Präzisionswerkzeug-Branche 2025: Zwischen Krisenlast und Hoffnung auf Stabilisierung
Drei schwierige Jahre liegen hinter der deutschen Präzisionswerkzeugindustrie. Die Branche verzeichnete im vergangenen Jahr ein Produktionsminus von 7 % auf etwa 8,5 Milliarden Euro. Während die Talsohle nun erreicht scheint, warten die Unternehmen dringend auf politische Signale für bessere Rahmenbedingungen.
Die Branche der Präzisionswerkzeuge hat laut VDMA drei wirtschaftlich schwache Jahre hinter sich. Für 2026 rechnet der Fachverband "mit einer schwarzen Null".adobe.stock.de - Industrial Arts)
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"Wir haben drei schwierige
Jahre hinter uns – aber die Talsohle scheint erreicht", mit diesen Worten
beschreibt Stefan Zecha, Vorsitzender des VDMA Fachverbands
Präzisionswerkzeuge, die Lage der Branche zum Jahresbeginn 2026. Die Zahlen
sprechen eine deutliche Sprache: Die Präzisionswerkzeugindustrie verzeichnete
im vergangenen Jahr ein Produktionsminus von rund 7 Prozent auf etwa 8,5
Milliarden Euro. Viele Unternehmen mussten Personal abbauen und Investitionen
zurückfahren.
Die wirtschaftliche Schwäche
betraf sowohl den Inlandsmarkt als auch das Exportgeschäft. Der deutsche Markt
blieb schwach, insbesondere aufgrund rückläufiger Produktion im Maschinenbau
und anhaltender Unsicherheit in der Automobilindustrie. In Europa gingen die
Exporte um 4 Prozent zurück, China verzeichnete einen deutlichen Rückgang um 9
Prozent. Einzig die USA blieben mit einem Plus von 2 Prozent wichtigster
Auslandsmarkt – allerdings blickt die Branche angesichts der politischen
Entwicklungen dort mit wachsender Sorge in die Zukunft.
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Bürokratie als Sand im Getriebe
Die Präzisionswerkzeugindustrie verzeichnete im vergangenen Jahr ein
Produktionsminus von rund 7 Prozent auf etwa 8,5 Milliarden Euro. Für 2026 rechnet der Verband mit einer Stagnation auf diesjährigem Niveau.VDMA Präzisionswerkzeuge)
Die zentralen Herausforderungen
bleiben gravierend. Die Bürokratie belastet Unternehmen erheblich, insbesondere
durch die Vielzahl von Berichtspflichten. Stefan Zecha bringt die Frustration
auf den Punkt: "Für viele
Unternehmen entlang der Wertschöpfungsketten ist die aktuelle Situation bereits
lebensbedrohlich. Dabei steht uns das Wasser bis zum Hals."
Der Vorsitzende formuliert es
deutlich: Die Unternehmen seien technologisch bestens aufgestellt, bräuchten
aber endlich politische Entscheidungen, die Planbarkeit und Entlastung
schaffen. Zum Jahreswechsel mussten die Unternehmen noch immer 12.364 Informationspflichten
erfüllen – nur 26 weniger als im Vorjahr.
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Jacek Kruszynski, Chief Technology
Officer bei Mapal Dr. Kress SE & Co. KG,
sieht in konsequenter Digitalisierung den Ausweg: „Wir erleben in unserer
Branche eine Phase hoher Produktivitätsanforderungen und zunehmender
Volatilität. Nur wer konsequent automatisiert und digitalisiert, bleibt
langfristig wettbewerbsfähig." Ähnlich positioniert sich Erich Timons, CEO der Iscar Germany GmbH: „Unsere Innovationskraft hat für uns Priorität." Um den
Dreifach-Druck aus Rohstoffkosten, Bürokratie und internationalem
Preiswettbewerb abzufedern, setze ISCAR auf gezielte Investitionen in Automationslösungen
und den zunehmenden Einsatz von KI in internen Prozessen.
Stefan Zecha bringt die Frustration in Bezug auf die enorme Bürokratie auf den Punkt: "Für viele Unternehmen entlang der Wertschöpfungsketten ist die aktuelle Situation bereits lebensbedrohlich. Dabei steht uns das Wasser bis zum Hals."Annika Ostermeier
Die kaum verringerte bürokratische
Gesamtlast kostet laut Zecha Zeit, bindet Personal und frisst Energie, die bei Innovation
und Investition dringend gebraucht würde. Nicht ein einzelner Bürokratiebrocken
bremst die Wirtschaft aus, sondern die gesamte Flut an Anforderungen, die sich
über die Jahre angehäuft hat. Zwar ist die Belastung durch
Informationspflichten 2025 erstmals seit Jahren leicht gesunken – von 66,6
Milliarden auf 62,5 Milliarden Euro. Doch diese Trippelschrittchen reichen bei
weitem nicht aus, um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.
Spanntechnik: Neue Projekte fehlen
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Auch im Jahr 2025 sah sich die
Spanntechnik-Branche mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Die
Umsätze verzeichneten einen spürbaren Rückgang im hohen einstelligen Bereich.
Ein wesentlicher Grund war der Mangel an neuen Projekten im Werkzeugmaschinenbau.
Besonders die Werkstückspannung litt unter dieser Zurückhaltung, während sich
die Werkzeugspannung als etwas stabiler erwies.
Das Exportgeschäft entwickelte
sich negativ auf breiter Front. Bis Oktober 2025 lagen die Lieferungen
insgesamt mit 8 Prozent im Minus, wobei alle zehn wichtigsten Exportmärkte
rückläufig waren. Selbst die USA, die in den Vorjahren als verlässlicher Wachstumstreiber
fungierten, verzeichneten einen Rückgang von 6 Prozent. Besonders drastisch war
der Einbruch im Chinageschäft mit einem Minus von 14 Prozent. Einzig Indien
stellte mit einem Zuwachs von 10 Prozent einen Lichtblick dar und rückte damit
auf Platz 10 des Länderrankings vor.
Philipp Ehrhardt, Sprecher der
Spanntechnik-Branche, betont die Bedeutung technologischer Weiterentwicklung: "Technologieführerschaft
ist der Garant dafür, dass wir im globalen Wettbewerb bestehen können." Trotz dieser technologischen
Fortschritte bleibt der Ausblick verhalten. Für 2026 muss nach aktuellem Stand
von einem weiteren, wenn auch nur leichten Umsatzrückgang ausgegangen werden.
Philipp Ehrhardt, Vorsitzender der Fachabteilung Spannzeuge.Annika Ostermeier
Der Kampf um Wolfram
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Die Hersteller von
Zerspanungswerkzeugen mussten 2025 überwiegend kleinere Umsatzrückgänge
hinnehmen. Ein massives Problem ist die weltweite Konkurrenz um kritische
Rohstoffe, insbesondere Wolfram. Die Verschärfung der Wolfram-Restriktionen in China – das Land kontrolliert über 80 Prozent der weltweiten Gewinnung – führte zu Knappheit, prekären Lieferketten und enormen Kostensteigerungen. Gerhard Knienieder, stellvertretender
Vorsitzender des Fachverbands, erklärt: " Jedes Gramm zählt – Hartmetall in Europa sichert unsere Souveränität."
Gleichzeitig gewinnen Recyclinglösungen an Bedeutung:
Rücknahmesysteme und Aufbereitung von Hartmetall in Europa haben sich
etabliert. Mapal hat das Thema tief in der Unternehmenstrategie verankert: „Recycling ist für
Mapal ein wichtiger Bestandteil unserer Nachhaltigkeitsstrategie", erklärt
CTO Jacek Kruszynski. Da das Unternehmen selbst kein Hartmetall herstellt,
arbeite man eng mit Schlüsselpartnern zusammen, um eine möglichst geschlossene
und effiziente Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen.
Auch Iscar setzt auf eigene Ressourcen: Das Unternehmen
verfügt konzernweit über eigene Kapazitäten zur Herstellung von
Wolframcarbid-Pulver, die gezielt durch recyceltes Hartmetall ergänzt werden.
„Aktuell bauen wir die Kreislaufwirtschaft vom Kunden zurück in unsere Werke
weiter aus, um unsere Autarkie zu stärken und unabhängiger von externen
Rohstoffquellen zu werden", so CEO Erich Timons.
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Indien: Der strategische Wachstumsmarkt
"Die Beschaffungskosten für Wolfram beschäftigen uns stark", sagt Gerhard Knienieder, stellvertretender Vorsitzender des Fachverbands.Annika Ostermeier
Trotz der allgemeinen Flaute
gibt es erste Anzeichen für eine Stabilisierung in Fernost. Das Geschäft mit
China ging bis Oktober 2025 nur noch leicht um 2 Prozent zurück. Indien wird
langfristig als strategischer Wachstumsmarkt eingestuft. Das neue Zollabkommen
und die Verlagerung von Geschäften von China nach Indien könnten für Rückenwind
sorgen. Schon heute ist Indien unter den Top 15 Märkten, die Exporte stiegen im
letzten Jahr gegen den Trend um 5 Prozent.
Mapal ist bereits seit fast 25 Jahren mit einem eigenen
Standort für Produktion, Vertrieb und Service in Indien präsent. Vor vier
Jahren errichtete das Unternehmen einen vollständig neuen, nach ökologischen
und technologischen Standards konzipierten Produktionsstandort, der im Mai 2024
mit der Platin-Zertifizierung des LEED Green Building Rating Systems
ausgezeichnet wurde. „Der indische Standort ist integraler Bestandteil der
globalen Mapal-Strategie", betont CTO Kruszynski.
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"Unsere Innovationskraft hat für uns Priorität", sagt Erich Timons, CEO von Iscar Germany.Iscar Germany
Erich Timons von Iscar unterstreicht, dass für den Erfolg
in Indien die gleichen Grundprinzipien gelten wie in allen anderen Märkten:
„Wir sind sehr nah am Kunden, bieten einen hohen Servicelevel und innovative
Produkte, die ihnen konkret dabei helfen, ihre Produktivität zu steigern,
profitabler zu arbeiten und ihre Fertigungsprozesse sicherer zu machen."
Europa zwischen Deindustrialisierung und Transformation
Markus Horn, Vorsitzender der Fachabteilung Wendeschneidplatten: "Dort, wo Zukunftstechnologien, Energieprojekte oder international wettbewerbsfähige Produktionscluster wuchsen, blieben die Werkzeugbedarfe stabil. In klassischen Industriezweigen hingegen dominierten Kostendruck und Unsicherheit."Annika Ostermeier
Markus Horn vom europäischen
Dachverband der Präzisionswerkzeugindustrie zeichnet ein ambivalentes Bild der
wirtschaftlichen Situation in Europa. Das Jahr 2025 war für die meisten Länder
schwach, geprägt von verhaltener Marktdynamik. Viele Industrienationen erleben
eine zunehmende Deindustrialisierung. "Dort, wo
der Staat die Nachfrage stimuliert hat, ging es weniger steil bergab."
In Italien stabilisierten
staatliche Modernisierungsprogramme wie "Transition 5.0" die
Nachfrage. Die Schweiz kämpfte mit dem starken Franken und Energiekosten,
während Spanien nach einem starken Jahr 2024 das Niveau stabil halten konnte –
getragen durch Luftfahrtindustrie sowie Projekte im Energie- und
Infrastruktursektor.
Digitale Souveränität und Resilienz
Jacek Kruszynski, Chief Technology Officer der Mapal Dr. Kress SE & Co. KGMapal Dr. Kress SE & Co. KG
Ein zentrales Thema für die
künftige Resilienz Europas ist die Digitalisierung und die damit verbundene
Souveränität. Mapal-CTO Kruszynski formuliert die Konsequenz für sein Unternehmen klar: „Wir treiben die Automatisierung unserer Prozesse gezielt voran und investieren entlang der gesamten Wertschöpfungskette in digitale Lösungen. Das macht uns schneller, stabiler und besser aufgestellt für die Zukunft." Der politische Druck wächst, eine eigene
Digitalisierungsstrategie zu forcieren, um die Abhängigkeit von wenigen großen
US-Anbietern zu reduzieren. Philipp Ehrhardt unterstreicht: "Digitale
Souveränität ist kein Selbstzweck, sondern eine zentrale Voraussetzung für
Resilienz, Sicherheitsinteressen und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit
Europas."
Technologisch betrachtet wird
künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit ein wesentlicher Treiber sein, um
weitere Effizienzpotenziale zu erschließen. Parallel dazu gewinnen die
Elektrifizierung der Spanntechnik sowie die rasant fortschreitende Entwicklung
der Sensorik an Bedeutung.
Werkzeugbau kämpft ums Überleben
Der Werkzeugbau sah sich 2025
erneut mit deutlichen Produktionsrückgängen konfrontiert. Viele Unternehmen
mussten Insolvenz anmelden. Besonders das Inlandsgeschäft blieb schwach,
während chinesische Anbieter mit massiv verschärftem Wettbewerbsdruck den deutschen
Anbietern spürbar zusetzten. Zumindest blieb das Exportgeschäft stabil.
Ausblick: Konsolidierung auf niedrigem Niveau
Für 2026 erwartet die Branche
insgesamt eine Konsolidierung auf dem erreichten Niveau, sofern keine größeren
geopolitischen Verwerfungen eintreten. Stefan Zecha gibt sich trotz allem nicht
geschlagen: "Ich bin
immer noch Optimist und kein Pessimist. In Deutschland waren wir immer dann
gut, wenn wir extrem unter Druck standen und da stehen wir aktuell."
Ob sich dieser Optimismus
bewahrheitet, wird auch von der Politik abhängen. Die Branche wartet dringend
auf schlankere Verfahren, weniger Bürokratie und eine resilienzfördernde
Digitalisierung. Nur mit verbesserten Standortbedingungen kann die technologisch
hervorragend aufgestellte deutsche Präzisionswerkzeugindustrie ihre Position im
globalen Wettbewerb behaupten.
Erfahren Sie mehr über den Maschinenbau-Gipfel: Klicken Sie hier!
FAQ: Präzisionswerkzeug-Branche 2025/2026
Wie hat sich die Präzisionswerkzeug-Branche 2025 entwickelt? - Die Branche verzeichnete 2025 ein Produktionsminus von 7 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro. Europa minus 4 Prozent, China minus 9 Prozent. Nur die USA blieben mit plus 2 Prozent stabil.
Welche Rolle spielt Wolfram für die Branche und warum ist es kritisch? - Wolfram ist unverzichtbar für Hartmetallwerkzeuge. China kontrolliert über 80 % der Gewinnung und hat Anfang 2025 Exportrestriktionen eingeführt. Zusätzlich konkurriert die Verteidigungsindustrie um den Rohstoff. Recycling in Europa wird daher immer wichtiger.
Was sind die größten Herausforderungen für die Unternehmen? - Erstens: massive Bürokratiebelastung mit über 12.000 Informationspflichten. Zweitens: weltpolitische Unsicherheit und Handelskonflikte. Drittens: schwache Nachfrage aus Maschinenbau und Automobilindustrie.
Welche Märkte bieten Wachstumspotenzial? - Indien wächst stark: plus 10 Prozent bei Spanntechnik, plus 5 Prozent bei Zerspanungswerkzeugen. China stabilisiert sich (minus 2 Prozent). Bei den Branchen: Luftfahrt, Medizintechnik und Verteidigungsindustrie zeigen positive Entwicklungen.
Wie ist der Ausblick für 2026? - Konsolidierung auf aktuellem Niveau – sofern keine geopolitischen Verwerfungen eintreten. Allmähliche Besserung im Jahresverlauf erwartet. Entscheidend: weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und resilienzfördernde Digitalisierung.