Das fertigung-Interview

“Der Trend heißt Windkraft und Aerospace”

25.08.2009

Robert Hartinger ist Geschäftsführer der deutschen Sandvik Coromant-Tochter. Im Gespräch mit fertigung nimmt er Stellung zur aktuellen Branchenkrise. Zudem gibt er Auskunft, warum sein Unternehmen die EMO in Mailand nicht unbedingt als erste Messeadresse ansieht und welche Produkte und Branchen im Trend liegen.

sandvik1Herr Hartinger, die Präzisionswerkzeuge-Hersteller wurden sehr unmittelbar und dadurch auch intensiv von der aktuellen Krise getroffen. Wie haben Sie diesen Absturz empfunden?
Sandvik Coromant erzielte 2008 das beste Ergebnis seiner Geschichte. Und bis Dezember 2008 hätte niemand in der Branche das Wort „Rezession” auch nur in den Mund genommen. Dass ein Abschwung kommen würde, nach den enormen Steigerungsraten der letzten Jahre, war klar. Aber dass der Rückgang so extrem ausfallen würde, hatte niemand erwartet.

 

Sie prognostizieren für das eigene Haus in diesem Jahr einen Umsatzrückgang zwischen 30 Prozent als Best-Case-Szenario und knapp 40 Prozent im schlimmsten Fall. Sehen Sie bereits Licht am Ende des Tunnels?
Das ist regional ganz unterschiedlich. Während in den USA erste Erholungstendenzen zu verzeichnen sind, ist China nach wie vor ein Wachstumsmarkt. In Europa und Deutschland könnte die Talsohle erreicht sein, mit der Tendenz, dass es Ende des Jahres eine ganz schwache positive Entwicklung geben könnte.

 

Und nächstes Jahr?
Falls wir aktuell wirklich ganz unten angekommen sind, erwarte ich für nächstes Jahr ein Umsatzplus im unteren einstelligen Bereich.

 

Trotz dieser einmaligen Dimension der Krise, hat die heftige Reaktion einiger großer Werkzeugehersteller, darunter auch Sandvik Coromant, überrascht, als Antwort auf die Krise recht schnell die Teilnahme an der EMO in Mailand zu streichen.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist sicherlich, dass die EMO in Mailand nicht das Messeschwergewicht ist wie beispielsweise eine EMO in Hannover, eine IMTS in Chicago oder eine Jimtof in Tokio. Man muss heute mehr denn je überlegen: Was bringt eine Messebeteiligung? Oft ist es sinnvoller, man investiert dieses Geld in eine andere, direktere Form der Kundenansprache.

 

Mir scheint es trotzdem ein wenig zu kurz gesprungen, die einzige Branchen-Großveranstaltung in diesem Jahr einfach fallen zu lassen. Ganz abgesehen davon, dass es ein psychologisch fragwürdiges Signal für den Markt ist.
Ich glaube nicht, dass es negative Auswirkungen auf den Markt hat, wenn sich einige Werkzeugehersteller zurückhalten. Es spiegelt einfach die Situation wider, dass man heute das Messegeschehen anders betrachtet als es noch vor fünf Jahren der Fall war. Wir praktizieren mittlerweile eine selektivere Vorgehensweise …

 

Eine Messeteilnahme ist also kein Automatismus mehr?
Ganz richtig. Bestes Beispiel dafür ist die letzte Metav in Düsseldorf. Wir entschieden uns ganz bewusst gegen eine Teilnahme und veranstalteten stattdessen hauseigene Technologietage. Die liefen sehr erfolgreich, da wir uns intensiv den Kunden widmen konnten, um Neuheiten vorzustellen und zu diskutieren.

 

Apropos Neuheiten: Welche Innovationen von Sandvik Coromant wird der Besucher demnach nicht auf der EMO in Mailand bestaunen können?
(lacht) Einige. So haben wir unser CoroCut-Wendeschneidplatten-Sortiment zum Ab- und Einstechen ergänzt. Die neuen Schneidplatten sind breiter als bisher und eignen sich daher ausgezeichnet für größere Einstiche. Eine eigens entwickelte Schneidstoffsorte sorgt zudem für höhere Leistungen beim Ab- und Einstechen von schwierig zu bearbeitenden Materialien. Aber auch bei unserem Fräsprogramm tut sich einiges …

 

Zum Beispiel?
Unter anderem haben wir unsere CoroMill-Familie um eine neue Generation von Nutenfräsern erweitert. So ist der CoroMill 329 optimal geeignet zum Fräsen von Nuten zwischen 6 und 18 Millimeter Breite. Aber auch beim schmalen Nuten oder Abtrennen zeichnet er sich durch hohe Schnittgeschwindigkeiten und Vorschubraten aus. Beim CoroMill 331 dagegen haben wir den Schwerpunkt auf Kosteneffizienz gelegt.
Das heißt?
Dieser Fräser nutzt völlig neu entwickelte Wendeplatten mit acht Schneiden, die in auswechselbaren Kassetten erhältlich sind. Dadurch ermöglichen wir einen schnellen und präzisen Plattenwechsel und in Folge reduzierte Maschinenstillstandszeiten. Die Amortisationszeit verkürzt sich daher enorm.

 

Jenseits der neuen Produkte fällt auf, dass sich Sandvik Coromant sehr um neue Branchen wie Luft- und Raumfahrt, Energietechnik oder Windenergie bemüht. Ist der Automotive-Bereich nicht mehr
sexy genug?
Natürlich entwickeln wir auch für diesen Bereich weiter neue Werkzeugkonzepte. Aber es stimmt, Herr Pittrich, der Fokus liegt momentan auf den von Ihnen genannten Bereichen.

 

Warum?
Ganz einfach: Wenn man sich die prognostizierten Wachstumsraten der Windkraft- oder Aerospace-Industrie für die nächsten zehn Jahre ansieht, ist es ein wenig verwegen anzunehmen, dass sich der Automotive-Bereich auch nur annähernd so exponentiell entwickeln wird.