Branchenreport

2010: Blühende Landschaften – Fehlanzeige

16.02.2010

Blick nach vorne: Der deutsche Maschinenbau steht auch in diesem Jahr vor schweren Herausforderungen; vor allem das erste Halbjahr wird kritisch. Es gibt aber auch positive Beispiele. fertigung-Chefredakteur Wolfgang Pittrich wagt den Ausblick auf 2010.

DDRDie gute Nachricht zuerst: Sogar im Maschinenbau gibt es – trotz der schwersten Krise seit der Nachkriegszeit – Branchen, die sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen können. Ein Beispiel dafür ist der Schienenfahrzeugbau. 175 Jahre nach der ersten Fahrt einer dampfgetriebenen Lokomotive auf deutschem Boden verzeichnet vor allem das Segment der Hochgeschwindigkeitszüge deutliche Zuwachsraten.

Aktuell, so eine Studie des Hamburger Beratungsunternehmens SCI Verkehr, werden über 3,3 Mrd. Euro pro Jahr in die Neubeschaffung und mehr als 2,2 Mrd. Euro in die Wartung und Instandhaltung von ICE, TGV & Co. investiert. Für dieses Jahr erwarten die Schienenfahrzeugexperten sogar ein jährliches Wachstum für Neufahrzeuge von über 4 Mrd. Euro. Glücklich, wer seine unternehmerischen Weichen frühzeitig in diese Richtung gestellt hat.

Weltweit sind die Anteile im HGV-Bereich (Hochgeschwindigkeitsverkehrsnetz) sehr einseitig verteilt. Auf Asien und Westeuropa entfallen rund 95 Prozent aller eingesetzten 2200 HGV-Züge. Vor allem China hat sich in den letzten Jahren zum asiatischen Vorreiter bei den über 300 km/h schnellen Triebwägen entwickelt. Jenseits der Hochgeschwindigkeitsstrecken profitieren mittlerweile auch andere Regionen von den aufgelegten Wirtschaftsankurbelungsprogrammen pro Bahn. So plant das Königreich Saudi-Arabien einen raschen Ausbau seines Schienennetzes. Insgesamt sollen dafür 45 Mrd. US$ zur Verfügung stehen. 19,4 Mrd. Euro will die russische Staatsbahn in den nächsten drei Jahren in die Modernisierung seines Schienenstrangs stecken. Und sogar der Automarkt schlechthin, die USA, plant einen Aufbau eines schienengestützten Personenferntransports nach internationalem Vorbild. Insgesamt stehen dafür 13 Mrd. US$ an Regierungsgeldern zur Verfügung.

Ebenfalls in robuster Verfassung befindet sich der Markt der regenerativen Energien.Branchenreport_grafik Vor allem Windkraftanlagen und Photovoltaik versprechen Zuwachsraten. Während allerdings die einschlägigen Verbände noch von einem vulminanten Durchstarten bis mindestens 2020 ausgehen, gibt es bereits kritische Stimmen.

So sieht die Unternehmensberatung Frost & Sullivan mit 2010 ein eher schwieriges Jahr auf die Windkraftbranche zukommen. Rückläufige Nachfrage aufgrund der Wirtschaftskrise sowie ein Preisverfall bei Turbinen, Frachtkosten und Rohmaterialien könnte die momentane Goldgräberstimmung empfindlich stören.

Erste Erosionserscheinungen zeigen sich bereits: Große Unternehmen wie GE Drivetrain Technologies und Chongqing XinXing Gear müssen sich zusammentun, um eine wirtschaftliche Fertigung von Getrieben für den chinesischen Markt auf die Beine zu stellen. Auch vor Werksschließungen und Abwanderung ist die Branche nicht mehr gefeit. So verlagert der dänische Windkraftanlagenbauer Vestas seine Produktion zunehmend in die asiatischen und US-amerikanischen Wachstumsmärkte. Dafür wurden in England und Dänemark bereits Fabriken geschlossen.

Windenergie: Zwiespältiges Echo
Jenseits dieser negativen Schlagzeilen sieht der Bundesverband WindEnergie seine Mitglieder auf Wachstumskurs. Bis 2020 prognostiziert man einen Stromanteil von 25 Prozent, der über Windkraftanlagen erzeugt ins deutsche Netz fließen soll. Vor allem klein- und mittelständische Maschinenbauer wie Gießereien, Getriebe- oder Wälzlagerhersteller sollen von dieser Entwicklung profitieren. Der Trend im Anlagenbau heißt dabei: immer größer und stärker. Gingen in den Anfängen Anlagen mit 30 kW Leistung und 15 m Rotordurchmesser in Betrieb, lauten die Kennzahlen heute: 5 MW Leistung und 100 m Rotordurchmesser. Euphorisch geht auch die Solarbranche ins neue Jahr. War bereits 2009 ein gutes Jahr für die Hersteller von Photovoltaik-Anlagen, prognostiziert der Marktforscher EuPD Resarch eine weitere Steigerung: „Es wird 2010 das stärkste erste Halbjahr in Deutschland erwartet, das wir je gesehen haben“, sagt Geschäftsführer Markus Hoehner. Das zweite Halbjahr soll dagegen deutlich schwächer ausfallen. Auch das Solarstrom-Magazin Photon sieht trotz gestutzter Vergütungssätze den deutschen Solarstrommarkt im Jahr 2020 nach wie vor als Weltmeister. Und das ist er bereits heute: Von den im Jahr 2010 erwarteten 23 000 MW Leistung durch Photovoltaikanlagen, entfallen 6500 MW auf Deutschland, an zweiter Stelle folgt Kalifornien mit 2300 MW installierter Windkraftleistung.

Meine Meinung

2010 – es wird für die Metallbranche ein schwieriges Jahr; vielleicht noch schwieriger als das Krisenjahr 2009. Sorgen bereiten vor allem die Entwicklung im Standardwerkzeugmaschinenbau und bei den Automobilzulieferern. Vor allem Letztere müssen mit hohen Überkapazitäten kämpfen; zudem fehlen oft die liquiden Mittel, um die aufkommenden neuen Technologien wie Leichtbau und Elektroantrieb adäquat bedienen zu können. So kurios es klingt: Es könnte daher eine Situation eintreten, wo ein kommender Aufschwung eher zur Bedrohung denn zum Rettungsanker wird. Zulieferer, Maschinenhersteller und OEM werden näher zusammenrücken müssen, um diese Herausforderung zu meistern.
Wolfgang Pittrich, Redaktion fertigung

Bei soviel Vorschusslorbeeren ist es kein Wunder, wenn der Bundesverband Erneuerbarere Energien (BEE) die grüne Energiegewinnung als „verlässlichen Jobmotor“ tituliert. Aktuell beschäftigt die Branche 270 000 Menschen; in den nächsten zehn Jahren sollen rund eine halbe Million in Lohn und Brot stehen.

Ein weiterer Hoffnungsträger für die metallbearbeitende Industrie ist die Medizintechnik. Die Branche, resümiert der Branchenverband Spectaris das abgelaufene Jahr, „erweist sich als besonders krisenfest“. Zwar erwarte man einen leichten Rückgang des Gesamtumsatzes um drei Prozent, von 17,8 Mrd. Euro auf 17,2 Mrd. Euro. Die Inlandsnachfrage blieb allerdings stabil. Das dürfte vor allem die rund 1250 deutschen Unternehmen freuen, die in diesem Segment tätig sind. 85 Prozent davon sind kleine und mittlere Firmen.

Für 2010 blicken die Mitglieder des Bundesverbandes Medizintechnologie (Bvmed) vorsichtig in die Zukunft: Rund 46 Prozent erwarten ein besseres Ergebnis als 2010, aber 15 Prozent gehen von einem Umsatzrückgang aus. Vor allem der Zickzack-Kurs beim Gesundheitsfonds schlägt auf den Magen.

Kommen wir zu den Sorgenkindern der Branche. Allen voran stehen die Automobilzulieferer immer noch vor sehr schweren Zeiten. Rund 100 Zulieferer dürften das Jahr 2009 nicht überlebt haben. Diese Insolvenzwelle wird sich auch weit ins Jahr 2010 fortsetzen. „Der Branche steht ein harter Umbruch ins Haus“, formuliert das Wallstreet-Journal in seiner Online-Ausgabe nicht umsonst die kommenden Herausforderungen. Vor allem die Überkapazitäten, die in den letzten Jahren aufgebaut wurden, machen zu schaffen. In Teilbereichen auf bis zu 40 Prozent beziffert die Studie „Money vs. Technology“ von Deloitte und IHS Global Insight das Überangebot der Zulieferer. Im Bereich Fahrzeugbau und Antriebsstrang soll der Überhang 30 Prozent betragen.

Profiwissen pur

Branchencheck
Schienenfahrzeugbau: Der Shooting-Star unter den Branchen. Konjunkturpakete und die Diskussion um den zunehmenden CO2-Anstieg sorgen für eine erfreuliche Konjunkturlage, weltweit gesehen.
Regenerative Energien: Windkraft und Photovoltaik haben vor allem in Deutschland Konjunktur, wiewohl auch chinesische Anbieter verstärkt in den Markt drängen. Bis 2020 soll sich die Anlagenkapazität deutlich erhöhen. Wasserkraft und Dampf sorgen zudem dafür, dass sich die Turbinenhersteller weniger Sorgen machen müssen.
Medizintechnik: Ebenfalls auf der Habenseite angesiedelt. Zwar musste im vergangenen Jahr ein kleiner Rückgang von drei Prozent verkraftet werden; im Branchendurchschnitt ist das allerdings ein Klacks. Die Aussichten für dieses Jahr sind vorsichtig optimistisch.
Werkzeugmaschinen: Für 2009 rechnet der Branchenverband VDW mit einem Umsatzminus von 40 Prozent. Auch in diesem Jahr ist die Branche ein Sorgenkind, vor allem im Bereich der Standardmaschinen. Ein wenig anders sieht es bei den Großmaschinen und im Sondermaschinenbau aus. Dort scheint der Rückgang wesentlich geringer auszufallen.
Automobilzulieferer: Bereits im vorigen Jahr war von über 100 Insolvenzen die Rede; eine Entwicklung, die sich in diesem Jahr weiter fortsetzen dürfte. Frühestens 2012 scheint eine Regenerierung möglich. Die Branche steht zudem vor schwierigen strukturellen Umwälzungen, bedingt unter anderem durch Überkapazitäten und neuen Fahrzeugentwicklungen.
Luft- und Raumfahrt: Eher indifferent ist momentan die Lage der Luft- und Raumfahrtbranche einzuschätzen. In der Vergangenheit ebenfalls ein großer Hoffnungsträger, ist momentan Ernüchterung eingekehrt. Die großen Fluggesellschaften müssen immer noch mit sinkenden Fracht- und Passagierzahlen kämpfen. Kosteneinsparungen, Kostenkontrolle und Anpassung der Kapazitäten sind daher auch in diesem Jahr bestimmende Themen.

Kein Wunder, wenn – laut Studie – knapp 60 Prozent der Unternehmen Kapazitäten abbauen wollen und müssen. 54 Prozent der in der Erhebung befragten Unternehmen rechnen zudem mit einer Übernahmewelle im Jahr 2011. Auch das zeigt, dass der Branche die richtig harten und unruhigen Zeiten erst noch bevorstehen.

Verschärfend kommt hinzu, dass die bereits sehr dünne Kapitaldecke nur schwerlich verstärkt werden kann. Die Banken zeigen sich bei der Kreditvergabe nach wie vor sehr zugeknöpft. Eine schwierige Situation auch deshalb, weil neue Fahrzeugkonzepte wie Leichtbau und Elektroantrieb eigentlich zu verstärkten F+E-Aufwendungen zwingen.

Ebenfalls zum Kellerkind ist inzwischen der Werkzeugmaschinenbau mutiert. Vor zwei Jahren noch der Liebling der Anleger, fassen ihn die Banken heute nur noch mit der Kohlenzange an, wenn überhaupt. Vor allem der Standardmaschinenbereich musste und wird noch weiter Federn lassen.

Zwar sehen Marktbeobachter die Talsohle durchschritten, ohne jedoch deutliche Impulse für Wachstum auszumachen. Dirk Prust, Geschäftsführer Vetrieb und Technik der Chiron-Werke, Tuttlingen, kann diese Einschätzung nur bestätigen: „Wir erwarten eine Stabilisierung der Marktsituation und des Auftragseingangs, allerdings auf eher niedrigem Niveau.“

Vorrangiges Ziel seines Unternehmens ist es, die Zeit zu nutzen: „Dies erreichen wir durch neue, weiterentwickelte Produkte, die unseren Kunden mehr Wirtschaftlichkeit bei höherer Qualität bieten.“ Das bedeutet aber auch, man muss genügend liquide Mittel vorhalten, um diese Arbeit zu bewältigen.

Kooperationen als Rettungsanker?
Ein anderer Weg, der daher zwangsläufig beschritten werden muss, heißt: Kooperation. Bestes Beispiel dafür ist die Annäherung der Branchengrößen Gildemeister AG (DMG) und Mori Seiki. Bereits zur DMG-Hausaustellung in Pfronten waren Maschinen zu sehen, die auf einer gemeinsamen Plattform basieren. Wie dieses Experiment ausgeht, werden die Anwender zu entscheiden haben.

Trotz viel Schatten, spendet die Werkzeugmaschinenbranche auch noch ein wenig Licht. Speziell im Großmaschinenbau scheint die Luft zum Atmen noch nicht so dünn. Vor allem die robuste Konjunktur bei Energietechnik/Windkraft und Schienenfahrzeugen sorgt für die notwendige Frischluftzufuhr (siehe auch Kasten „Vier Fragen an …“).

Wie sehr die Werkzeugmaschinenbranche aktuell unter Druck ist, zeigt sich übrigens auch daran, dass viele neue Produkte erst auf der Branchenmesse AMB im Herbst dieses Jahres präsentiert werden. Bis dahin, so die weit verbreitete Hoffnung, sollte sich die Lage weiter stabilisiert haben.

Vier Fragen an Herbert Klewenhagen, SHW

„Bedarf für grössere Werkstücke wächst“

Branchenreprot_InterviewHerbert Klewenhagen ist technischer Geschäftsführer der SHW Werkzeugmaschinen GmbH, Aalen. Sein Unternehmen konnte der Krise im Werkzeugmaschinenbau bisher relativ gut trotzen.

Herr Klewenhagen, Sie sehen für Ihr Unternehmen verhältnismäßig gelassen in die Zukunft.
Bereits im vergangenen Jahr hat sich gezeigt, dass innovative Maschinenkonzepte, die nicht vorrangig für die Großserienindustrie wie dem Automobilbereich ausgerichtet sind, sondern sich der Sorgen der vielen Einzel- und Kleinserienfertiger annehmen, der bessere Weg sein können.

Wo sehen Sie die Stärken des Unternehmens?
Besondere Stärken sehen wir insbesondere in der kundenorientierten Entwicklung von Maschinen zur Bearbeitung von Werkstücken in möglichst wenig Aufspannungen und Minimalstaufwand in der Werkstück-Handhabung. Der Bedarf an Bearbeitungsmaschinen für die Bearbeitung größerer Werkstücke wächst, weil auch die Werkstücke immer größer werden. Gleichzeitig sinkt die Losgröße auf Stückzahlen von 1 bis maximal 20 gleiche Teile .

Aus welchen Branchenbereichen kommt Ihre Klientel hauptsächlich?
Das vorhandene, systematisch aufgebaute Angebotssegment von universellen Bearbeitungszentren bietet für alle Anwender das richtige Maschinenkonzept. Aktuell stehen die Unternehmen aus der Elektronikindustrie, Energieanlagen, Turbinen- und Aggregatebau, Wind- und Offshore-Anlagen, Fahrzeugindustrie, Schienenfahrzeuge mit Peripherie, Baumaschinen und Baufahrzeuge, Flugzeugindustrie, Bergbau und Ölförderindustrie sowie die „weiße Ware“ und Modellbau hauptsächlich im Fokus der Bedarfsfälle.

Und das weltweit?
SHW bearbeitet mit etwa 45 Repräsentanten und Handelshäusern weltweit rund 50 unterschiedliche Länder. Mit dieser Struktur ist es möglich, auch unterschiedliche Märkte auf der Weltkugel je nach Bedarf zu bedienen. Die Regionen Mittlerer und Naher Osten, China, Indien und Osteuropa mit dem wieder stärker werdenden Russland sind klar umrissene Zielmärkte. Hinzu kommen Süd- und Nordamerika, wobei sich insbesonders Brasilien gut entwickelt.