Das fertigung-Interview
Medizintechnik
„Technologie zieht Aufträge an”
24.11.2009
Hintergrund: Medizintechnik ist eine Schlüsselbranche, wenn es um die Mikrotechnologie und um höchste Präzision geht. fertigung sprach mit Rudolf Riedel, Geschäftsführer Kern Micro- und Feinwerktechnik GmbH & Co. KG, und Dirk Dombert, Geschäftsführer der Cimatron GmbH, über Chancen in diesem lukrativen Feld.
Herr Riedel, Herr Dombert – kann man mit Metallbearbeitung in der Medizintechnik heute noch Geld verdienen?
Dombert: Aber ja! Unsere Kunden bestätigen einhellig, dass die Preise in dieser Branche noch sehr gut sind. Die Medizintechnik hat Zukunft, verträgt durchaus noch zusätzliche Zulieferer. Besonders der Bereich der Mikrosystemtechnik scheint mir interessant zu sein. Hier werden höchste Ansprüche an die Präzision in den Prozessen gestellt.
Riedel: Zugegeben, ein Großteil der Bearbeitung – schätzungsweise 80 Prozent – in der Medizintechnik gehört nicht in den Höchstpräzisionsbereich, etwa wenn es um Implantate beispielsweise als Knochenersatz geht. Da kommt es aufs µ nicht unbedingt an. Interessant wird es jedoch bei Teilen mit Funktionen: Eine künstliche Herzklappe muss sehr genau in ihre Führung passen. Sonst kann sie nicht störungs- und verschleißfrei arbeiten.Was ist so diffizil an der Mikro- und Hochpräzisionsbearbeitung?
Riedel: Wenn es um höchste Präzision geht, wurde bislang fast ausschließlich erodiert. Heute wird direkt ins Harte gefräst – mit Werkzeugen, die gerade einmal 50 bis 100µm Durchmesser haben. Das verlangt nicht nur entsprechendes Equipment – der Anwender braucht auch viel Know-how.
Dombert: Denn Material und Werkzeuge sind höchst anspruchsvoll, verzeihen nichts. Nur optimierte Werkzeugwege sind Garant für Oberflächengüte, hohe Standzeit des Fräsers und kurze Maschinenlaufzeit. Das verlangt allerdings eine sehr versierte NC Programmierung.
Welche Entwicklungen beobachten Sie in diesem Markt?
Riedel: Wir reden hier über Bearbeitungsaufgaben, die bislang meist als Einzelfertigung ausgelegt waren, jetzt aber durchaus in hohe Stückzahlen gehen können. Das erfordert Automation – die wertvolle Maschine muss künftig auch in der Geisterschicht laufen, um sich entsprechend schnell zu amortisieren.
Dombert: Die Konsequenz: Wir müssen dem Anwender höchste Prozesssicherheit bieten. Und zwar auf Seiten der Maschine, aber auch auf Seiten der CAD/CAM-Technologie: Die Programme, die auf die Maschine übertragen werden, müssen absolut fehlerfrei und von hoher Güte sein. Nur so lässt sich eine mannlose Fertigung auch umsetzen.
Was ist derzeit in diesem Bereich die größte Herausforderung?
Riedel: Die Fachleute! Es ist trotz Krise schier unmöglich, entsprechend qualifizierte Kräfte zu finden. Denn der Bedarf steigt ständig. Das merken wir direkt in unserer Lohnfertigung, bekommen es aber auch von den Anwendern bestätigt, die unsere Maschinen einsetzen. So eine Technologie zieht Arbeit an.
Dombert: Hier sind wir als Software- und Maschinenhersteller gefordert. Es geht um Anwendungsberatung und Implementierungsstrategie. Die Lieferung von abgestimmten Hard- und Softwarelösungen allein reicht heute nicht mehr aus. Nur gezielte Schulungen und Vorortbetreuung während der Einführungsphase sichern einen schnellen Return on Invest ab und erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit.




