Das fertigung-Interview
GrindTec
„Die Lage wird sich im Laufe des Jahres entspannen“
10.03.2010
Trotz der aktuell schwierigen Situation sieht der Fachverband Deutscher Präzisions-Werkzeugschleifer (FDPW) für das Jahr 2010 deutlich positive Tendenzen. Präsident Jürgen Baldus und Geschäftsführer Wilfried Saxler spannen im Gespräch mit Chefredakteur Wolfgang Pittrich zudem den Bogen von China (Internationalisierung) nach Bad Neustadt (Aus- und Weiterbildung). Ebenfalls thematisiert wurden Softwareschnittstellen und neue Maschinenkonzepte .

Jürgen Baldus (links) und Wilfried Saxler, FDPW: „Im Verbandsdurchschnitt liegt der Umsatzrückgang in 2009 bei rund 30 Prozent.“
Herr Baldus, Sie sind selbst Geschäftsführer eines Nach-schärfbetriebs. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der Branche?
Baldus: In der Agefa-Gruppe (ein Zu-sammenschluss zwölf eigenständiger Werkzeugschleifbetriebe – Anmerkung der Redaktion), in der mein Unternehmen ebenfalls tätig ist, haben wir im vorigen Jahr zwischen 15 und 30 Prozent Umsatzrückgang verkraften müssen. Es gibt allerdings Kollegen im FDPW, die sehr Automotiv-lastig sind; da brach der Umsatz teilweise um bis zu 70 Prozent ein.
Saxler: Unsere Verbandsmitglieder sind ja teilweise sehr breit aufgestellt. Das geht vom Nachschleifen und Produzieren von Holzwerkzeugen über Kunststoff- hin zu Präzisionswerkzeugen für die Metallverarbeitung. Wenn man den Durchschnitt über die gesamten im Verband tätigen Mitglieder legt, liegt der Umsatzrückgang in 2009 bei rund 30 Prozent.
Das ist im Vergleich zum Maschinenbau relativ wenig.
Saxler: Das stimmt; dazu schauen unsere Zahlen vergleichsweise gut aus. Trotzdem müssen wir ganz klar sehen, dass die Situation aktuell schwierig ist. Vor allem die dünne Kapitaldecke der Unternehmen und die – für mich persönlich unerträgliche – zurückhaltende Kreditvergabe der Banken können in den nächsten Monaten die angespannte finanzielle Lager der Betriebe noch verschärfen …
Rechnen Sie mit Insolvenzen?
Saxler: Bisher konnten wir mit Kurzarbeit das Schlimmste verhindern; insgesamt gab es in den letzten sieben Monaten nur drei Insolvenzen im Verbandsbereich. Ich denke allerdings, dass wir noch die eine oder andere Insolvenz erleben werden.
Baldus: Ich sehe zudem die Gefahr, dass die bereits gebeutelten Unternehmen durch Insolvenzen ihrer Kunden noch weiter in die negativen Zahlen rutschen. Wenn man jetzt schon den Griff in die Privatschatulle machen musste und dann noch weitere Forderungen ausbleiben, ist der freie Fall vorprogrammiert.
Sehen Sie eigentlich bereits Licht am Ende des Konjunkturtunnels?
Saxler: Ganz klar: Ja. Wir sind uns im Präsidium alle einig, dass sich im Laufe des Jahres die Situation entspannen wird.

„Dass die Chinesen in ein paar Jahren selbst hochwertige Werkzeuge schleifen können, steht außer Zweifel. Diese Entwicklung wird kommen.“ Jürgen Baldus, FDPW
Woran machen Sie Ihre Einschätzung fest?
Baldus: Ein gutes Beispiel, Herr Pittrich, ist der enorme und unerwartete Erfolg unserer Branchenmesse, die Grindtec in Augsburg. Wir können jetzt – gut einen Monat vor Beginn der Messe – bereits rund zehn Prozent mehr Aussteller als im Boomjahr 2008 verbuchen. Und es kommen immer noch Anfragen. Das zeigt doch, dass die Unternehmen Rückenwind spüren und diese Stimmung auch in die Messe mitnehmen und davon profitieren wollen.
Saxler: Auch der Anteil ausländischer Aussteller ist überraschend hoch. Ein Indiz, dass sich international die Lage ebenfalls entspannt.
Apropos International: Der FDPW ist ja sehr aktiv, was Auslandsaktivitäten angeht. Vor kurzem wurde sogar eine schleiftechnische Tagung in China abgehalten. Macht das Sinn? Das Geschäft der Nachschleifereien ist doch eher regional geprägt.
Saxler: Das stimmt – wenn wir auf die aktiven Mitglieder blicken. Da verschwenden wir auch keine Gelder für internationalen Aktionismus. Wir bieten im Verband aber auch sogenannten Fördermitgliedern, also Herstellern, eine Heimat. Für die macht es durchaus Sinn, wenn wir internationale Kontakte knüpfen. So mündeten unsere bisherigen China-Aktivitäten in das von Ihnen zitierte Schleifforum. Wir konnten dabei wertvolle Kontakte zwischen deutschen und schweizerischen Herstellern auf der einen und chinesischen Nachschleifereien auf der anderen Seite herstellen.
Sie geben potenziellen Billiganbietern also Nachhilfe in Schleiftechnologie?
Baldus: Die chinesischen Nachschleifereien sind momentan auf dem Stand, den unsere Betriebe vielleicht 1980 hatten. Dieser ganze Bereich wird in China allerdings vom Staat subventioniert. Da gibt es Städte, in denen 200 und mehr Nachschleifereien in engster Nachbarschaft arbeiten. Dass die Chinesen in ein paar Jahren selbst hochwertige Werkzeuge schleifen können, steht deshalb außer Zweifel. Diese Entwicklung wird kommen …
Saxler: Und es ist doch besser, aktiv dabei zu sein. Man weiß dann genau, was auf einen zukommt. Wir sehen diesen Druck als Ansporn, noch innovativer zu werden. Das ist ein Prozess, der durchaus auch Spaß machen kann.
Sind die Betriebe hier in Deutschland überhaupt offen für eine Weiterentwicklung? Wir haben es ja mit einer sehr klein- und mittelständisch geprägten Branche zu tun, die teilweise noch sehr in handwerklichen Denkstrukturen verhaftet ist.
Saxler: Da muss ich entschieden widersprechen, Herr Pittrich. Natürlich gibt es diese Strukturen, aber wir merken immer mehr, dass die Bereitschaft zur überbetrieblichen Aus- und Weiterbildung deutlich zunimmt. Das ist Fakt. Die Aufgaben eines Betriebsleiters sind heute sehr vielfältig, sowohl in technologischer wie betriebswirtschaftlicher Hinsicht.
Baldus: Nicht umsonst haben wir Ende vorigen Jahres eine eigene Meisterschule für Schneid- und Schleiftechnik ins Leben gerufen.
Die gab es doch bereits vorher schon …
Baldus: Aber nur als Meistervorbereitungskurs für die Teile I und II. Neu ist nun, dass sämtliche Kursteile unter einem Dach vermittelt werden.
Saxler: Und zwar erfolgreich. Denn obwohl die Meisterpflicht für den Schneidwerkzeugmechaniker gefallen ist, sind unsere Kurse voll. Ja mehr noch: Wir verzeichnen jährlich deutlich steigende Zuwachsraten bei den Auszubildenden. Letztes Jahr mussten wir sogar eine dritte Klasse einrichten.
Trotzdem gibt es immer noch Nachschleifereien, die fast ausschließlich manuell schleifen. Haben die noch eine Zukunft?
Baldus: Sind wir ehrlich: Für diese Betriebe ist das Ende vorprogrammiert. Natürlich brauchen wir in der Ausbildung das Wissen um manuelle Schleiftechnik, ganz klar. Aber manuell geschärfte Werkzeuge haben einfach nicht die Genauigkeit und Oberflächenqualität, die von der Industrie gefordert werden.
Saxler: Fakt ist, dass wir über kurz oder lang alle Schleifbetriebe auf die CNC-Schiene bekommen müssen.

„Ich denke schon, dass wir das Thema Software-Standardisierung in naher Zukunft anpacken werden; vielleicht sogar mit dem Ziel einer eigenen Normung.“ Wilfried Saxler, FDPW
Es ist für ein kleines Unternehmen viel Holz, 250.000 oder 300.000 Euro für eine CNC-Schleifmaschine hinlegen zu müssen. Begrüßt der Verband daher Aktivitäten wie beispielsweise der Schneeberger AG, die mit der Aries 5 eine Art Lowcost-Maschine in den Markt bringt?
Baldus: Schneeberger geht hier meiner Meinung nach einen guten Weg, für 120.000 Euro aufwärts eine Maschine für den CNC-Einsteiger anzubieten.
Saxler: Wir sehen hier durchaus, dass sich bei den Maschinenherstellern ein gewisser Wandel vollzogen hat. Man kann mit diesen Maschinen als Anfänger loslegen und vernünftige Ergebnisse erzielen. Das bedeutet aber auch, dass die Bereitschaft da sein muss, für qualitativ hochwertigere Produkte entsprechend zu investieren. Und unsere Mitglieder sehen ein, dass eine Dienstleistung, die ein Hersteller bietet, um sich zu spezialisieren oder weiterzuqualifizieren, nicht umsonst sein kann.
Die Hersteller versprechen ja ziemlich viel. Wo sehen Sie noch Lücken in der technologischen Versorgung?
Baldus: Also im Bereich der Software sind sicherlich noch viele Dinge ausbaufähig. Das erlebe ich in meinem Unternehmen nahezu täglich am eigenen Leib: Die Maschine steht, weil die Software einfach zu aufwändig und umständlich zu bedienen ist.
Saxler: Wir haben zudem ein Schnittstellenproblem, wenn es um die Interaktion Schleif- und Messmaschine geht. Es gibt jede Menge Schleifsoftware, und es gibt ein paar Messmaschinenhersteller. Dazwischen gibt es aber auch jede Menge Funkstille. Was wir bräuchten, wäre eine Standardisierung der Schnittstellen, um die Messdaten vernünftig auf die Schleifmaschine zu bekommen. Die Messgerätehersteller hätten sicherlich nichts dagegen einzuwenden.
Gibt es dazu konkretere Überlegungen von Verbandsseite?
Saxler: Ich denke schon, dass wir dieses Thema in naher Zukunft anpacken werden; vielleicht sogar mit dem Ziel einer eigenen Normung.
Sie beide haben vor drei Jahren nahezu zeitgleich Ihre Ämter beim FDPW angetreten. Wie fällt Ihr Resümee für diese Zeit aus?
Baldus: Ich glaube, dass wir im und mit dem Verband ein schönes Stück weitergekommen sind, auch und gerade im Bereich Aus- und Weiterbildung. Eine große Aufgabe, die wir uns beim Amtsantritt gestellt hatten, hieß, ein europäisches Ausbildungszentrum auf die Beine zu stellen. Da sind wir sehr nahe dran. Es gibt dazu in Bad Neustadt bereits konkrete Baupläne. Dass die berufliche Weiterbildung verstärkt bei den Unternehmen ankommt und noch weitere Bahnen zieht, ist sicherlich eine unserer zukünftigen Hauptaufgaben.
Saxler: Dazu gehört auch die verstärkte Kommunikation von Verbandsspitze zu den Mitgliedern. Viele haben noch Berührungsängste, uns anzusprechen. Aber gerade dafür sind wir da, um beratend zur Seite zu stehen. Nur so kann ein Netzwerk, das ein Verband zweifelsohne ist, auch effektiv funktionieren.




