Branchenreport
Entspannung am Berg Fuji
25.05.2010
Ortstermin bei Fanuc: Nach dem tiefen Fall im vorigen Jahr kehrt beim japanischen Steuerungs- und Antriebshersteller Normalität ein. Die automatisierte Fertigung am Fuße des Fujiyama läuft dank China wieder auf Hochtouren. Und mit den neuen Steuerungen der i-Serie Model B will man – auch in Europa – schnell an alte Verkaufserfolge anknüpfen.
Das Timing ist ideal gewählt. Gerade noch wolkenverhangen, zeigt sich der Fujiyama, der heilige Berg Japans, pünktlich zum Fototermin in voller Pracht. Gewaltig ragt sein weißer Bergkegel in den blauen Himmel; um seine Mitte ist ein Band aus Wolken geschlungen. Hier in 1000 m über dem Meer ist die Luft klar; Grün und Gelb bestimmen die Landschaft. Grün sind die Bäume, gelb die Bauten. Es ist Fanuc-Land und Fanuc-Wald.
Auf rund 1 Mio. m2 erstreckt sich das Werksgelände von Fanuc Ltd., einem der weltgrößten Hersteller von CNC-Steuerungen und Servoantrieben sowie Robotern, entlang des Fuji-Hakone-Izu Nationalparks. 800 000 m2 dieser Fläche sind naturbelassen. Es gibt eine strikte Vorgabe von S. Inaba, dem Gründer von Fanuc, dass kein Baum gefällt werden darf, um neue Gebäude zu errichten; nur verpflanzen ist erlaubt. Zudem darf kein Gebäude höher sein als die Wipfel der umgebenden Bäume.
Leben und Arbeiten im Einklang mit der Natur. Was von außen so harmonisch anmutet, steht in krassem Gegensatz zum Innenleben der Produktionshallen. Dort geben die Maschinen den Takt an. Egal ob Servomotoren, CNC-Steuerungen oder Roboter gefertigt und montiert werden: Es gibt weltweit wohl kaum eine Produktion, die so hochgradig automatisiert ist wie in Oshino-Mura, am Fuße des Fuji-San.
Rund 1400 Fanuc-eigene Roboter bewegen sich in den Fertigungshallen rund um die Uhr. Ihnen stehen 500 menschliche Kollegen zur Seite. Yoshiharu Inaba, CEO von Fanuc, verfolgt eine sehr stringente Beschäftigungspolitik: „In Zukunft werden wir dieses Verhältnis noch weiter zugunsten der Roboter verschieben.“ Der Grund dafür ist in einem Hochlohnland wie Japan einfach: Es geht um Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit; aber nicht nur.
Roboter garantiert hohe Qualität
Der Roboter arbeitet permanent und immer mit der gleichen Präzision. Automatisierung heißt für Yoshiharu Inaba daher auch, ein Höchstmaß an Qualität anzustreben.: „Deshalb können wir unsere sehr hohe Verfügbarkeit halten und weiter verbessern.“ Eine Aussage, die durchaus im Einklang mit Kundenmeinungen steht.
Nicht umsonst geht Fanuc bei Neuentwicklungen den konsequenten Weg, jedes Produkt so zu konstruieren, dass es automatisiert gefertigt werden kann; egal ob es sich um eine Platine oder um ein Gehäuse handelt. Bis zu 100 000 Servo- und Spindelmotoren in 2000 Variationen, 20 000 CNC-Steuerungen und 2500 Roboter können monatlich die Fertigungsstätten in Oshino-Mura verlassen.
Zahlen, die im Vorjahr bei weitem nicht erreicht wurden. Wie alle anderen im Maschinenbau tätigen Unternehmen, musste auch Fanuc teilweise drastische Einbrüche hinnehmen. Der aktuelle Neun-Monate-Vergleich von 2008 zu 2009 (1.4. bis 31.12.; das Geschäftsjahr endet in Japan am 31.3.) zeigt einen Umsatzrückgang von rund 57 Prozent, von 2,6 Mrd. Euro auf 1,12 Mrd. Euro (konsolidierter Umsatz gesamt 2008: 3 Mrd. Euro).
Starker Rückgang in Europa
Die Steuerungssparte musste – ebenfalls auf die ersten neun Monate des aktuellen Geschäftsjahres heruntergebrochen
– einen überproportionalen Rückgang um 62 Prozent auf 581 Mio. Euro verkraften. Auch der europäische Markt war stark betroffen. Er brach um 60 Prozent auf 207 Mio. Euro ein. Diese Zeiten sind allerdings laut CEO Y. Inaba mittlerweile vorbei; das Geschäft hat angezogen: „Die Bereiche Factory Automation – also CNC-Steuerungen und Motoren – sowie Robomachine sind voll ausgelastet.“ Sein Problem besteht jetzt darin, die Teileversorgung durch die Zulieferer sicherzustellen, um die Liefertermine halten zu können. Vor allem das boomende China-Geschäft hat maßgeblich zur Erholung beigetragen (siehe unten stehendes Interview).
Punkten will man bei Fanuc auch mit neuen Produkten. Augenfälligste Neuheit auf der großen „Fanuc Open House Show“, die Anfang April jährlich weit über 3000 Kunden weltweit anlockt, waren in diesem Jahr die neuen Steuerungen der „Model-B“-Baureihe. Schneller und genauer – so lautet kurz zusammengefasst die Stoßrichtung der Kundenansprache. Alle bisherigen Steuerungen der A-Serie, also 30i, 31i und 32i kommen in den Genuss des Upgrades auf das Model-B-Niveau. Neu daran ist beispielsweise das Aufbohren des Fanuc Serial Servo Bus (FSSB), um mehr Achsen noch schneller ansteuern zu können.
Mithin ist man jetzt in der Lage zusätzlich Signale für die Spindel durch das optische Kabel des FSSB laufen zu lassen. Dadurch soll sich auch die Interaktion von Spindel und Motoren deutlich verbessern. Bei der 30i-B können nun insgesamt 40 Achsen, davon 8 Spindelachsen angesteuert werden; 26 Achsen (20/6) sind es bei der 31i-B und 16 (10/6) bei der 32i-B.
Deutlich mehr Kapazität bringt auch die Erweiterung der zu verarbeitenden Befehle in der Anpasssteuerung von 100 000 auf 300 000. Parallel dazu verdreifachte man die Verarbeitungsgeschwindigkeit, um konstante Zykluszeiten zu erreichen.
Bereits zur letzten EMO in Mailand spendierte Fanuc seiner CNC-Einstiegs- und Midrange-Steuerung der 0i-Serie einige Updates. Auch deshalb, so erzählen sich augenzwinkernd Fanuc-Insider, weil man dem großen Wettbewerber Siemens mit seiner neuen 828D-Steuerung ein wenig die Show stehlen wollte. Eine wichtige Neuerung damals war das Upgrade mit der integrierten „Dual Check Safety“ Funktion, um noch mehr Sicherheit in die Maschine zu implementieren. Nun legte man auf der Hausausstellung nach. „Nano smoothing“ für glattere Oberflächen in Kombination mit Nanointerpolation war genauso zu sehen wie eine Ruckkontrolle („jerk control“) oder die Einbindung von Toolmanagement-Funktionen in die Steuerung.
Interview mit Yoshiharu Inaba, CEO und Präsident von Fanuc, Oshino-Mura
“Wachstum in Asien”
Krise Ade: Im Gespräch mit fertigung-Chefredakteur WolfgangPittrich überraschte Yoshiharu Inaba, CEO und Präsident von Fanuc, mit deutlich positiven Aussagen: Die Fertigung in Japan ist wieder voll ausgelastet – vor allem dank des chinesischen Marktes. Aber auch für Deutschland stehen die Zeichen auf Wachstum. In den nächsten drei Jahren soll sich der Umsatz dort verdoppeln.
Herr Inaba, hat sich die Welt von Fanuc durch die globale Wirtschaftskrise verändert?
Diese Krise war sehr tiefgreifend und hatte auch für unser Unternehmen weitreichende Auswirkungen. Natürlich mussten wir auch Umsatzrückgänge verkraften, aber wesentlicher scheint mir, dass sich in Folge der Krise die Märkte anders verteilt haben. Waren früher Japan, die USA und Europa unsere Hauptabsatzgebiete, rücken jetzt der chinesische und indische Markt in den Vordergrund. Wobei China für uns aktuell der wichtigste und größte Markt ist.
Sieht sich Fanuc in China und Indien im Bereich der CNC-Steuerungen und Servomotoren als Marktführer?
Ja. Wir sind seit rund 20 Jahren in diesen Märkten tätig und hatten dort bereits in der Vergangenheit eine starke Position.
Kommen wir nochmals auf die Auswirkungen der Krise zu sprechen: Wie hart wurde Fanuc davon getroffen?
Noch liegen uns die offiziellen Zahlen nicht vor. Ich gehe aber davon aus, dass wir im Geschäftsjahr 2009 (endet am 31.3. 2010; Anmerkung der Redaktion) mit einem Produktionsrückgang rechnen müssen. Die erste Jahreshälfte 2009 lief schlecht, aber durch das lebhafte China-Geschäft in der zweiten Jahreshälfte konnte deutlich Boden gut gemacht werden.
Welche Auswirkungen hat diese Belebung auf die Produktion bei Fanuc?
Die Bereiche Factory Automation – also CNC-Steuerungen und Motoren – sowie Robomachine sind voll ausgelastet …
Das heißt, Fanuc produziert aktuell 60 000 bis 80 000 Servomotoren monatlich?
Genau. Was uns Kopfschmerzen bereitet, ist die Tatsache, dass unsere Lieferanten aufgrund von Kapazitätsreduzierungen, die der Wirtschaftskrise geschuldet sind, Lieferengpässe haben. Meine Hauptaufgabe besteht zur Zeit darin, die Teileversorgung sicherzustellen, um unsere Liefertermine halten zu können.
Das scheint mir ein Luxusproblem zu sein, von dem andere Branchen nur träumen können. Jenseits der guten Aussichten für Fanuc: Wie beurteilen Sie generell die Situation für das Jahr 2010?
Der weltweite Werkzeugmaschinenverbrauch wird in den nächsten Jahren wieder wachsen. Starke Impulse kommen – neben China und Indien – auch aus Korea und Taiwan. Der chinesische Markt wird allerdings in den nächsten Jahren der Wachstumsmotor bleiben. Auch deshalb, weil die chinesische Regierung mit gezielten Maßnahmen dieses Wachstum fördern will. Wir schätzen, dass der chinesische Werkzeugmaschinenverbrauch in diesem Jahr um zwanzig Prozent zulegen wird. Auch der indische Markt wird stark expandieren. Das sind gute Nachrichten für uns.
Weltweit gesehen werden die Wachstumsimpulse also primär aus Asien kommen.
Die asiatische Region wird in Zukunft eine sehr wichtige Rolle spielen. Speziell in China wird sich die Automobilindustrie noch weiter etablieren. Aber auch in Europa und den USA müssen und werden die Automobilisten in neue Werke für effizientere Motoren investieren. Im Sog dieser Entwicklung nimmt auch die Bedeutung der Werkzeugmaschine zu. Denn schätzungsweise gehen rund 60 Prozent der weltweiten Werkzeugmaschinenproduktion in das automobile Umfeld.
Werfen wir nochmals einen Blick auf Fanuc: Ein herausragendes Merkmal der Produktion ist der Einsatz der eigenen Roboter und damit einhergehend der hohe Automatisierungsgrad.
Wir beschäftigen in unserer Fertigung etwa 500 Mitarbeiter und über 1400 Roboter. In Zukunft werden wir dieses Verhältnis noch weiter zugunsten der Roboter verschieben. Das ist eine grundsätzliche Entscheidung und hat damit zu tun, dass wir ausschließlich Fertigungsstätten in Japan haben. Das versetzt uns in die Lage, die Produktion unserer Produkte so zu optimieren, dass wir einen höchst möglichen Automatisierungsgrad erzielen können. Eine solche Infrastruktur im Ausland zu etablieren ist wirtschaftlich kaum möglich.
In den letzten drei, vier Jahren hat Fanuc den Einsatz von Robotern in Werkzeugmaschinen zur Automatisierung von Prozessabläufen forciert. Sie selbst sprachen einmal davon, dass in Zukunft ein Potenzial von über 6000 Robotern pro Monat für diesen Einsatzzweck möglich wäre. Wie sieht der aktuelle Stand aus?
Auch hier hat uns die Wirtschaftskrise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nach wie vor sind wir aber überzeugt, dass diese Kombination eine große Zukunft hat. Wir haben deshalb aktuell unsere Software verbessert, um die Roboter noch einfacher über und durch die Werkzeugmaschine ansteuern zu können. Übrigens bemerken wir gerade aus China ein deutliches Interesse an diesen Roboterlösungen.
Das verwundert mich ein wenig. Bisher war China nicht unbedingt als Automatisierungsland bekannt.
Seit die chinesische Regierung beschlossen hat, die Industrialisierung des ländlichen Raumes zu forcieren – also weg von den Ballungszentren der Ostküste –, haben die Unternehmen mittlerweile Probleme an qualifizierte Facharbeiter zu kommen. Der Roboter kann hier durchaus eine Lösung sein.
Jenseits des chinesischen Marktes hat sich ja auch in Europa und Deutschland in jüngster Zeit viel getan. Im Zuge der Trennung von GE im vorigen Jahr wurden in Europa neue Tochterfirmen gegründet. Welche Auswirkungen hat das für die Kunden?
Mit Fanuc CNC Europe haben wir eine Organisation etabliert, die eine hundertprozentige Fanuc-Tochter ist. Es ist für uns fundamental, dass alle Fanuc-Gesellschaften dieselbe Idee verfolgen und in eine Richtung gehen. Werkzeugmaschinenhersteller, -händler und auch -endkunden profitieren von dieser neuen Organisation. Ich denke, wir haben in Europa ein starkes Team, um dort unseren derzeitigen Marktanteil von über 30 Prozent weiter zu steigern.
In Deutschland ist man davon aber noch ein gutes Stück entfernt. Der aktuelle Anteil dürfte dort bei 20 Prozent liegen.
Ich bin sicher, dass wir mit Christian Jung als Geschäftsführer der deutschen Tochter und Holger Halas, seinem Stellvertreter, zwei ausgezeichnete Mitarbeiter gefunden haben, um auch in Deutschland weiter voranzukommen. Beide haben aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit in Japan einen sehr guten Kontakt zum Headquarter. Das wiederum kommt den deutschen Kunden zugute.
Was erwarten Sie sich von der deutschen Tochter in den nächsten Jahren?
Der deutsche Markt ist für uns ein sehr wichtiger Markt und der größte Einzelmarkt in Europa. Zusammen mit der motivierten Mannschaft dort und den neuen Steuerungsprodukten, speziell der neuen Serie 30i-Model B, erwarte ich, dass wir einen deutlichen Marktanteil gewinnen werden.




