Branchenreport
Innovationen auf Sparflamme
24.11.2009
Qualität statt Quantität: Eher als kleine Lichter am Ende des Tunnels waren auf der Messe in Mailand konkrete Neuheiten auszumachen. Die Aussteller geizten mit echten Innovationen. Mehr Feintuning am Produkt als Neuerung war angesagt. fertigung hat dennoch einige Neuheiten aufgespürt und exklusiv recherchiert.
Messen stillen neben dem Informationsbedürfnis auch immer die Lust nach Branchen-Klatsch- und -Tratsch. Da machte die EMO in Mailand keine Ausnahme. Vor allem die Kooperation Gildemeister AG und Mori Seiki wurde in den Gängen und zwischen ein paar Häppchen genüsslich durchgekaut. Der Tenor der Gespräche war recht einheitlich: Wann kommt es zur kompletten Übernahme der Deutschen durch die Japaner? Oder scheitert die Kooperation unter Gleichen ähnlich einem deutsch-amerikanischen Vorbild bereits wieder nach zwei Jahren?
Jenseits dieser Markt- und geopolitisch wichtigen Fragen gingen die Chronisten relativ uninspiriert durch die Gänge. Die wirklich innovativen Produkte waren kaum zu finden. Aber sie waren da.
So hatte der Werkzeugrevolverspezialist Sauter Feinmechanik GmbH, Metzingen, in Halle 7, Stand F10, einen direkt angetriebenen Revolver ausgestellt, der durchaus den Namen Innovation verdiente. Auch deshalb, weil hier mit viel Herzblut seitens der Belegschaft innerhalb kürzester Zeit ein neues Produkt auf die Beine gestellt wurde (siehe auch Interview auf der nächsten Seite). Gemeint ist ein ultrakurzer Werkzeugrevolver in Einmotorentechnik und mit Werkzeug-Direktantrieb und hoher Leistungsdichte. Erste Kontakte zur EMO, so Sauter-Geschäftsführer Heiko Müller, zeigen, dass die Entwicklung das Herz der Anwender getroffen hat: „Die Besucher bestätigen uns, dass alle Wünsche, die sie an einen Revolver stellen, mit unserem neuen Produkt erfüllt werden.”
Meine Meinung
Eines vorweg: Es war keine EMO der leeren Gänge und auch keine mit nur italienischen Besuchern. Es war eine internationale Werkzeugmaschinenshow, angepasst an die konjunkturelle Lage. Wer nicht ausgestellt hatte, war selbst schuld oder hatte andere gewichtige Gründe. Die Frage bleibt allerdings – auch und gerade wegen der ausufernden Diskussionen im Vorfeld -, ob sich der Messestandort Mailand halten kann. Eine EMO in Hannover wäre – und das ist nicht nur die deutsche Sicht – deutlich besser besucht gewesen. Überhaupt sollte der Cecimo als Dachverband mehr in sich gehen und überlegen, ob das „M” in EMO genügend repräsentiert ist. Mondial bedeutet welt- und nicht nur europaweit. Eine EMO USA, EMO Japan oder EMO China stände der Branche gut zu Gesicht.
Wolfgang Pittrich, Redaktion fertigung
Als „Einstieg in eine neue Drehmaschinen-Ära” feierte die GDW Werkzeugmaschinen Herzogenaurach GmbH ihre neue Leit- und Zugspindeldrehmaschine LZ VS, die in den Baugrößen 280 und 400 vorgestellt wurde.
Und auch hier kann man nur sagen „Hut ab” vor dem, was die Herzogenauracher auf dem Gebiet der konventionellen Drehmaschinen zu zeigen haben. Vor allem die LZ 280 VS ist ein feines Maschinchen für die Ausbildung und den Werkzeug- und Formenbau, die durch hohe Präzision, aber noch mehr duch eine ausgefeilte Bedienung besticht.
Erwähnenswert ist das Werkzeugidentifikationssystem über einen am Werkzeug angebrachten Identchip; dazu können bis zu 50 Werkzeuge im Speicher hinterlegt werden. Der Bediener kann sowohl konstante Drehzahl also auch konstante Schnittgeschwindigkeit eingeben, hat aber jederzeit die Möglichkeit manuell
einzugreifen und diese Werte abzuspeichern. Ebenfalls hinterlegt ist eine programmierbare Nullpunktverschiebung und eine Drehzahlbegrenzung. Interessant ist der Preis der kleinen Variante. Die Vorgabe von GDW lautete: Eine State-of-the-Art-Maschine anzubieten, die trotz der elektronischen Komponenten unter 30 000 Euro liegt. Und das ist auch gelungen.
Ebenfalls unter die Rubrik „Erwähnenswert” fällt die „Laser”-Baureihe von
AgieCharmilles. Der Ansatz dahinter ist zwar nicht mehr brandneu, die Umsetzung der Schweizer hat allerdings Potenzial: Per Laser-Ablation, also genau definiertem Materialabtrag, sollen Funktionsoberflächen und Designstrukturen schneller auf Werkzeugoberflächen aufgebracht werden können als durch bisher übliche Ätzverfahren. Ein mögliches Anwendungsfeld ist beispielsweise die Herstellung von Presswerkzeugen für Pkw-Armaturenbretter; bislang ein sehr zeitaufwändiges Verfahren. Die neue Produktreihe umfasst vier Maschinen, die von der Laser 500 mit drei Achsen über die Laser 600 und 1000 mit drei oder fünf Achsen bis zur Laser 1200 mit fünf Achsen reichen. Im Vergleich zu einem ähnlichen Verfahren können große und schwere Werkstücke mit einem Volumen von 700 x 700 x 700 mm und 1700 kg Gewicht bearbeitet werden.
Und nochmals Branchengeflüster: Nach der kürzlichen vollzogenen Trennung von General Electric (GE) präsentierte sich Fanuc CNC Europe unter der Leitung von Pascal Boillat, President & CEO, mit klaren Zielen: „Wir wollen die Werkzeugmaschinenhersteller in Europa noch besser unterstützen.” Im Rahmen eines Revirements wurde auch die Stelle des Deutschland-Geschäftsführeres neu besetzt: Auf Leopold Schenk folgt Christian Jung.
Produktseitig lauteten die Schlagworte: Sicherheit und Energieeffizienz. So bietet Fanuc aktuell eine Funktion zum Energieeinsparen bei den Highend-CNC-Steuerungen der Serien 30i/31i/32i Modell A: „Energie Monitoring” optimiert das Einstellen der Achsen während des Bearbeitungsprozesses unter Berücksichtigung eines effizienten Energieeinsatzes. Da Energieeffizienz und Maschinensicherheit in Deutschland einen extrem hohen Stellenwert haben, dürften diese Steuerungs-Features dem Ziel des neuen Geschäftsführers Christian Jung entgegenkommen, den Marktanteil in Deutschland weiter zu erhöhen.
Marktanteile gewinnen will auch Emag, Salach, und zwar durch den Einstieg in eine völlig neue Technologie. Die Rede ist von ECM und PECM, also elektrochemische Metallbearbeitung (electrochemical machining) und deren gepulste Variante. Den Einstieg hat man durch den Kauf des ECM/PECM-Anbieters Dorner GmbH, Gaildorf, vollzogen. Zu sehen gab es in Halle 2 auf dem Emag-Stand noch wenig; nur eine schmale Vitrine mit für Emag ungewöhnlich kleinen Exponanten verwies auf die neuen Verfahren.
Womit auch die Zielrichtung vorgegeben ist: Die Salacher erhoffen sich durch dieses Finishing-Verfahren, das bisher hauptsächlich zum Entgraten komplexer Teile eingesetzt wird, den Zugang zu neuen Branchen wie Medizintechnik sowie Luft- und Raumfahrt. Momentan, so die Auskunft am Stand, befinde man sich allerdings noch in der Orientierungsphase.
Richtungsweisend war dagegen bereits der VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken) unterwegs, der die Kampagne „Blue Competence” vorgestellt hatte. Die Stoßrichtung beschrieb VDW-Vorsitzender Carl-Martin Welcker mit selbstbewussten Worten: „Die EMO Mailand ist für uns ein willkommener Anlass, um das Thema Energieeffizienz für die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie zu besetzen.”
Damit aber nicht genug. Im europäischen Kontext wolle man sich der Themen Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit annehmen: „Die europäische Werkzeugmaschinenindustrie wird neben technischen Spitzenleistungen künftig auch hier Maßstäbe setzen und kontinuierliche Verbesserungen herbeiführen.
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Fünf Fragen an Heiko Müller, Sauter Feinmechanik GmbH
„Grossen Wurf gelandet”
Die Sauter GmbH hatte zur EMO einen leisen Auftritt, aber einen Knaller im Gepäck. fertigung sprach mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Heiko Müller über den neuen, ultrakurzen Revolver.
Herr Müller, was ist so innovativ am neuen Sauter-Revolver?
Zuerst einmal bringt der neue Revolver die doppelten Leistungsdaten in Bezug auf Drehzahl und Kilowatt eines konventionellen Revolvers. Also statt 4000 Umdrehungen können wir 10 000 Umdrehungen fahren, wobei wir diese Drehzahl in nur 0,35 Sekunden erreichen. Das sagt bereits sehr viel über die Motorleistung. Wichtig ist dabei, dass wir in diesen Revolver herkömmliche VDI-Werkzeuge einsetzen können.
Wodurch erreichen Sie diese hohe Leistungsdichte?
Wir haben es hier mit einem Revolver zu tun, der auf die Einmotorentechnik setzt. Der Motor für den Werkzeugantrieb schwenkt auch die Werkzeugscheibe. Die gesamte Antriebstechnik für die Werkzeuge wiederum haben wir in die Scheibe gepackt. Das heißt: Wir haben einen Motor weniger und dadurch einen deutlich verkürzten Bauraum. Zudem arbeitet der Revolver wirtschaftlicher und der Maschinenhersteller muss eine Achse weniger ansteuern.
Welche Vorteile hat der Anwender?
Er kann jetzt in einem sehr kompakten Revoler angetriebene Werkzeuge mit sehr kleinem Durchmesser einsetzen und auch mit der geforderten hohen Drehzahl fahren – ohne am angetriebenen Werkzeug eine Übersetzung zu benötigen. Auf der anderen Seite bieten wir dem Anwender mit unseren Werkzeugen auch die Möglichkeit, sehr große Messerköpfe einzusetzen, um auf ein entsprechendes Spanvolumen zu kommen.
Ist das für Sauter der Schritt in die Drehmaschinenzukunft?
Wir sind absolut überzeugt, mit diesem Produkt den großen Wurf gelandet zu haben. Es ist einerseits unsere Weiterentwicklung einer ganz wichtigen Innovation, nämlich des direkten Werkzeugantriebs mittels integriertem Motor in der Scheibe. Andererseits können wir jetzt endlich den Anwender auf dem VDI-Sektor abholen und bedienen.
Innovativ war auch das Entwicklungskonzept hinter dem Produkt
An der Produktentwicklung arbeiteten eigentlich alle zentralen Bereiche des Unternehmens mit. Das heißt, der Vertrieb genauso wie die Produktion, die Arbeitsvorbereitung sowie die Betriebsmittelkonstruktion und Montage oder das Marketing. Diese konzertierte Aktion hat in Summe dazu geführt, dass wir den Revolver in einer Rekordzeit von zwei Monaten, von der Produktidee bis hin zur harten Ware, umsetzen konnten. Es ist ein Produkt, hinter dem das ganze Unternehmen steht. Und diese Begeisterung überträgt sich auch auf die Kunden.




