Nachhaltiger Reifeprozess

Das Thema ist stets präsent – egal ob bei unseren Reportagen vor Ort oder auf Messen – der Fachkräftemangel verfolgt uns seit vielen Jahren. Bereits vor zwei Jahren hat die Redaktion fertigung im Rahmen eines Trendreports verschiedene Ausbildungsinitiativen recherchiert. Eines vorneweg: Die Situation hat sich nicht verbessert, eher noch verschärft.

Vor allem beim Beruf des Zerspanungsmechanikers klafft laut IG Metall eine große Lücke. So fehlen nach wie vor im Norden sowie in Baden-Württemberg und Bayern Werkzeugmechaniker, CNC-Fräser oder auch Werkzeugschleifer. Kein Wunder, dass sich Industrie und Fachverbände stärker denn je ins Zeug legen und mit verschiedenen Initiativen mehr Transparenz in die verschiedenen Berufsbilder bringen wollen. Einen wichtigen Schritt, Schulabsolventen anzusprechen, hat der Verein Deutscher Maschinenfabriken e.V., kurz VDW, mit der Aktion „Maschinenbauer – Job mit Power“ gemacht.

Dass die Werkzeugmaschinenindustrie den Kampf gegen den Nachwuchsmangel weiter führt, beweisen die aktuellen Aktionen auf den Messen. So stand die Metav 2014 dieses Jahr unter dem neuen Motto „Deine Chance im Maschinenbau“. Mitte März hatte die VDW-Nachwuchsstiftung mehr als 3000 Schülerinnen und Schüler aus Nordrhein-Westfalen und etwa 1000 Berufsschullehrer und Ausbilder zur Metav nach Düsseldorf eingeladen. Ziel war es zum einen, junge Leute von der Technik zu faszinieren und für eine technische Ausbildung zu begeistern. Zum anderen galt es, Lehrer und auch Ausbilder über die technische Innovationsgeschwindigkeit in der Produktionstechnik zu informieren und über die Konsequenzen für die Ausbildung aufzuklären.

„Industrieproduktion ist längst kein Feld mehr, in dem die Mitarbeiter in einer lärmenden Umgebung mit ölverschmierten Händen arbeiten“, sagt Peter Bole, Leiter der VDW-Nachwuchsstiftung. „Im Gegenteil: Viele Produktionsstätten sind heute clean. Dort wird mit Hightech gearbeitet. Informationstechnik, Elektronik, Sensorik sind immer mit von der Partie“, so Bole weiter. Dies müsse jungen Menschen überzeugend vermittelt werden.

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Ausbildungsinitiative des VDW auf der Messe Metav 2014 in Düsseldorf .

Experience-Bereich auf der Metav
Deshalb hatte die VDW-Nachwuchsstiftung die Sonderschau Jugend auf der Metav um den sogenannten Experience-Bereich erweitert. „Im Mittelpunkt standen Ausprobieren und Mitmachen“, beschreibt Patrick Rauen, Ausbildungskoordinator von DMG Mori Seiki Aktiengesellschaft, Partner auf der Sonderschau Jugend, die Strategie. Sein Unternehmen beispielsweise zeigte eine Übungs- und Schulungsanlage in Gestalte einer Produktionsstraße, die Auszubildende zum Mechatroniker als Abschlussarbeit gebaut haben.

Weitere Partner bei der Sonderschau Jugend waren neben DMG Mori Seiki die Fachhochschule Düsseldorf, Heidenhain, Renishaw, Siemens, SolidCAM und die Staatliche Feintechnikschule Schwenningen. Das breite Informationsangebot für die Jugendlichen wurde durch Vorträge für Lehrer und Ausbilder rund um die CNC-Ausbildung ergänzt. „Die Pädagogen sind Multiplikatoren und daher unsere wichtigsten Verbündeten“, so Bole. „Sie müssen ihren Schülern Spaß an Technik und den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) vermitteln, die zwingende Voraussetzung für einen Beruf in der Werkzeugmaschinenindustrie sind.“

Die hohe Innovationsgeschwindigkeit in der Produktionstechnik erfordert außerdem, dass auf dem neusten Stand der Technik ausgebildet wird. „Deshalb müssen sich Lehrer und Ausbilder selbst ebenfalls kontinuierlich fortbilden. Zudem ist eine moderne technische Ausstattung in den Schulen unabdingbar. Und schließlich müssen die Lehrunterlagen immer auf dem neuesten Stand sein“, fordert Bole. In allen Feldern ist die VDW-Nachwuchsstiftung aktiv. Sie qualifiziert Lehrer und Ausbilder, beispielsweise über „KiBa – Kompetenzinitiative Berufsausbildung“, die aktuell als Projekt in Nordrhein-Westfalen läuft. Bisher haben mehr als 2900 Ausbilder und Lehrer verschiedenste Schulungen durchlaufen. Die VDW-Nachwuchsstiftung unterstützt und berät Berufsschulen konzeptionell bei Neuanschaffungen in ihren technischen Laboren. Seit sie ihre Arbeit aufgenommen hat, haben immerhin mehr als die Hälfte der 230 Berufsbildenden Schulen aus fünf Bundesländern, die intensiv mit der VDW-Nachwuchsstiftung zusammenarbeiten, in moderne Technik investiert. Schließlich hat die VDW-Nachwuchsstiftung Lehrunterlagen für Auszubildende und Ausbilder sowie Lehrer in Betrieben und technischen Berufsschulen erarbeitet und stellt sie in gedruckter Form und zukünftig auch auf WIKOM, der Wissens- und Kommunikationsplattform, im Internet zur Verfügung.

fertigung unterstützt die Verbände
Über einen drastischen Facharbeitermangel klagte kürzlich auch Prof. Wilfried Saxler, Geschäftsführer des Fachverbandes Deutscher Präzisions-Werkzeugschleifer, kurz FDPW, anlässlich der Messe GrindTec 2014 in Augsburg. Im Rahmen des Branchentreffs organisiert der Fachverband alle zwei Jahre ein entsprechendes Forum, das den Beruf des Schneidwerkzeugmechanikers darstellt und transparent macht.

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Die Fachzeitschrift fertigung unterstützt die Fachverbände tatkräftig bei ihren Initiativen. fertigung-Redakteur Jürgen Gutmayr (links) und Christian Thiele, Pressesprecher der Paul Horn GmbH, erläutern das Thema Weiterbildung im Rahmen des FDPW-Forums auf der Messe GrindTec 2014 in Augsburg.

Die Fachzeitschrift fertigung unterstützt die jeweiligen Fachverbände und betreibt seit vielen Jahren eine Image-Kampagne für die Hightech-Berufe Dreher und Schneidwerkzeugmechaniker beziehungsweise Werkzeugschleifer. So beteiligte sich die Redaktion fertigung aktiv am Forum auf der Messe GrindTec und lud Schulklassen der Berufsschulen Augsburg, Pfaffenhofen sowie der Jakob-Preh-Schule nach Augsburg ein. Abgerundet wird die Nachwuchsarbeit durch die Wettbewerbe „Werkzeugschleifer des Jahres“ und „Dreher des Jahres“, die fertigung stets in enger Kooperation mit namhaften Unternehmen veranstaltet. Wie Prof. Saxler betont, hat sich der „Werkzeugschleifer des Jahres“ bereits fest etabliert und ist von der Messe GrindTec nicht mehr wegzudenken.

Auch Studiendirektor Rudolf Hackenberg, Fachbetreuer Zerspanungsmechaniker an der Berufsschule 1 in Augsburg, war wieder einmal mehr als begeistert von der Veranstaltung auf der Messe. „Am Aus- und Weiterbildungstag im Rahmen der GrindTec 2014 konnten Schüler und Lehrer der Zerspanungstechnik der Berufsschule 1 Neuheiten der internationalen Schleiftechnik erfahren. Es war eine praxisnahe Bereicherung im Lernfeld Schleifen für Lehrkräfte und Azubis der 10./12. Jahrgangsstufen Industrie- und Zerspanungsmechaniker.“

Dass auch die Industrie den Fokus auf die Förderung legt, beweist die Hartmetall-Werkzeugfabrik Paul Horn GmbH. Hier hat das Thema Nachwuchs einen hohen Stellenwert. Dabei stellt sich das Unternehmen in allen Qualifikationsbereichen auf. Neben der Ausbildung bietet Horn die IHK-geprüfte Weiterbildung zur „Industriefachkraft für Schneidwerkzeugtechnik“ sowie den Bachelorstudiengang Schneidwerkzeugtechnik – eingebettet in den Maschinenbaustudiengang an der DHBW Stuttgart Campus Horb. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, durch Umschulung einen Quereinstieg zu realisieren. „Alle diese Maßnahmen zielen darauf ab, junge Menschen für das Unternehmen, aber auch für die Präzisionswerkzeugbranche zu gewinnen und zu qualifizieren“, betont Christian Thiele, Pressesprecher der Paul Horn GmbH.

Heiko Semrau, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Werkzeug- und Formenbauer, kurz VDWF, skizziert die Initiative seines Verbandes: „Ein immer wichtigerer Punkt ist die Aus- und Weiterbildung in der Branche. Der VDWF hat unter anderem eine Ausbildungsinitiative gestartet, die eine bundesweit einheitliche Ausbildungssituation mit zeitgemäßen und vor allem branchenspezifischen Lehrinhalten geschaffen. Hier werden zusätzlich zur betrieblichen Ausbildung und zur Berufsschule ab dem zweiten Lehrjahr Spezialkenntnisse vermittelt. Mit dem sich wandelnden Berufsbild wird aber auch die Weiterbildung immer wichtiger. Hier bieten wir beispielsweise zusammen mit der FH Schmalkalden einen Masterstudiengang zum Projektmanager FH im Werkzeug- und Formenbau und zwei weitere Studiengänge an. Damit sollen den Verantwortlichen in den Unternehmen über die technischen Aspekte hinaus Wissensgebiete erschlossen werden, die sie für ihren Beruf brauchen. Praxisorientierte Seminare und Workshops runden das Angebot ab – so erarbeiten wir beispielsweise gerade ein Angebot, das Betriebswirtschaft auf die Bedürfnisse und Anforderungen eines Werkzeugbaus herunterbricht und so Know-how sehr eingängig und nachvollziehbar vermittelt werden kann.“

Fünf Fragen an Peter Bole, Leiter der VDW-Nachwuchsstiftung

„Viele erfolgreiche Projekte“

Branchenreport interview

Peter Bole, Leiter der VDW-Nachwuchsstiftung.

Peter Bole ist Leiter der VDW-Nachwuchsstiftung. Seit ihrer Gründung am 23. Februar 2009 hat sie sich mit ihren Projekten sowie Stiftungsaktivitäten äußerst positiv entwickelt.

Welche konkreten Ziele verfolgt die VDW-Nachwuchsstiftung?
Die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie steht weltweit an der Spitze des technischen Fortschritts. Wenn sie dort bleiben will, ist gut ausgebildeter Nachwuchs existenzsichernd. Daher will die VDW-Nachwuchsstiftung die besten jungen Menschen für eine Ausbildung in der Metallindustrie begeistern und ihnen den Übergang von der Schule zum Beruf erleichtern. Darüber hinaus haben wir uns auf die optimale Qualifizierung von Ausbildern und Lehrern spezialisiert. Die Stiftung bietet Seminare und Workshops an, um diese Gruppe auf dem neuesten Stand der Technik zu halten.

Inwieweit kooperieren Sie mit Partnern aus der Industrie?
Unsere Partner kommen aus Wirtschaft, Politik und Institutionen. Sie unterstützen die VDW-Nachwuchsstiftung finanziell, operativ und stehen ihr mit Infrastruktur zur Seite. Aus der Branche sind viele namhafte Hersteller mit dabei, zum Beispiel DMG Mori Seiki, Heidenhain, Hermle, Index, Klingelnberg, Schütte, Siemens, Trumpf, Weiler und viele mehr.

Von welcher Seite erhalten Sie noch Unterstützung für Ihre Projekte?
Wir werden gefördert durch den VDW – Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken, durch Mitgliedsunternehmen und mit Projektmitteln aus dem Europäischen Sozialfond.

Über welche Ergebnisse können Sie sich besonders freuen?
Die VDW-Nachwuchsstiftung kann bereits auf fünf Jahre mit vielen erfolgreichen Projekten zurückblicken. Ich will stellvertretend drei nennen: Ein Dauerbrenner ist die Sonderschau Jugend auf den wichtigen Metallbearbeitungsmessen in Deutschland. Mit dieser Aktion haben wir über 100 000 Schüler und Schülerinnen sowie deren Fachlehrer über Berufschancen in der Metallbearbeitung informiert. Mit der „Kompetenzinitiative Berufsausbildung“ haben wir mehr als 2100 Ausbilder, Ausbildungsverantwortliche, Personalleiter und Geschäftsführer dabei unterstützt, die Qualität der Ausbildung zu verbessern. In über 370 Unternehmen aus dem Maschinenbau und ihren Anwenderbranchen haben unsere Ausbildungsberater über sinnvolle Qualifizierungsmaßnahmen, Weiterentwicklungs- und Vernetzungsmöglichkeiten infor-miert. Zudem haben mehr als 660 Ausbilder und Ausbilderinnen an Qualifizierungsmaßnahmen in der rechnergestützten Fertigung (CAD/CAM/CNC) teilgenommen. Die „WIKOM – Wissens- und Kommunikationsplattform“ schließlich ist ein Projekt aus dem Jahr 2012, mit dem die Ausbildung nachhaltig modernisiert und qualitativ verbessert werden soll. Sie unterstützt alle Beteiligten mit der Web-2.0-Technologie dabei, prozessorientiert interdisziplinär auszubilden und auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben.

Welche Aktivitäten sind nach der METAV noch für dieses Jahr geplant?
Da steht noch einiges auf dem Programm. Unter dem Motto „Deine Chance im Maschinenbau“ werden wir rund 4000 Schüler und Schülerinnen zur AMB einladen. Im Rahmen der Ausbildungsverbesserung werden weitere Berufsschulen im Bereich der rechnergestützten Fertigung zertifiziert. Grundlage ist ein Kriterienkatalog, der von der VDW-Nachwuchsstiftung und den jeweiligen Kultusministerien entwickelt wurde. Parallel dazu werden zusammen mit Steuerungsherstellern und berufsbildenden Schulen weitere Schulungsunterlagen zur CNC-Technik für die Ausbilder- und Lehrerfortbildung sowie den Schulunterricht entstehen.