Branchenreport
Messe Timtos in Taipeh
Made in Taiwan für Made in Germany?
18.04.2011
Vor-Ort-Besuch: Taiwan mausert sich zum Dorado für Einkäufer von Werkzeugmaschinen und Komponenten. Das Preis-Leistungsverhältnis spricht für sich, auch weil die Qualität des Maschinenbaus immer besser wird. fertigung-Chefredakteur Wolfgang Pittrich hat sich auf der Messe Timtos in Taipeh umgesehen. Sein Fazit: Taiwan ist näher, als viele glauben.

Stolz Taiwans: Taipai 101 ist das drittgrößte Gebäude der Welt mit dem schnellsten Aufzug der Welt; Superlative, an denen sich auch der taiwanesische Maschinenbau orientiert.
Ein Raunen geht durch die VIPs, die sich zur Eröffnungszeremonie im vierten Stock der Nangang Exhibition Hall in Taipeh versammelt haben. Taiwans Präsident Ying-Jeou Ma ist eingetroffen und tritt ans Rednerpult. „Diese Timtos“, sagt der höchste Repräsentant des taiwanesischen Staates, „ist die größte Messe ihrer Art, die wir jemals hatten.“ Auch Taiwan hat also die Krise hinter sich gelassen.
Das gilt vor allem für die Werkzeugmaschinen- und Zulieferindustrie, die auf der diesjährigen Timtos (Taipei International Machine Tool Show,1. bis 6. März) in Taipeh ihre Produkte präsentierte. Während man 2009 noch einen Produktionsrückgang von 50 Prozent auf 1,8 Mrd. Euro verkraften musste, konnte Hsiu-Tsang Hsu, Vorsitzender des taiwanesischen Werkzeugmaschinenverbandes TAMI, für 2010 eine stolze Zahl verkünden: Die Produktion stieg um 60 Prozent auf 2,9 Mrd. Euro.
Der gewaltige Sprung ist unter anderem dem „Economic Cooperation Framework Agreement“ (ECFA) mit China zu verdanken. Dieses Übereinkommen definiert Waren, die zwar in Taiwan hergestellt, aber wie chinesische Produkte behandelt werden. Darunter fallen seit 2010 auch 17 Werkzeugmaschinentypen, unter anderem CNC-Drehmaschinen und CNC-Schleifmaschinen. Die Folge: Knapp 50 Prozent der taiwanesischen Werkzeugmaschinen- und -komponenten-Produktion wandern mittlerweile nach „Mainland China“, wie die Volksrepublik in Taiwan heißt. 2009 waren es erst 37 Prozent.
Deutschland wird in dieser Exportstatistik mit 2,2 Prozent Anteil (42 Mio. Euro) auf Platz 11 geführt. Die Außenhandelsbilanz mit Taiwan ist damit ausgeglichen, denn der Inselstaat führt Werkzeugmaschinen im Wert von 41,5 Mio. Euro aus Deutschland ein. Made in Germany ist damit hinter Japan (275 Mio. Euro) und vor der Schweiz (30 Mio. Euro) das gefragteste Importgut.
Meine Meinung
Fällt unter Deutschlands Werkzeugmaschinenbauer und -zulieferer der Name Taiwan, schütteln viele mit dem Kopf: Das sei billiger Maschinenbau und deshalb kaum erwähnenswert. Ich war deshalb verwundert, bei meinem Besuch in Taipeh auf nicht wenige deutschsprachige Anzugträger gestoßen zu sein, die sich auf der Timtos angeregt mit taiwanesischen Firmen unterhalten haben. Die Gesichter waren weniger naserümpfend, denn begeistert. Man finde hier „hervorragend qualifizierte Unternehmen, die sehr genau wissen, was deutsche Firmen wollen“, raunte die eine oder andere Stimme. Und: „Das Preis-Leistungsverhältnis ist hervorragend“, so das Fazit aller Befragten. Einkäufer finden in Taiwan anscheinend ein Paradies vor. Nur sagen traut es sich keiner.
Wolfgang Pittrich, Redaktion fertigung
Eine Bilanz, die sich auf der Timtos nicht niederschlägt. Während die Schweizer bereits seit Jahren mit einem eigenen Pavillon vertreten sind, glänzen deutsche Werkzeugmaschinenhersteller mit Abwesenheit.
Ein gänzlich anderes Bild bietet sich auf Einkäuferseite. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Taiwans Maschinenbau gute Produkte zu sehr gutem Preis offeriert. Das gilt sowohl für Komponenten und Zulieferteile wie auch für Werkzeugmaschinen. Weshalb sich nicht wenige deutsche Unternehmer auf der Messe als Besucher tummeln. Bietet sie doch einen idealen Blick auf die Leistungsfähigkeit der taiwanesischen Maschinenbauer.
Generell scheint sich die Timtos mittlerweile zum Mekka der Einkäufer zu entwickeln. So vermeldet der Messeveranstalter nicht ohne Stolz, dass über 5000 ausländische Unternehmer den Weg nach Taipeh gefunden haben. Um die Geschäftsanbahnungen zu erleichtern, veranstaltete beispielsweise der taiwanesische Außenhandelsrat Taitra gezielt Speed-Datings zwischen Einkäufern und Anbietern.
Verschämtes Engagement
Während Unternehmen wie der amerikanische Werkzeugmaschinenhersteller Hurco seine Maschinen ganz offen in Taiwan produzieren lässt – und auch mit einem eigenen Stand auf der Timtos vertreten ist –, wollen sich deutsche Hersteller gar nicht oder nur sehr verschämt zu ihrem Engagement in Taiwan bekennen.
Der Grund liegt einerseits im Irrglauben, als einziger mit Taiwan Geschäfte zu machen und daheim keine schlafenden Hunde wecken zu wollen („Ich mache doch nicht meinen Wettbewerb schlau“); andererseits haftet dem Image taiwanesischer Produkte immer noch das Prädikat „zweit- bis drittklassiger Maschinenbau“ an.
Auf einen Blick
Werkzeugmaschinenland Taiwan
Taiwan ist mit einem Produktionsvolumen von 2,9 Mrd. Euro einer der zehn größten Werkzeugmaschinenproduzent weltweit. Bisher gingen ein Großteil der Maschinen nach China, USA, Indien, Thailand und die Türkei. Ein im vorigen Jahr geschlossenes Rahmenabkommen zur wirtschaftlichen Kooperation mit China (ECFA = Economic Cooperation Framework Agreement) dürfte diese Situation deutlich verändern. Aufgrund dieser Marktöffnung hat sich bereits 2010 die Ausfuhr nach China verdoppelt; mittlerweile gehen knapp 50 Prozent der Maschinen in die Volksrepublik. Europäische Länder spielen vor allem beim Import von Werkzeugmaschinen eine Rolle. Hier stehen neben Japan (50 Prozent Import), Deutschland (9 Prozent) und die Schweiz (6,4 Prozent) an der Spitze. Gefragt sind vor allem Hochpräzisions-, Schleif- und Messmaschinen.
Ein anderes Bild bietet sich, wenn man den taiwanesischen Maschinenbau als Teile- und Komponentenzulieferer betrachtet. Mit Produkten wie Kugelgewindetriebe, Linearachsen oder Rundtische hat sich die Zulieferindustrie mit einem Produktionsvolumen von 1,15 Mrd. Euro an dritter Stelle hinter Japan und Deutschland geschoben. Die Qualität der Produkte ist gehobener Durchschnitt und der Preis unschlagbar. Auch große europäische und japanische Werkzeugmaschinenhersteller suchen mittlerweile den Schulterschluss zu taiwanesischen Zulieferern, um ihre Produkte für den asiatischen Markt mit kostengünstigen Komponenten auszurüsten.
Eine ideale Möglichkeit, sich mit taiwanesischen Maschinen und Komponenten vertraut zu machen, bietet die Messe Timtos in der Hauptstadt Taipeh. Die Messe findet zweijährlich im Frühjahr an ungeraden Jahren statt. Die diesjährige Veranstaltung lief vom 1. bis 5. März und war die bisher größte ihrer Art. 928 Aussteller aus 20 Ländern zeigten ihre Produkte. Laut offizieller Darstellung kamen unter anderem über 5000 ausländische Einkäufer. Veranstaltet wird die Messe vom taiwanesischen Werkzeugmaschinenverband TAMI und dem taiwanesischen Rat für Außenhandelsentwicklung Taitra. Taitra ist auch behilflich, wenn es um Besuchsarrangements in Taiwan geht (www.taitra.org.tw).
Ganz falsch, wie Heiko Müller, Geschäftsführer des Drehmaschinenrevolverherstellers Sauter GmbH, meint. Als einer der wenigen deutschen Hersteller hat sein Unternehmen einen eigenen Stand auf der Timtos und bekennt sich auch zu einer Produktion in Taiwan (siehe Interview).
Müller sieht den einheimischen Maschinenbau auf gutem Weg: „Wir sind seit rund zehn Jahren in Taiwan präsent und merken eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Der Maschinenbau hier besitzt eine gute Qualität und ist beispielsweise im Vergleich zu China wesentlich weiter. Das Niveau ist durchaus mit den anspruchsvollen osteuropäischen Herstellern zu vergleichen.“
Zunehmend entdecken daher auch große Produzenten wie Mori Seiki/Gildemeister die Vorteile taiwanesischer Produkte. Man wolle, so eine Aussage, in Zukunft bei der eigenen Supply-Chain-Strategie diesen Markt mehr berücksichtigen. Ein Name, der in diesem Zusammenhang und auch bei anderen Herstellern öfters fällt, ist das Unternehmen Hiwin. Deren Linearachsensysteme und Kugelgewindetriebe genießen inzwischen weltweit einen guten Ruf.
Auch der Werkzeugmaschinenbau „Made in Taiwan“ gibt mittlerweile mächtig Gas. Jenseits der Standardprodukte hat man erkannt, dass sich mit 5-Achs-Bearbeitungszentren und großen Dreh-Fräs-Zentren selbst in Asien Geld verdienen lässt. Bestes Beispiel dafür ist die Yeong Chin Machinery Industries Co. (YCM). Gebaut wird die ganze Palette an vertikalen und horizontalen Bearbeitungszentren sowie Drehmaschinen. Jüngstes Baby ist die Fahrständermaschine TVC 3000 A-5AF mit Pendelplatzbearbeitung, indexierbarem Rundtisch mit Torquemotoren und einer B-Achse in der direkt angetriebenen Spindel. Ein Maschinentyp, der bis dato eigentlich eine Domäne der europäischen Anbieter war.
Wenn man dann noch bedenkt, dass Maschinen taiwanesischer Provenience bis zu 50 Prozent günstiger als in Europa angeboten werden, ist die Verlockung groß, in Taiwan eine Maschine zu ordern und als deutsches Produkt zu branden. Nur wissen darf es niemand.
Vier Fragen an Heiko Müller, Sauter Feinmechanik GmbH
„Hervorragendes Lieferantennetzwerk“
Der Drehmaschinenrevolverspezialist Sauter pflegt seit Jahren Geschäftsbeziehungen mit Taiwan und unterhält hier sogar eine kleine Produktion, die rund 100 Revolver/Monat fertigt. Wir trafen Sauter-Geschäftsführer Heiko Müller auf dem eigenen Stand zur Timtos.
Herr Müller, Sauter ist einer der wenigen deutschen Hersteller, die auf der Timtos mit einem eigenen Stand vertreten sind. Ist der taiwanesische Markt für Sie so wichtig?
Er ist aus mehreren Gründen für uns wichtig und interessant. Wir fertigen hier im Rahmen eines Joint-Ventures Drehmaschinenrevolver für den asiatischen Markt und finden in der Gegend um Taichung (die drittgrößte Stadt Taiwans und gleichzeitig das „Werkzeugmaschinen-Mekka“ – Anmerk. d. Red.) ein hervorragendes Lieferantennetzwerk, auf das wir zurückgreifen können. Zudem ist Taiwan ein idealer Brückenkopf für Geschäftsanbahnungen mit China.
Ist es in Taiwan einfacher ins Geschäft zu kommen als in China?
Eindeutig ja. Die Führungsebene hier spricht englisch und ist zudem westlich geprägt. Das erleichtert schon einmal den geschäftlichen Einstieg. Zudem ist es möglich, ein eigenes Unternehmen ohne einheimische Beteiligung zu gründen. Wir haben den Weg des Joint-Ventures deshalb gewählt, weil wir mit einem einheimischen Geschäftspartner kooperieren wollten. Unser Anteil an diesem Joint-Venture beträgt 65 Prozent.
Wo positionieren Sie sich mit Ihren Produkten? Der taiwanesische Markt ist doch als sehr preissensibel bekannt.
Wir differenzieren uns im Vergleich zu einheimischen Anbietern ganz bewusst durch höhere Genauigkeit und gehobene Technologie. Im Lowcost- und Standardbereich wird man uns nicht finden. Wir verkaufen vor allem Revolver mit Werkzeugantrieb. Und diese Produkte passen mittlerweile sehr gut für den taiwanesischen und asiatischen Markt, denn der Trend geht in diesen Ländern bei den Drehmaschinen eindeutig in Richtung angetriebene Werkzeuge.
Wie schwierig war es, Lieferanten und Komponenten für Ihre Produkte zu finden?
Das war eigentlich kein Problem. Allerdings mussten gewisse Schlüsselkomponenten, die wir hier verbauen, zuerst in Deutschland qualifizieren werden, ehe sie unserem Standard entsprachen. Zudem führen wir ständige Qualitätskontrollen durch. Auch die wichtigsten, genauigkeitsbestimmenden Elemente kommen nach wie vor aus Deutschland.






