Titelstory

Markus Horn: "Die AMB ist unser Wohnzimmer"

Die Metallbearbeitungswelt blickt im September nach Stuttgart. Kurz vor dem Start der AMB traf ich Markus Horn, Geschäftsführer der Paul Horn GmbH, in Tübingen. Ein Gespräch über Heimatgefühle in Halle 1, warum Sonderwerkzeuge in fünf Tagen fertig sein müssen und weshalb das menschliche Gehirn der wichtigste Rohstoff Deutschlands ist.

Im Gespräch mit Markus Horn, Geschäftsführer der Paul Horn GmbH, wird deutlich: Der Unternehmer brennt für die AMB, die im September erneut in Stuttgart ihre Tore öffnet.
Im Gespräch mit Markus Horn, Geschäftsführer der Paul Horn GmbH, wird deutlich: Der Unternehmer brennt für die AMB, die im September erneut in Stuttgart ihre Tore öffnet.

Herr Horn, bald ist es wieder soweit: Die AMB öffnet ihre Tore. Nach der großen EMO im letzten Jahr – welchen Stellenwert hat dieses „Heimspiel“ in Stuttgart für Sie persönlich und für das Unternehmen Horn?

Markus Horn: Die AMB lohnt sich immer, weil sie in den geraden Jahren einfach die Fachmesse für die Metallbearbeitung ist. Im Vergleich zur EMO ist sie zwar etwas kleiner, was die reine Fläche angeht, aber genau das macht sie so charmant: Sie ist kompakter. Man kriegt es an einem Tag tatsächlich hin, alle wesentlichen Aussteller zu besuchen. Für uns ist das ein riesiger Vorteil, weil es hier viel mehr um die Peripherie geht, um Präzisionswerkzeuge und Hartmetall. Ich sage immer ganz unbescheiden: „AMB – unser Wohnzimmer.“ Wir sitzen hier in Tübingen ja quasi ums Eck. Wir fühlen uns dort heimisch, was man ja auch an der Halle 10 sieht, der Paul-Horn-Halle, die wir sponsern. Wir selbst stellen zwar in Halle 1 bei den Werkzeugherstellern aus, aber der Name draußen verpflichtet natürlich. Stuttgart ist das Herz im Bundesland mit der höchsten Dichte an Zerspanern – beispielsweise Daimler, Porsche, deren Zulieferer, die Lohnfertiger auf dem Heuberg und das Medical Cluster im Raum Tuttlingen, um nur einige zu nennen. Da ist die AMB der Fixpunkt.

Es gibt ja in Stuttgart auch diesen besonderen „Familiensamstag“. Ist das mehr als nur ein nettes Event für Kinder?

Die Paul Horn GmbH hat sich für die diesjährige AMB in Stuttgart das Thema Shopfloor auf die Fahnen geschrieben. Man wolle weg von der 'reinen Leistungsshow'.
Die Paul Horn GmbH hat sich für die diesjährige AMB in Stuttgart das Thema Shopfloor auf die Fahnen geschrieben. Man wolle weg von der "reinen Leistungsshow".

Horn: Absolut. Wir nehmen das sehr ernst. Samstags kommen junge Menschen, die wir als unsere potenziellen Mitarbeiter, Kunden oder Partner von morgen sehen. Wir sind Teil einer Rallye für Kinder, damit Interessenten in Ruhe mit uns fachsimpeln können, während die Familie versorgt ist. Es geht um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und darum, Begeisterung für Technik zu wecken. Darüber hinaus bieten wir an diesem Tag die Möglichkeit für junge Menschen sich über uns als Arbeitgeber zu informieren.

Auf Ihrem 500 qm großen Stand setzen Sie diesmal voll auf das Thema „Shopfloor“. Was steckt dahinter?

Horn: Wir wollen weg von der reinen „Leistungsshow“ und hin zur Praxis. Wir haben drei Maschinen auf dem Stand – von DMG Mori, Index und Grob –, auf denen wir live zerspanen. Wir zeigen dort unsere Branchenkompetenz in einem Look-and-feel, das direkt den Arbeitsalltag unserer Kunden widerspiegelt. Die Kunden kommen ja oft mit einem konkreten Problem im Gepäck. Teilweise holen sie einen Aufschrieb oder eine Zeichnung aus der Tasche und sagen: „Guck mal, ich habe da ein Problem.“. Da können wir dann direkt in den Lösungsdialog gehen. Das ist viel wertvoller als jeder Hochglanzkatalog.

Ein technisches Highlight auf der Messe wird das neue Werkzeugsystem S274 sein. Was war der Auslöser für diese Weiterentwicklung um neue gesinterte Spanformgeometrien?

Horn: Wir haben bei uns zwei Entwicklungsrichtungen: Entweder wir erkennen am Markt einen technologischen Trend oder wir lösen ein ganz spezifisches Problem, das ein Kunde an uns heranträgt. Beim System S274 bewegen wir uns im Bereich der Langdreher. Ein großer Treiber sind hier die geänderten Regularien – RoHS, REACH und das Thema bleifreie Materialien. Viele Kunden wollen ihre Prozesse stabiler gestalten, gerade wenn es um neue Werkstoffe geht. Wir arbeiten hier eng mit Materialherstellern wie Wieland oder Diehl zusammen. Diese entwickeln neue Stoffe, die bleifrei und Regularien-konform sind, und wir validieren im Dialog, wie man diese effizient zerspant. Und dann gibt es natürlich aktuell die Fälle aus dem Defence-Bereich: Da legt einem ein Kunde ein Material vor und sagt: „Ich darf nicht sagen, was genau das ist, aber ihr müsst gucken, dass wir es zerspanen können.“. Da ist dann der schwäbische Tüftler bei uns gefragt.

Stichwort Materialeffizienz: Sie bieten beim S274 sehr schmale Stechbreiten von 0,6 oder 0,8 mm an. Schmale Stechbreiten reduzieren Materialverlust. Ist das die Antwort auf die gestiegenen Rohstoffpreise und Nachhaltigkeitsanforderungen?

Auf der AMB 2026 in Stuttgart zeigt die Paul Horn GmbH neue Lösungen für die Stech- und Drehbearbeitung. Im Mittelpunkt steht unter anderem die Erweiterung des Werkzeugsystems S274 um neue gesinterte Spanformgeometrien.
Auf der AMB 2026 in Stuttgart zeigt die Paul Horn GmbH neue Lösungen für die Stech- und Drehbearbeitung. Im Mittelpunkt steht unter anderem die Erweiterung des Werkzeugsystems S274 um neue gesinterte Spanformgeometrien.

Horn: Es ist immer eine Abwägung. Man möchte natürlich ressourcenschonend abstechen, also die Stechbreite so gering wie möglich halten. Aber wenn ein Teil in Millionenstückzahl auf einem Langdreher läuft, ist die Standzeit und Prozessstabilität oft das wertvollere Gut. Vom Grundsatz her sind wir auch wieder schwäbisch unterwegs: Schmal ja, aber nicht bedingungslos schmal, sondern auf den Anwendungsfall bezogen. Je dünner das Werkzeug bei gleichbleibendem Durchmesser wird, desto schwieriger wird die Spanevakuierung. Man muss den Span ja quasi zusammenfalten, damit er sich nicht in der Nut verklemmt und die Oberfläche beschädigt. Wenn die Qualität nicht stimmt, hilft die Materialersparnis am Ende niemandem.

Wenn wir über Rohstoffe sprechen: Die Preise für Wolfram sind durch Chinas Exportregeln für APT massiv gestiegen. Wie gehen Sie damit um?

Horn: Ja, die Preise sind innerhalb eines Jahres um den Faktor 10 gestiegen. China hat den Export von Ammoniumparawolframat reglementiert, was dazu führte, dass sich andere Minen weltweit plötzlich wieder lohnen. Das reduziert die Abhängigkeit ein Stück weit. Für uns bei Horn war wichtig: Wir hatten zwar eine Preiserhöhung, aber zu keiner Zeit eine Rohstoffknappheit. Wir haben aus der Finanzkrise 2008/09 gelernt. Seitdem fahren wir eine konsequente Multi-Sourcing-Strategie und setzen auf eine starke Lagerhaltung für unser Pulver in der eigenen Hartmetallfertigung. Deshalb konnten wir unsere Kunden immer zu 100 Prozent beliefern, während Marktbegleiter mit China-Rohlingen Lieferprobleme hatten.

Branchenverbände fordern, Hartmetallschrott stärker im europäischen Kreislauf zu halten, Stichwort Recycling. Wie geht Horn dieses Thema an – strategisch, wirtschaftlich und technologisch?

Horn: Wir sind Sonderwerkzeughersteller. Unsere Werkzeuge sind keine ISO-Massenware, die in Millionen über den Tisch geht. Für ein effektives Recycling müssten die Kunden die Werkzeuge sortenrein trennen – das macht in der Praxis kaum jemand. Wir raten daher, dort zu recyceln, wo sie sicher sind, dass der Rohstoff im Kreislauf von Europa oder Nordamerika bleibt. Wir wollen nicht, dass der Schrott zu hohen Preisen nach China abfließt und wir ihn später teuer zurückkaufen müssen. Wir könnten das Handling zwar übernehmen, wären dann aber wie fast alle Präzisionswerkzeughersteller nur eine zusätzliche Zwischenstation. Ein spezialisierter Rohstoffverwerter kann dem Kunden da oft bessere Konditionen bieten.

Ein Blick auf die Weltkarte: Deutschland wirkt gerade etwas gedrückt, während andere Märkte boomen. Wo wächst Horn aktuell besonders stark?

Horn: Deutschland steht massiv unter Druck, das muss man so nüchtern sagen. Seit 2018 befinden wir uns in einem Abschwung, der nur kurz durch COVID unterbrochen wurde. Die zu schnelle und oft blinde Abkehr vom Verbrennungsmotor hat dazu geführt, dass ganze Fertigungsstrecken und Entwicklungstechnologien ins Ausland abgewandert sind. Wenn man sieht, dass ein Hersteller wie Mercedes erst „Electric First“ ruft und dann den V8 wiederbeleben muss, merkt man, wie viel Geld da strukturell verbrannt wurde. Wir fokussieren uns daher neben dem deutschen Markt auch auf Hightech-Märkte wie die USA oder die ASEAN-Staaten. In Indien tun wir uns noch schwer, weil dort Arbeitskraft oft billiger ist als ein High-End-Werkzeug aus Europa. Aber in den USA haben wir unsere Fläche vervierfacht. Unser Trumpf auch dort ist die Geschwindigkeit: Mit unserem „Greenline“-Verfahren liefern wir Sonderwerkzeuge innerhalb von fünf Arbeitstagen ab Zeichnungsfreigabe. Der Branchenschnitt liegt bei vier bis acht Wochen. Wir sind einfach ein schwäbisches „bisschen schneller als die anderen“.

Anfang des Jahres haben Sie ihre Niederlassung in Shanghai erweitert. Wie hat sich dieses Engagement seither entwickelt? 

Horn: China ist für uns weiterhin ein Wachstumsmarkt. Wir sind dort mit Vertrieb und Beratung unterwegs und haben ein eigenes Lager. Als Familienunternehmer denke ich auch in China nicht in Quartalen, sondern in Jahren und darüber hinaus. Ich bin überzeugt, dass wir mit unseren Werkzeugen in China noch große Sprünge erreichen.

Sie beliefern auch die Defence-Branche. Ist das ein ethisches Problem oder einfach ein notwendiger Markt?

Markus Horn: Wir beliefern diese Branche schon sehr lange, besonders über Horn USA. Heute darf man jedoch offener darüber sprechen. Unsere Werkzeuge fallen nicht unter die „Dual-Use“-Beschränkungen. Ob Sie mit einem Stechwerkzeug ein Bauteil für ein Beatmungsgerät fertigen oder für ein Gewehr, macht für das Werkzeug keinen Unterschied. Wir haben natürlich ein Anti-Terror-Beauftragten-Know-how im Haus, um die BAFA-Anfragen korrekt abzuwickeln. Aber man muss realistisch bleiben: Die Rüstungsindustrie wird den Rückgang der Zerspanung im Automobilsektor niemals kompensieren können, nicht mal ansatzweise.

Das Thema der Stunde ist Künstliche Intelligenz. Wird der Werkzeugplaner bald durch einen Algorithmus ersetzt?

Horn: KI ist für mich aktuell oft noch ein Buzzword. Vieles, was heute als KI verkauft wird, wie die Optimierung von Prozessparametern über Sensoren – wir arbeiten da zum Beispiel mit Kistler zusammen –, ist in Wahrheit ein festes Regelwerk. Das hat mit echter KI nichts zu tun. KI braucht riesige Datenmengen. In unserer Produktion mit Losgrößen zwischen 10 und 100 Stück stößt KI schnell an Grenzen. In der Kundenbeziehung ist KI für mich sogar tödlich. Wir nutzen digitale Tools zur Unterstützung, aber die letzte Entscheidung und das Fingerspitzengefühl, etwa beim Wechseln einer winzigen Schneidplatte in einem Langdreher, kann eine Maschine heute noch nicht leisten. Für mich ist ganz klar: Der Mensch ist die KI 2.0.

Und wie sieht es mit dem Fachkräftenachwuchs aus, der diese Maschinen bedienen soll?

Ich bedanke mich sehr herzlich für das Interview, Markus Horn!

Horn: Das ist eine echte Herausforderung. Das allgemeine Schulniveau sinkt leider, und wir müssen als Unternehmen enorm viel investieren, um junge Menschen überhaupt auf ein ordentliches Grundniveau zu bringen. Wir engagieren uns bei Euroskills und World Skills, um exzellente Leute zu fördern. Darüber hinaus arbeiten unsere Auszubildenen an verschiedenen Projekten wie zum Beispiel einem Tischkicker oder einem solarbetriebenen Kiosk für ein Zukunftsprojekt in Tansania. Ebenso erhält unser Nachwuchs Einblicke durch diverse Einsätze unter Echtbedingungen in unserer Produktion. Dadurch schaffen wir die Basis für hochqualifizierte und hochmotivierte Facharbeiter.

Ein abschließender Blick in die Glaskugel: Wenn wir uns in einem Jahr wieder treffen, wo steht die Branche dann?

Horn: Ich hoffe sehr, dass sich die Welt bis dahin beruhigt hat und wir wieder mehr strategische Partnerschaften bilden, statt gegeneinander zu arbeiten. In Deutschland haben wir keine Rohstoffe und keine riesigen Flächen. Das Einzige, was wir haben, ist unser Gehirn. Deshalb ist mein Plädoyer: Lieber mehr Bildung statt mehr Waffen. Wir müssen in die Köpfe unserer jungen Menschen investieren, das ist unser einziges echtes Asset. Wenn wir das tun, bin ich optimistisch, dass wir auch wieder über zweistellige Wachstumsraten sprechen können.