Branchenreport
Positive Signale aus der Provinz
28.09.2009
Kreditklemme: Die Wirtschaftskrise hat die Unternehmen immer noch im Würgegriff, da droht neues Ungemach. Die Banken scheinen die Kreditver-gabe zu erschweren – der Geldhahn wird zugedreht. fertigung wollte wissen, ob das auch den Tatsachen entspricht. Nur bedingt, wie unsere Recherchen ergeben haben; teilweise ist sogar das Gegenteil der Fall.
Hannes Hesse, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) machte gegenüber der Berliner Zeitung seinem Ärger Luft: „Die Banken kommen einfach ihrer Aufgabe nicht nach, die Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Dabei sind die Banken mit Rettungsschirmen gut gesichert. Das ärgert uns besonders.” Seine Wut ist verständlich: War die jetzt krisengeschüttelte Maschinenbaubranche in den letzten drei Jahren doch ein Lieblingskind der Banken. Aber jetzt ist Schluss; der Geldhahn wird zugedreht.
Kein Wunder, dass es anscheinend in Unternehmerkreisen zum guten Ton gehört, sich über das Verhalten der Kreditinstitute zu echauffieren. Denn auch Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), haut im Gespräch mit der SZ in dieselbe Kerbe: „Viele Unternehmen klagen, Kredite gar nicht oder zu prohibitiven Bedingungen zu bekommen. Tatsache ist, dass insgesamt die Zinsen und die Anforderungen an Sicherheiten deutlich gestiegen sind.”
Die Recherchen von fertigung haben ergeben: Die Herren liegen nur teilweise richtig. Fakt ist, dass die Bürgschaftsbanken eine deutliche Nachfrage nach Bürgschaften und Garantien registrieren. Das heißt, immer mehr Unternehmen, die bei ihrer Bank um liquide Mittel nachfragen, werden als Wackelkandidaten an die Bürgschaftsbanken verwiesen. Sie ersetzen mit ihren Bürgschaften gegenüber Kreditinstituten die fehlenden banküblichen Sicherheiten.
Die LfA Förderbank Bayern beispielsweise bemerkt im ersten Halbjahr 2009 eine wahre Antragsflut: Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl verdreifacht. Das könnte ein deutlicher Hinweis sein, dass die Banken ihren Kreditnehmern verstärkt auf die Finger klopfen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die deutlich veränderte Interessenslage der potentiellen Kreditnehmer. So wurden im vorigen Jahr Bürgschaften hauptsächlich angefragt, um Investitionen zu tätigen. Heute dagegen, beobachtet Dirk Buddensiek, Vorstand der Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, brauchen die Unternehmen ganz dringend Liquidität: „Bei mehr als der Hälfte der beantragten Vorhaben in diesem Jahr handelt es sich um Betriebsmittelkredite.”
Differenzierte Betrachtung
Und diese Kredite sind im Vergleich zu vergangenen Jahren nicht viel schwerer zu bekommen. Werner Liebmann, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Drehteilehersteller möchte für seine Mitglieder deshalb nicht von einer branchenweiten Kreditklemme sprechen: „Man muss das differenziert betrachten. Natürlich gibt es Unternehmen, die Schwierigkeiten haben an liquide Mittel zu kommen, wie es welche gibt, die dieses Problem nicht haben.” (siehe auch untenstehendes Interview).
Was er durchaus wahrnimmt, ist, dass Großbanken deutlich reservierter auf Anfragen reagieren als regionale Kreditinstitute. Direkte Folge davon ist, dass sich Großkredite nur schwer losÂeisen lassen. Die Beobachtung bestätigt auch Hannes Hesse vom VDMA: „Es ist ungleich schwieriger geworden Kredite zu bekommen, in größeren Volumina ab etwa 50 Millionen Euro aufwärts.” Aber selbst bei überschaubaren Kreditsummen unter 300 000 Euro sieht er die Banken als Bremser: „Das hat mit dem Bearbeitungsaufwand zu tun, den die Banken scheuen.”
Ein Argument, das Rudolf Lautenbacher überhaupt nicht nachvollziehen kann. Für den Bereichs- und Vertriebsleiter Firmenkunden einer regionalen Genossenschaftsbank sind Kredite dieser Größenordnung tägliches Brot: „Wir haben in diesem Jahr so viele Kredite herausgegeben wie noch nie.” Die Kreditwürdigkeit macht er auch nicht primär an der Branche fest, sondern am Unternehmen: „Man muss immer den Einzelfall betrachten.”
Ebenfalls weit von sich weist er die Behauptung hartnäckiger Kritiker, dass die Zinssätze nach oben angepasst wurden: „Die sind gleich geblieben, eher sogar nach unten gegangen.”
Meine Meinung
Die Kreditklemme ist mehr eine gefühlte, denn reale Bedrohung. Vor allem die klein- und mittelständischen Unternehmen können sich in der Regel – so jedenfalls das Ergebnis unserer Recherche – auf ihre regionalen Kreditinstitute verlassen. Natürlich schauen die Banken in diesen Zeiten genauer hin; mit einer offenen und frühzeitigen Kommunikation lassen sich Irritationen meist vermeiden. Auch den Vorwurf der drastisch erhöhten Zinssätze konnten wir so nicht erhärten; eher im Gegenteil: Geld ist je nach Ratingeinstufung so billig wie kaum zuvor. Hier lohnt auch der Blick auf die staatlichen Förderprogramme, da die Zinssätze sich dort meist im unterdurchschnittlichen Bereich bewegen.
Wolfgang Pittrich, Redaktion fertigung
Mit dieser entspannten Haltung haben sich viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken in ihrer Region einen guten Ruf erarbeitet. Das verbissene Feilschen um Konditionen und die arrogante Art eines Josef Ackermann ist nicht ihr Ding. Deshalb geht die eingangs zitierte Unternehmerschelte an ihnen vorbei. Und deshalb empfiehlt auch Verbandsvertreter Werner Liebmann sich an die regionalen Kreditinstitute zu halten: „Der gute Namen des Betriebes spielt da oft eine größere Rolle als das rein betriebswirtschaftliche Rating durch die Bank.”
Grenze schnell erreicht
So positiv die Signale aus der Provinz sind, oftmals bleibt bei größeren Kreditsummen nur der Weg zu den Großbanken. Denn die regionalen Kreditinstitute müssen laut Bankenaufsicht BaFin ihre Kreditobergrenze abhängig von der Bilanzsumme deckeln. Oftmals endet daher die Großkreditgrenze für Einzelkreditnehmer bei vier oder fünf Millionen Euro.
Zudem fürchten viele Bankenexperten, dass die Sparkassen und Volksbanken die volle Breitseite einer zweiten Bankenkrise abbekommen. Das könnte dann eintreten, wenn die Krise Ende des Jahres zu verstärkten Insolvenzen bei den Klein- und Mittelständlern führen würde. Im Sog dieser Belastungen könnten auch regionale Kreditinstitute in die Knie gehen.
Bleibt die Frage, ob es daher im nächsten Jahr noch schwieriger werden wird, an Geld zu kommen. Dieses Problem sieht der Genossenschafts-Banker und diplomierte Bankbetriebswirt Lautenbacher nicht: „Es wird immer darauf ankommen, wie das Unternehmen aufgestellt ist.” Er rät zudem, sich intensiv um die vom Staat zur Verfügung gestellten Fördermittel zu kümmern. Zwar lauern auch hier viele Fallstricke in Form von Bürokratismus; trotzdem lohnt sich der Aufwand: „Es gibt viele Möglichkeiten aus den Förderprogrammen der Banken gute Programme abzurufen.”
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Fünf Fragen an Werner Liebmann, FWI
„Keine branchenweite Kreditklemme”
Werner Liebmann ist Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Drehteile-Industrie, die sehr früh und nachhaltig von der Krise getroffen wurde.
Herr Liebmann, zur Zeit ist viel von einer „Kreditklemme” die Rede: Banken verweigern den Unternehmen dringend benötigtes Kapital. Können Sie diese negativen Begleiterscheinungen der Wirtschaftskrise auch bei Ihren Verbandsmitgliedern beobachten?
Eine branchenweite oder flächendeckende restriktive Kreditvergabe können wir nicht feststellen. Das Gros der Unternehmen kommt eigentlich ganz gut zurecht. Das hängt auch damit zusammen, dass wir es mit klein- und mittelständischen Unternehmen zu tun haben, die meistens mit den regionalen Kreditunternehmen vor Ort zusammenarbeiten.
Merken Sie trotzdem, dass die Banken bei Kreditgesprächen intensiver nachbohren?
Das auf jeden Fall. Die Banken möchten mehr Informationen haben als früher; das Geld fließt sicherlich nicht mehr so schnell. Zudem fassen die Banken oftmals den Zeithorizont der Betrachtung sehr weit. Für die Unternehmen ist es in der jetzigen Zeit aber sehr schwer, Prognosen aufzustellen, die zwei oder drei Jahre in die Zukunft weisen. Trotzdem fordern manche Kreditinstitute diesen weiten Zeitrahmen. Tatsache ist auch, dass sich die Kreditkonditionen, je nach Lage des Unternehmens, durchaus verschlechtert haben.
Mussten Sie bereits Insolvenzen aufgrund fehlender Kreditvergabe aufnehmen?
Wir hatten einige Insolvenzen im ersten Halbjahr 2009. Aber die sind aus unserer Sicht in den meisten Fällen nicht ursächlich auf eine restriktive Kreditvergabe der Banken in diesem Zeitraum zurückzuführen.
Was raten Sie Ihren Verbandsmitgliedern: Wie sollen sie bei Gesprächen mit Kreditinstituten vorgehen?
Ich kann nur raten, aktiv auf die Banken zuzugehen und frühzeitig Aufklärung über die nächsten Unternehmensschritte zu geben. Also nicht erst warten, bis die Bank mit unangenehmen Fragen anklopft. Nimmt man eine aktive Position ein, funktioniert die Zusammenarbeit meist problemlos.
Denken Sie, dass das Thema „Kreditklemme” in den Medien auch ein wenig hochgespielt worden ist?
Im ersten Halbjahr war es einfach so, dass die Unsicherheit alle in ihren Bann gezogen hatte. Deshalb agierten auch die Banken sehr zurückhaltend. Ich merke momentan eher eine gewisse Entspannung in diesem Bereich. Das gilt allerdings nicht für Unternehmen, die eng an der Automobilindustrie hängen.




