Reportagen + Trends
Medizintechnik
Aufs richtige Pferd gesetzt
24.11.2009
Automatisierung: Wachstum in der Krise? Wie das geht, zeigt der belgische Lohnfertiger E.S. Healthcare: Konsequente Automatisierung bei Losgröße 1, angepasster Maschinenpark, engagierte Mitarbeiter und ein ERP-System der Fauser AG, das den notwendigen Überblick bringt.
Man mag es kaum glauben. Es gibt noch Unternehmen, die in der jetzigen Zeit zulegen und auch auf Wachstum setzen. Der belgische Lohnfertiger E.S. Healthcare ist so ein seltenes Pflänzchen. „Wir sind”, sagt Geschäftsführer Erik Schildermans, „in den letzten drei Jahren rasant gewachsen und werden auch nicht stehen bleiben”. Dass diese Aussage stimmt, kann fertigung bestätigen. Der letzte Redaktionsbesuch in Belgien liegt knapp drei Jahre zurück. Seinerzeit hieß das Unternehmen noch E.S. Tooling, beschäftigte 14 Mitarbeiter und bereitete sich gerade vor, in die Fertigung von Dentalimplantaten einzusteigen.
Heute stehen 45 Mitarbeiter in Lohn und Brot, die rund 80 bis 100 Implantate/Tag produzieren und weltweit verschicken. Drei Fertigungszellen á drei Willemin-Macodel Fräsmaschinen vom Typ 408S sorgen für die Bearbeitung der Implantate rund um die Uhr. Verkettet sind die Zellen mit einem Workmaster-Roboter von System 3R.
Und noch etwas ist anders: Wurden früher die Aufträge und der Arbeitsfluss mehr oder weniger manuell überwacht, erledigt das mittlerweile die ERP-Software „JobDispo” der Fauser AG. Die Wahl fiel nicht von ungefähr auf das Produkt der Software-Spezialisten aus Gilching, nahe München. Vor allem die Nähe zum Automatisierer System 3R und zum Spannmittelhersteller Spreitzer, der die Schraubstöcke für E.S. Tooling lieferte, über die „Manufacturing Alliance”-Kooperation verhalf der Fauser AG zu einer guten Ausgangsposition.
Die sehr einfache Bedienung der JobDispo-Software und problemlose Integration vorhandener Daten gab dann den letzten Ausschlag. Tim Smulders, bei E.S. Healthcare für die Automatisierung verantwortlich, ist sicher, die richtige Auswahl getroffen zu haben: „Wir haben ein individuell auf uns zugeschnittenes ERP-System bekommen, auf Basis eines Standardprogramms.”
 Meine Meinung
Angekündigt war es schon lange, jetzt folgen auch die ersten Umsetzungen: Die Manufacturing Alliance macht ernst. Was der Anwender davon hat, zeigt ein Blick auf das Unternehmen E.S. Healthcare: Schnell und unkompliziert wurde hier eine Lösung etabliert, die dem Einzelfertiger auf den Leib geschnitten ist – basierend auf einem Standardprodukt, ohne großen Programmier-Schnick-Schnack. Nur so kann der auch seine ehrgeizigen Wachstumsziele realisieren. Wer es nicht glaubt, kann sich übrigens bei E.S. Healthcare gerne selbst umtun: Die Türen der Belgier stehen für Besucher offfen.
Wolfgang Pittrich, Redaktion fertigung
Angepasste Standardlösung
Das heißt: Alle Sonderwünsche sind ausschließlich über Plug-ins realisiert worden. „Eine spezielle Programmierung”, sagt Michael Fauser, Vorstand der Fauser AG, „war gar nicht notwendig.” Ein Beispiel dafür ist der Varianten-Generator. In diesem Software-Tool hat E.S. Healthcare für jeden Auftrag die Durchlaufzeiten, Materialmengen und Kosten hinterlegt. Trotz Einzelfertigung kann deshalb bei einer neuen Order schnell eine Vorkalkulation und Zeitabschätzung für den Auftrag gemacht werden. Wichtig vor allem dann, wenn es um komplizierte Teile geht, die zeitkritisch sind.
„Wir wollten dieses Tool, in dem ja unser gesamtes Know-how steckt, auf jeden Fall in JobDispo integrieren”, verdeutlicht Tim Smulders die Dringlichkeit des Anliegens. Die Lösung sieht nun so aus, dass über ein Plug-in ein Varianten-Generator im ERP-System integriert wurde, den der Kunde nun nach Gusto füllen kann.
Eine weitere Anforderung des Lohnfertigers an die Fauser AG lautete, eine Schnittstelle zur hauseigenen „IsuSsoft”-Software einzurichten. Mit diesem speziellen Programm können Dentallabore oder andere Kunden ihre Gebissmodelle einscannen und CAD-Daten generieren, die an E.S. Healthcare gemailt werden. Das Problem in der Vergangenheit war, dass die Flut von E-Mails manuell kontrolliert werden musste; auch die Auftragserstellung erfolgte umständlich und mühsam per Hand.
Durch die Anbindung an JobDispo – ebenfalls über ein Plug-in – geschieht dieser
Vorgang nun automatisch. Parallel dazu erstellt das System eine Materialliste und gibt Vorschläge zur optimalen Maschinenbelegung. „Das ist toll”, sagt ein begeisterter Tim Smulders, „und versetzt uns in die Lage, die Aufträge in den geforderten 48 Stunden auch wirklich durchzuschleusen.” Angenehmer Nebeneffekt: Die Software automatisiert auch die Lieferung und Rechnungsstellung an unterschiedliche Adressen; peinliche Verwechslungen sind also ausgeschlossen. Angetan war E.S. Healthcare übrigens auch von der schnellen Implementierungszeit. Nach nur sechs Wochen und zwei Besuchen des Fauser AG-Teams in Belgien lief das Programm problemlos.
Keine Schnittstellenproblematik
Ohne Probleme funktioniert auch die Interaktion des „Workshopmanagers” von System 3R und JobDispo – also von Organisations- und Shopfloor-Ebene. Hier greift die enge Zusammenarbeit der Fauser AG und System 3R über die Manufacturing Alliance-Kooperation. Sie hat zudem die Integration der Willemin-Macodel-Maschinen in die Automatisierungswelt von System 3R erleichert, denn speziell für E.S. Healthcare musste man eine neue Schnittstelle schaffen.
Nach einem knappen Jahr Praxiseinsatz mit JobDispo ist der Datentransfer bei E.S. Healthcare nahezu abgeschlossen. Jetzt heißt das Ziel, das Unternehmen noch transparenter zu machen und den Workflow noch besser zu steuern. „Wir können dann auch Informationen abrufen”, ist sich Erik Schildermans gewiss, „die uns sicherer in die nahe Zukunft blicken lassen.”
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