Das fertigung-Interview
„Wir werden weiter überdurchschnittlich wachsen”
28.09.2009
Standortbestimmung: Die Walter AG gehört zu den Großen im weltweiten Werkzeugegeschäft, mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten in den letzten Jahren. Im Gespräch mit fertigung-Chefredakteur gibt Vorstandsvorsitzender Peter Witteczek Auskunft über die Auswirkungen der Krise, über neue Produkte und Dienstleistungsangebote und schildert, wie er sich die weitere Zukunft vorstellt.

„Aus heutiger Sicht betrachtet, müsste es bis Mitte nächsten Jahres wieder besser werden. Aber erst ab 2011 werden wir wieder von zweistelligen Wachstumsraten sprechen."
Herr Witteczek, vor gut einem Jahr postulierten Sie mit dem Slogan „1B10″ den Anspruch, dass die Walter AG bis Ende 2010 ihren Umsatz auf eine Milliarde Euro hochschrauben würde. Die Krise hat Ihnen einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Hält man trotzdem weiter an dieser Aussage fest?
Das Ziel bleibt ganz klar bestehen. Wir können in der derzeitigen Situation nur nicht sagen, wann wir die Milliarde erreichen; das kann 2012 genauso sein wie erst 2013. Fakt ist, dass wir in der Vergangenheit stärker als der Markt gewachsen sind. Und das wollen wir auch in Zukunft so halten.Eine Möglichkeit zu wachsen ist Zukauf. Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, dass die Walter AG etwas in diese Richtung planen könnte …
(lacht) Gerüchte eben, Herr Pittrich. Lassen Sie sich doch von unserer Pressekonferenz Ende September überraschen.
Mit dem Merger Walter, Titex und Prototyp hatte man in der jüngsten Vergangenheit bereits die Weichen in Richtung Wachstum gestellt. Hat sich diese Vorgehensweise auch in den Zeiten der Krise bewährt?
Absolut. Unsere Erwartungen wurden sogar übererfüllt. Das sage ich nicht, um eine beschönigte Darstellung zu geben, sondern das sagt uns der Markt.
Inwiefern?
Weil wir nachweislich Marktanteile gewonnen haben und zwar über alle Marken gesehen.
In Deutschland wird ja nach wie vor jede Marke einzeln vertrieben. Macht das Sinn?
Wir sind aktuell dabei, unseren Deutschlandvertrieb auf das Multibranding umzustellen. Das heißt: Jeder Außendienstmitarbeiter vertreibt alle Marken. Wenn es dann ins Detail geht, werden je nach Bedarf die Spezialisten von Walter, Titex oder Prototyp angesprochen.
Warum erfolgt diese Markenkonzentration erst jetzt?
Im Gegensatz zu den globalen Märkten – wo wir ja seit Beginn des Mergers mit der Multibranding-Strategie gefahren sind – waren wir in Europa und Deutschland vorsichtiger. Denn dort hatten alle drei Marken unabhängig voneinander ein gutes Standing. Wir wollten also einerseits unsere Kunden nicht überfordern, andererseits auch den Mitarbeitern Gelegenheit geben, sich auf diese neue Situation einzustellen. In Europa haben wir bereits Anfang des Jahres angefangen, den Vertrieb auf Mulitbranding umzustellen; jetzt folgt Deutschland. Einfach deshalb, weil die Anwender das auch so wollen.
Ein wichtiger Garant für den Erfolg dieser Strategie ist das Außendienstnetz, das speziell in Deutschland in den letzten Jahren sehr eng geknüpft wurde. Werden die Maschen nun – krisenbedingt – größer?
Bei den gesamten Kostendämpfungsmaßnahmen, die wir verständlicherweise ergreifen mussten, wurde nie ein Gedanke daran verschwendet, die Vertriebsmannschaft in Deutschland zu reduzieren. Es gibt im Vertrieb auch keine Kurzarbeit. Das macht für mich keinen Sinn.
Wie hat die Walter AG eigentlich bisher auf die Krise reagiert?
Wir sind ab Mai in Kurzarbeit gegangen – wohlgemerkt nicht im Vertrieb und auch nicht in Forschung und Entwicklung. Zudem haben wir konsequent alle Messeauftritte in diesem Jahr gestrichen. Als weitere Maßnahme wurden die ausländischen Produktionsstandorte in Australien, Korea, Österreich und Italien geschlossen. Es kann nämlich nicht sein, dass wir in Deutschland 200 Millionen Euro in modernste Produktionsstätten investiert haben, die dann leer stehen.
Die deutschen Standorte werden also nicht angetastet?
Wir nutzen aktuell die Kurzarbeit, um die Situation zu überbrücken und nutzen die Zeit zur Straffung unserer Prozesse und Strukturen. Wir hoffen, dass dies ausreicht.
Mit welchem Umsatzückgang rechnen Sie in diesem Jahr?
Wir rechnen mit einer Größenordung von eta 30 Prozent.
Wann erwarten Sie eine Rückkehr zur Normalität?
Aus heutiger Sicht betrachtet, müsste es bis Mitte nächsten Jahres wieder besser werden. Ich kann mir vorstellen, dass wir 2010 mit einem Plus von etwa fünf Prozent im Vergleich zu 2009 rechnen können. Erst ab 2011 werden wir wieder von zweistelligen Wachstumsraten sprechen.
Es gibt ja das Sprichwort: „Eine Krise ist immer auch eine Chance”. Wie nutzt Walter die gegenwärtige Krise?
Sicherlich auf mehreren Ebenen. Zum einen forcieren wir unser Dienstleistungsangebot „Walter Productivity Service”. Zum anderen haben wir in den letzten acht Monaten rund 1000 neue Produkte in den Markt gebracht.
Alle aufzuzählen, würde unser Heft sprengen. Können Sie mir ein paar Highlights nennen?
Dazu gehört sicherlich das modulare Fräsersystem „ConeFit” von Prototyp. Damit bezeichnen wir ein Wechselkopfsystem, bestehend aus Vollhartmetallfräsköpfen und Stahlschäften. Das Herzstück des Systems bildet ein zum Patent angemeldetes, selbst zentrierendes Präzisionsgewinde; eine Art Mischung aus Säge- und Trapezgewinde. Da durch den Einsatz von ConeFit weniger Komplettwerkzeuge angeschafft werden müssen, verringern sich unterm Strich die Werkzeugkosten. Sehr gut eingeschlagen hat auch unser neues Stechdreh-Programm …
Ein Bereich, den Walter in der Vergangenheit ein wenig stiefmütterlich behandelt hat …
Bis wir gesehen haben, dass es sich hier um einen nicht unbedeutenden Wachstumsmarkt handelt. Deshalb geben wir jetzt verstärkt Gas. Der hohe Auftragseingang zwingt uns sogar dazu, die Fertigung für die Stechdrehprodukte hochzufahren.
Der Wettbewerb auf diesem Gebiet ist ja nicht gerade klein. Was macht die Walter AG hier anders als die Anderen?
Unsere Stärken liegen im Bereich Substrat und Beschichtung. So kommt für das neue Stechdrehprogramm eine neue PVD-Aluminiumoxid-Beschichtung zum Einsatz. Eine Technologie übrigens, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Im Bereich Beschichtung werden wir zudem noch in diesem Jahr eine absolute Neuheit bringen …
Sie machen mich neugierig.
Das ist ein absolutes Highlight; ähnlich sensationell einzuordnen wie damals die Einführung unseres TigerTec-Programms. Es geht dabei um eine völlig neue Art von Beschichtung. Erste Testläufe haben gezeigt, dass wir im Vergleich zu bisherigen Produkten mit einer Standzeiterhöhung von 80 bis 90 Prozent rechnen können.
Wann kommt das Produkt in den Markt?
Ich rechne mit einer Einführung ab kommenden Oktober.
Sehr im Trend liegen momentan PKD- und CBN-Werkzeuge. Kümmert man sich bei Walter um diesen Markt?
Natürlich. Wir sind im PKD-Bereich bereits mit Werner Schmitt PKD vertreten. Und durch die Sandvik-Tochter Diamond Innovations haben wir Zugang zum CBN-Markt; auch deshalb, weil dort eigene Leute von uns sitzen. Es besteht ein absolutes Übereinkommen im Haus, dass wir zu den bisherigen Marktführern aufschließen wollen und auch werden. Es wird in naher Zukunft eine deutliche Produktoffensive von Walter bei PKD- und CBN-Werkzeugen geben.
Sie hatten bereits den Bereich Dienstleistung angesprochen. Das ist ein Thema, auf den sich mittlerweile einige, vor allem auch die großen Werkzeughersteller stürzen. Macht es Sinn, dass sich Walter jetzt auch dort engagiert?
Wir sind mit unserem Angebot „Walter Productivity Service” seit etwa vier Jahren im Markt tätig. Unser Ansatz geht ja weit über das reine Optimieren von Werkzeugen hinaus. Wir durchleuchten den gesamten Fertigungsprozess am realen Kundenwerkstück, das bei uns im Hause zerspant wird. Schritt für Schritt wird die Fertigung optimiert, ausgelegt und anschließend beim Kunden implementiert. Ganz wichtig dabei: Wir lassen uns diese Dienstleistung bezahlen.
Wirklich?
Das ist die Grundvoraussetzung für unser Engagement. Denn darin steckt so viel Aufwand und Know-how, dass wir das nicht kostenlos machen können und wollen.
Ich habe eher das Gefühl, dass die Unternehmen zur Zeit den Cent zweimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben.
Ich habe auch nicht gesagt, dass es ein leichter Weg ist, den wir da zu gehen bereit sind, und den wir auch gehen werden. Aber die Unternehmen haben jetzt die Zeit, unseren Vorschlägen zuzuhören und sie zu überdenken. In Zeiten der Hochkonjunktur ist das kaum möglich. Und es gibt durchaus Anwender, die sehr begeistert reagieren, wenn sie die Ergebnisse unserer Arbeit sehen.
Können Sie mir Namen nennen?
Die Firmen SHW und SEW-Eurodrive beispielsweise. Dann haben wir aktuell ein Projekt in Spanien bei einem deutschen Automobilzulieferer, das kurz vor Vertragsabschluss steht. Ähnlich verhält es sich bei einem großen Landmaschinenhersteller hier in Deutschland. Zur Zeit gibt es im Bereich Walter Productivity Service rund 15 Projekte, die bereits am Laufen sind oder kurz vor dem Abschluss stehen.
Was erwartet man sich von diesem Standbein in Zukunft an Umsatz?
Ich denke, dass wir mittelfristig die Chance haben, etwa 15 oder 20 Prozent zu erreichen. Dass es uns damit ernst ist, sieht man auch daran, dass wir aktuell Kapazitäten im Vertrieb umschichten, um diesen Bereich zu forcieren.
Wie schon gesagt, die Walter AG ist nicht der einzige Werkzeughersteller, der diesen Weg geht, und er ist auch nicht der einzige, der mit neuen Produkten kommt. Der Markt wird aber – auch nach der Krise – nicht viel größer werden. Man muss sich also auf einen massiven Verdrängungswettbewerb einstellen.
Da muss ich Ihnen teilweise widersprechen, Herr Pittrich. Der Markt wird wachsen, wenn auch in anderen Branchen wie heute. Der Bereich Automotive und Zulieferer wird sicherlich noch ein paar Jahre zu kämpfen haben. Aber es gibt Branchen, die heute bereits gut unterwegs sind und es auch in Zukunft sein werden.
Welche?
Ganz klar der Bereich regenerative Energien, allen voran die Windkraft. Aber auch das Verkehrswesen, dort vor allem beim Schienenverkehr, bewerten wir als Zukunftsmarkt und das weltweit. Viele Länder müssen und werden ihre maroden Eisenbahnnetze jetzt auf Vordermann bringen. Eine ähnliche Entwicklung sehe ich auch für die Großdieselfertigung, beispielsweise im Einsatz für die Schifffahrtindustrie.
Ist die Walter AG auf diese Marktveränderungen eingestellt?
Wir haben die Produkte dafür, ganz sicher. Wir müssen vielleicht die Kundenansprache anders ausrichten und Personal von einen Bereich in den anderen umschiften. Wenn wir sehen, dass eine Branche gut läuft, dann stellen wir auch in der jetzigen Zeit Mitarbeiter ein. Das gilt auch für die Märkte weltweit.
Gibt es überhaupt noch Regionen, wo es Spaß macht hinzugehen?
China ist nach wie vor ein interessanter Markt. Sicherlich spürt man auch dort die Krise, aber bei weitem nicht so wie hier in Europa. Und erste Anzeichen deuten darauf hin, dass dort bereits wieder eine Erholung einsetzt. Wir haben nicht umsonst vor kurzem in Wuxi eine neue Produktionsstätte für den chinesischen und asiatischen Raum eröffnet.
Kommen wir zu einem anderen Thema. Ich war zugegebenermaßen ein wenig verwundert, wie schnell sich gerade die Werkzeugehersteller von der EMO in Mailand zurückgezogen haben. Ist daran wirklich nur die Krise schuld?
Wie bereits erwähnt: Aus Kostengründen haben wir in diesem Jahr alle Messauftritte gestrichen. Nächstes Jahr agieren wir sicherlich anders. Ich bin aber auch von Haus aus ein Messekritiker. So haben wir selbst in guten Zeiten nur eine Messe pro Land bestückt. Das reicht; lieber lade ich die Kunden zu uns nach Tübingen ein. Da haben beide Seiten mehr davon.

„Ich glaube durchaus, dass es Jüngere gibt, die meinen Job mindestens genauso gut machen. Auch das ist ein Grund, warum ich mich in zwei Jahren zurückziehen werde."
Wird der Vorstandsvorsitzende Peter Witteczek die nächste EMO in Hannover noch besuchen? Sie sind jetzt 65 Jahre alt. Denken Sie ab und zu ans Aufhören?
(lacht) Aber sicher; auch deshalb, weil ich meine, dass jede Zeit seine Persönlichkeiten braucht. Ich glaube durchaus, dass es Jüngere gibt, die meinen Job mindestens genauso gut machen. Auch das ist ein Grund, warum ich mich zu gegebener Zeit zurückziehen werde. Dann ist es einfach genug.
Ein starkes Wort. Gibt es bereits Überlegungen, wer die Nachfolge antreten könnte.
Die gibt es.




