Branchenreport
Lichtblick in tristen Zeiten
25.08.2009
Neuorientierung: Die größte Krise des Maschinenbaus in der Nachkriegsära fordert den Betroffenen alles ab, da gewachsene Kunden-Lieferanten-Strukturen von einem Tag zum anderen zusammengebrochen sind. Eine Folge ist: Lohnfertiger und Zulieferer, aber auch Maschinenhersteller suchen verzweifelt nach neuen Märkten. fertigung-Chefredakteur Wolfgang Pittrich hat drei Branchen genauer unter die Lupe genommen, die aktuell als Zukunftsbranchen ganz heiß gehandelt werden: Windkraft und Photovoltaik, Medizintechnik sowie Luftfahrtindustrie.
Der Maschinenbau ist tot, es lebe der Maschinenbau. So, wie die französische Monarchie ihre alten Könige begraben und gleichzeitig die neuen ausgerufen hat, stehen heute die Vertreter des deutschen Maschinenbaus vor einem tiefen Grab. Doch wo ist der neue Heilsbringer?
Lohnfertiger, aber auch Maschinen- und Anlagenbauer suchen momentan krampfhaft nach neuen Absatzmärkten. Klar ist: Die Melkkühe der Vergangenheit, wie Automobilindustrie oder deren Zulieferer, sind so klapprig geworden, dass in den nächsten Jahren nicht mit ihnen zu rechnen ist.
Ähnliches gilt für die noch vor wenigen Monaten hochgelobte fliegende Zunft. „Luftfahrt droht ein Milliardenloch” titelte das Handelsblatt Anfang Juni 2009. Und Luftfahrtexperten der Ratingsagentur Moodys warnen ebenfalls vor zu großem Optimismus: „Wir glauben, dass das Geschäftsumfeld für Fluggesellschaften bis 2010 schwierig bleiben wird.” Das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Der Luftfahrtverband IATA (International Air Transport Association) erwartet, dass die Umsätze der Branche – sowohl was Passagier- als auch Luftfrachtbeförderung angeht – in diesem Jahr weltweit um 6,5 Prozent auf 501 Mrd. US-Dollar zurückgehen werden. Der Krise ist dadurch der erste Passagierrückgang seit 2001 geschuldet. Überhaupt bemühen Analysten oft den Vergleich mit dem Terrorjahr 2001: Es dauerte danach drei Jahre, um das alte Umsatzniveau wieder zu erreichen. Dieses Mal, so die Meinung der Experten, dürfte diese Zeitspanne kaum ausreichen.
Erschwerend kommt noch dazu, dass die Luftfahrtgesellschaften munter weiter neue Maschinen ordern, obwohl kaum ältere Maschinen stillgelegt werden. Die Folge ist absehbar und zeichnet erschreckende Parallelen zur Automobilindustrie: Überkapazitäten verstopfen den Produktionsfluss in zukünftige Märkte.
Der Sinkflug für die Luftfahrtindustrie und deren Zulieferer könnte also erst in ein bis zwei Jahren so richtig losgehen. Da hilft dann auch keine Abwrackprämie.
Profiwissen pur: Branchen-Check
Automobil: Trotz der aktuell positiven Wirkung der Abwrackprämie sieht die automobile Zukunft nicht rosig aus. Marktforscher gehen davon aus, dass sich der Fahrzeugabsatz in Europa selbst unter günstigen Bedingungen erst wieder im Jahr 2014 stabilisieren und das Niveau vor der Krise erreichen wird. Das bedeutet auch für die Zulieferer eine entsprechend lange Leidenszeit.
Chemische Industrie: Im ersten Halbjahr 2009 musste die Branche einen Produktionsrückgang von 15 Prozent verkraften, mithin ein Umsatzrückgang von 16,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Für das Jahr 2009 wird mit einem Produktionsrückgang von zehn Prozent gerechnet (Umsatz: -12 Prozent); im Vergleich zu anderen Branchen scheint das noch moderat. Die Ausgaben für F+E sollen auf Vorjahresniveau verharren. Bisher wurden noch keine Stellen abgebaut.
Kunststoffindustrie: Für das erste Quartal 2009 verzeichnen die Kunststoffverarbeiter einen Umsatzrückgang von knapp 20 Prozent. Der Umsatz im deutschen Kunststoff- und Gummimaschinenbau ging um 30 Prozent zurück; für das Gesamtjahr wird ein Rückgang von 40 Prozent erwartet. Eine aktuelle Befragung zeigt, dass über die Hälfte der Unternehmen auf diese Entwicklung mit Stellenabbau reagiert haben.
Landtechnik: Das Geschäft mit Mähdreschern, Traktoren & Co. soll in diesem Jahr um 13 Prozent auf 6,5 Mrd. Euro zurückgehen; damit würde das Umsatzvolumen von 2007 erreicht. Eine größere Unsicherheit besteht für das nächste Jahr; aktuell liegen die Auftragseingänge rund 20 Prozent unter Vorjahresniveau. Positiv: Die weltweit wichtigste Branchenmesse in diesem Jahr, die Agritechnica in Hannover, läuft bisher sehr gut, mit 300 Neuanmeldungen und einem Vorbuchungsstand auf Niveau der Rekordmesse von 2007.
Luftfahrtindustrie (zivil): Vom Glanz vergangener Zeiten ist wenig zu spüren. Die Passagier- und Luftfrachtbeförderer werden in diesem Jahr einen Verlust von 2,5 Mrd. US-Dollar hinnehmen müssen, prognostiziert jedenfalls der Branchenverband IATA. Verschärfend kommt noch das Problem der Überkapazitäten hinzu, da die Airlines munter weiter ihre Flotten modernisieren, ohne alte Maschinen stillzulegen. Folge davon dürfte sein, dass in den nächsten Jahren eine gewisse Absatzernüchterung eintreten wird.
Medizintechnik: Die Branche ist neben der Windkraft und Photovoltaik die einzige in unserer kleinen Übersicht, die auch in diesem Jahr von Wachstum ausgeht, wenn auch nur von maximal 1 Prozent. Im Vergleich zu anderen Branchen liegt sie damit ganz weit vorne. Und die Zukunftsaussichten sind noch besser: So soll sich der Branchenumsatz von derzeit 18 Mrd. Euro auf 32 Mrd. Euro im Jahr 2015 hochschrauben. Nach den USA ist Deutschland übrigens zweitgrößter Nettoexporteur für Medizintechnik.
Verpackungsmittelindustrie: Der Bereich Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen ist bei weitem nicht so abhängig von Konjunkturzyklen wie andere Maschinenbaubranchen. Zwar geht man auch dort von einem knapp zweistelligen Umsatzrückgang in diesem Jahr aus. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Konjunkturentwicklung der Abnehmermärkte; so sieht die Ernährungsindustrie für 2009 einen gleichbleibenden oder sogar leicht steigenden Umsatz.
Windkraft und Photovoltaik: Die Überflieger im Branchenvergleich. Im ersten Quartal 2009 lag der Umsatz der Photovoltaik-Produktionsmittelhersteller um 60 Prozent über Vorjahresniveau. Bei den Windkraftanlagen sieht es bescheidener aus: Sie konnten zum Vorjahresvergleich nicht zulegen, mussten aber auch keinen Rückgang verkraften. Die Branche spricht hier von einer „Verschnaufpause”; 2010 sollen wieder deutlich mehr Einheiten ans Netz gehen. Generell wird der Markt der grünen Energietechnik als ein Boommarkt für deutsche Hersteller eingestuft. Bis 2020 soll die mit Hilfe von Windkraft erzeugte Strommenge in Deutschland um 165 Prozent steigen. Das Investitionsvolumen von Photovol-taik und Windkraft sollen innerhalb der nächsten zehn Jahre bei jeweils rund 32 Mrd. Euro liegen.
Ein Lichtblick in diesen dunklen Stunden bieten grüne Umwelttechnologien, allen voran Windkraft und Photovoltaik. Deutsche Unternehmen gelten als Pioniere auf diesem Gebiet und sind an vorderster Front tätig. Gerne bemühen Protagonisten das Evangelium der Branche, den „GreenTech-Atlas”, wenn es um die Dokumentation der eigenen Stärke geht. Er wurde im Auftrag des Bundesumweltministeriums von Roland Berger Strategy Consultants erarbeitet. Seit Mai dieses Jahres liegt eine Neuauflage vor. Die Kernaussage lautet: „Umwelttechnik ist die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts. Auf der Branche ruhen viele Hoffnungen, wie etwa, durch sie die Stagnation anderer Wirtschaftszweige abzufedern.” Das 412-Seiten-Werk trägt durchaus imposante Zahlen zusammen. So ist zu lesen, dass im Jahr 2020 rund 14 Prozent des deutschen Bruttoinlandprodukts mit Umwelttechnologien erwirtschaftet werden soll; heute sind es erst acht Prozent. Weltweit soll der Umsatz mit Umwelttechnik bis zum Jahr 2020 auf 3200 Mrd. Euro anwachsen.
Und, ganz wichtig, die Umwelttechnik soll auch Stellen schaffen. Während Automobilindustrie und Maschinenbau in den nächsten zehn Jahren von einem Beschäftigungsrückgang von knapp sechs Prozent ausgehen, prognostiziert der GreenTech-Atlas eine Verdoppelung der Stellenzahl. In der grünen Technik sollen bis 2020 rund 2,2 Mrd. Menschen Beschäftigung finden.
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Lukrative Aussichten
Vor allem der Bau von Windkraftanlagen könnte Brot liefern für die darbenden Zulieferer, gibt es doch dort genügend mechanische Komponenten, die zerspant werden müssen. In einem internen Papier beleuchtet der Werkzeugehersteller Sandvik Coromant das Werkzeugepotential für die Windkraft-Branche und kommt zu lukrativen Einsichten: So soll nach einer Ruhephase 2009 der Markt bis 2013 auf 500 Mio. Euro ansteigen, bevor in den darauf folgenden Jahren ein Rückgang auf unter 400 Mio. Euro einsetzt.
Allerdings muss für ein Engagement in diesem Bereich das Equipment stimmen; Maschinen in Größe XL und darüber sollten im aktuellen Maschinenpark vorhanden sein, sonst lohnt der Einstieg kaum.
Ebenfalls ein boomender Markt – sogar im krisengeschüttelten 2009 – ist die Photovoltaik-Branche. Die dort agierenden Produktionsmittelhersteller konnten im ersten Quartal 2009 einen Umsatzzuwachs von sage und schreibe 60 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum bejubeln. Wie lukrativ dieser Markt von Maschinenbauern beurteilt wird, zeigt das Statement von Kurt Mann, Vertriebsleiter International von Trumpf Laser, Schramberg: „Wir rechnen in den nächsten Jahren mit einem dreistelligen Wachstum bei Lasern in der Photovoltaikproduktion.”
Auch die Gildemeister AG, mit der Tochter a+f GmbH und dem Produkt „SunCarrier” seit Jahren im Photovoltaik-Geschäft unterwegs, sieht laut Vorstandsvorsitzendem Rüdiger Kapitza eine sehr erfreuliche Tendenz: „Für das Solargeschäft erwarten wir unter der Voraussetzung gesicherter Projektfinanzierungen eine positive Entwicklung.”
Doch wo Licht, da auch Schatten. Die Photovoltaikhersteller stehen unter enormem Kosten- und Innovationsdruck. „Das erfordert Neuinvestitionen auch für existierende Fabriken und wird die Nachfrage nach Equipment so schnell nicht abreißen lassen”, sagt Eric Meiser, der beim VDMA das Forum Photovoltaik-Produktionsmittel leitet.
Ebenfalls freudige Nachrichten vermeldet die Medizintechnik. Der Branchenverband Spectaris erwartet für 2009 ein leichtes Wachstum von bis zu 1 Prozent auf knapp 18 Mrd. Euro. Bis 2015 soll der Umsatz von derzeit 18,6 Mrd. Euro auf 32 Mrd. Euro ansteigen. Befördert wird diese Entwicklung auch durch den Einsatz neuer Produkte. So versuchen sich Forscher derzeit an der „intelligenten Hüftprothese”: Mittels integriertem Beschleunigungssensor, Mikrocontroller und RFID-Schnittstelle kann der Arzt die Festigkeit der Verbindung zwischen Prothese und Knochen ständig überwachen.
Dass der Medizintechnik die Arbeit nicht ausgeht, dafür sorgt schon der demografische Wandel in Deutschland: Der Anteil der Bevölkerungsgruppe 65+ soll im Jahr 2050 bereits ein Drittel ausmachen; die Zipperlein werden bis dahin sicherlich nicht weniger.




