Anwender einen hohen Reiz ausüben.

Macht man sich bei AMF auch Gedanken wie die Spanntechnik der
Zukunft aussehen könnte?
Natürlich, das ist sogar ein ganz wichtiges Feld für uns. Da geht es durchaus um die Frage, ob Hydraulik in ein paar Jahren noch zeitgemäß ist; oder ob man ehr mit elektrischen oder pneumatischen Lösungen arbeiten muss.

Sind Sie bereits zu einem Ergebnis gekommen?
Ich glaube zumindest fest daran, dass die mechanischen Spannelemente immer eine Berechtigung haben werden. Ich denke auch, dass die Hydraulik nicht ganz verschwinden wird, aber sie wird sich einer Diskussion stellen müssen.

Gibt es Tendenzen – analog zu den Werkzeugmaschinen -, dass man auch über „grüne Spanntechnik” nachdenkt?
Diese Thema wird tatsächlich immer wieder diskutiert, allerdings gibt es im Moment andere Schwerpunkte. Drängender sind da schon Fragen in Richtung Anlagen- und Betriebssicherheit.

Dieses Thema sollte wohl keine Fragen mehr aufwerfen, oder liege ich hier falsch?
Natürlich sind unsere Anlagen schon jetzt sicher. Aber im Zuge der Neuordnung der Maschinenrichtlinie, die Anfang nächsten Jahres endgültig in Kraft tritt, ändert sich doch einiges in punkto Sicherheit.

Zum Beispiel?
Denken Sie nur an Hydraulikkreisläufe. Da existiert heute durchaus noch die Möglichkeit, dass sie unkontrolliert geöffnet oder geschlossen werden. Das wird es in Zukunft nicht mehr geben. Wir liefern heute bereits Produkte aus, die mit der neuen Maschinenrichtlinie konform gehen. Es bleibt aber noch genügend zu tun, wenn man an die bereits im Betrieb befindlichen Anlagen denkt.

Das heißt, es müssen spanntechnische Abläufe vielleicht völlig neu überdacht und in Richtung Sicherheitsoptimierung diskutiert werden?
Unter anderem. Der Anwender hat momentan genügend zu tun, um seine Bestandsanlagen auf den Stand der Technik zu bringen. Grüne Spanntechnik steht da auf der Prioritätenliste sicherlich nicht ganz oben. Aber, wir werden zunehmend gefordert, die Spanntechnik so einfach und unverwechselbar wie möglich zu gestalten.

Obwohl Sie hier ein sehr lebendiges Bild vom Miteinander von Spanntechnikhersteller und Anwender skizzieren, werde ich das Gefühl nicht los, die Spanntechnik ist irgendwie das fünfte Rad am Wagen; kein Vergleich zur vermeintlichen Wichtigkeit von Werkzeugmaschine oder Werkzeug.
Im Vergleich zu früher hat sich sehr viel zum Positiven verbessert. Aber Sie haben Recht, Herr Pittrich, es gibt immer noch Projekte, wo es schlichtweg verschlafen wird, sich um die Spanntechnik zu kümmern. Ich würde mir hier auch mehr Engagement von den Werkzeugmaschinenherstellern wünschen, den ein oder anderen Spanntechnikhersteller frühzeitig mit ins Boot zu holen. Im Endeffekt geht es doch darum, dass der Anwender die für ihn optimale Lösung bekommt; sowohl was Maschine, Werkzeug und Spanntechnik angeht. Hier sollte ein perfekter Dreiklang entstehen. pi

Im Profil
AMF: Die Andreas Maier GmbH &Co. KG, Fellbach, steht auf drei Standbeinen: Außenschlösser für Türen und Tore, Handwerkszeuge und Spanntechnik. Der Bereich Spanntechnik nimmt über zwei Drittel vom Umsatz ein. Ein gewisses Alleinstellungsmerkmal sieht man durch die Breite des Angebot in diesem Bereich. Dazu gehören mechanische Spannelemente und hydraulische Spanntechnik genauso wie Nullpunktspannsysteme, Vakuum- oder Magnetspanntechnik sowie spezielle Vorrichtungen zum Schweißen.
AMF ist weltweit tätig – auch mit Produktionsstandorten – und bietet seinen Standardkatalog in 17 Sprachen an. Seit einigen Jahren werden die Produkte verstärkt über Direktmarketing vertrieben. Es werden rund 220 Mitarbeiter beschäftigt, die einen Umsatz von 40 Mio. Euro erwirtschaften.

Volker Göbel
ist Geschäftsführer Technik, Entwicklung, Konstruktion und EDV bei AMF. Der 45-jährige studierte Maschinenbauer trat nach dem Studium an der TU Stuttgart bei AMF ein und übernahm wenige Jahre später die Geschäftsführung der damaligen Tochter Trennjäger in Köln. Seit 1995 ist er in der jetzigen Position tätig. Göbel ist verheiratet und hat drei Kinder.