Produktivität neu denken: 5 Achs-Bearbeitung im modernen Zerspanungsprozess
Viele Mittelständler stehen unter Druck: Losgrößen schwanken, Bauteile werden komplexer und der Fachkräftemangel verschärft die Lage. 5-Achs-Simultanbearbeitung kann helfen, Automationslücken zu schließen und die Produktivität bis hin zur mannlosen Fertigung zu steigern.
Schlichten: Tangentialbearbeitung mit hyperMILL und dem PGMS-Kreissegmentfräser von ZCC-CT Europe.ZCC-CT Europe
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Der strukturelle Wandel in Automotive, Aerospace und dem
Maschinenbau zwingt fertigende Unternehmen zu hoher Flexibilität bei
schwankenden Losgrößen und volatilen Auftragslagen Parallel dazu steigt die geometrische
Komplexität der beauftragten Bauteile. Wirtschaftlichkeit gewinnt damit immer
mehr an Bedeutung. Während wir aber auf Messen über KI-Bots und Agentic AI und
autonome Fertigungskonzepte diskutieren, ist die Digitalisierung im Mittelstand
immer noch unzureichend umgesetzt. Und der Fachkräftemangel verschärft die
Kluft zwischen steigenden Anforderungen und sinkenden Ressourcen zusätzlich. Viele
Unternehmen versuchen daher, ihre Automationslücken zu schließen und integrieren
gleichzeitig vermehrt wirtschaftliche Fertigungsstrategien wie die 5‑Achs‑Simultanbearbeitung,
um ihre Produktivität zu heben. Diese schafft die Grundlage für einen hohen
Automationsgrad bis hin zur mannlosen Fertigung.
Bearbeitungsstrategien im Überblick: 5-Achs-Simultanbearbeitung
gegenüber 3+2
Bauteil auf Maschine in Quick Point 52/96 3-Seiten-Pyramide.ZCC-CT Europe (mit freundlicher Genehmigung von Lang Technik)
Wer das volle Potenzial moderner 5‑Achs‑Technologie
ausschöpfen will, muss den Unterschied zwischen 3+2‑Fräsen und echter 5‑Achs‑Simultanbearbeitung
verstehen – denn beide Ansätze bieten völlig unterschiedliche Möglichkeiten für
Produktivität und Bauteilqualität. Beim 3+2-Fräsen gibt es immer zwei
festangestellte Rotationsachsen. Die Bearbeitung selbst erfolgt mit maximal
drei beweglichen Linearachsen. Dieses Verfahren eignet sich für viele
Anwendungen, bei denen verschiedene Bauteilseiten präzise und effizient
bearbeitet werden sollen.
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Bei komplexen Geometrien, anspruchsvollen
Freiformflächen oder Bauteilen mit Hinterschnitten hingegen bietet die
5-Achs-Simultanbearbeitung deutliche Vorteile. Das gilt etwa für Bauteile wie
Francis-Turbinen, Pelton-Räder, komplexe Werkzeugformen oder medizinische
Implantate. Hier bewegen sich alle fünf Achsen gleichzeitig, dadurch kann das
Werkzeug die Bauteilflächen im jeweils optimalen Anstellwinkel bearbeiten. So
lassen sich komplexe Aufgaben effizient bearbeiten und Oberflächen mit hoher
Form- und Maßgenauigkeit erzeugen. Darüber hinaus werden oftmals weniger
Aufspannungen benötigt. Das reduziert Nebenzeiten, minimiert manuelle Eingriffe
und unterstützt eine hohe Prozesssicherheit.
Technische Voraussetzungen für die 5-Achs- Simultan-Bearbeitung
Open Mind Technologies AG, Anbieter der CAD/CAM-Software hyperMILL,
und ZCC-CT Europe, Spezialist für Werkzeuglösungen, beobachten aktuell ein
deutlich wachsendes Interesse Ihrer Kunden und Interessenten an diesem Thema
und kooperieren daher verstärkt bei Veranstaltungen zur Wissenvermittlung. Wollen
Fertiger die 5-Achs-Simultanbearbeitung in ihre Prozessabläufe integrieren,
bedarf es zunächst einiger technologischer Grundvoraussetzungen, erklärt Marco
Brosowski, Anwendungstechniker bei dem Softwareentwickler Open Mind. Die
Anschaffung eines 5-Achs-Bearbeitungszentrums, welches hohe Vorschübe und
schnelle Beschleunigungen ermöglicht, sei dabei nur der erste Schritt: „Erst
das Zusammenspiel aus leistungsstarker CAM-Software, modernen
5-Achs-Technologien und virtueller Maschinensimulation mit digitalem Zwilling ermöglicht
durchgängige Prozesse, vom Einlesen der CAD-Dateien über die CAM-Programmierung
bis zum kollisionsgeprüften NC-Code für die Maschine.“
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Drei Anwendungsfälle, maximale Produktivität
Dennis Hollenberg, Produktmanager VHM-Fräsen bei ZCC Cutting
Tools Europe: „Aufgrund des großen Interesses an innovativen
Bearbeitungsstrategien konnten wir erfolgreiche Veranstaltungen zur 5-Achs-Simultanbearbeitung
durchführen und dabei hohes wirtschaftliche Potenzial aufzeigen. Im Juni dieses
Jahres gelang es beispielsweise, bei der Fertigung eines typischen
„Nachtschicht-Bauteils“ Einsparungen von bis zu 80 % der üblichen
Fertigungszeit zu erzielen. Ausgangslage des Workshops war ein aus dem Vollen
gefrästes Bauteil aus 1.2312 (Werkzeugstahl), wobei die Maschinenkapazität mit
Blick auf eine mannlose, simultane Fertigung mithilfe einer 3-Seiten-Pyramide Lang
Technik für die Aufspannung von 3 Bauteilen vergrößert wurde.
das WorkshopbauteilZCC-CT Europe (mit freundlicher Genehmigung von Lang Technik)
„Eine erwähnenswerte Fräsoperation war in unseren Augen das Auffräsen
einer zylindrischen Bohrung unter Berücksichtigung unterschiedlicher
Maschinenkinematiken. Diese Bearbeitung wäre mit konventionellen Methoden aufgrund
der vielen aufeinander folgenden Prozessschritte wirtschaftlich nur schwer
umsetzbar gewesen“, führt Hollenberg weiter aus. Die besondere Herausforderung
war dabei eine querliegende Bohrung im Werkstück mit ausgeprägten
Schwingneigungen. Um die axiale Belastung gegenüber einer klassischen
3-Achs-Bearbeitung zu reduzieren, kam die hyperMILL-Strategie
5-Achs-helikale Bohren zum Einsatz. Marco Brosowski erläutert: „Die Bohrung
hatte einen Durchmesser von 50 mm. Mit dem 5-Achs-Bohrfräsen lässt sich aus
einer kreisförmigen Tasche möglichst viel Material sicher, effizient und
fräserschonend entfernen. Durch die 5-Achs-Neigung schneidet der Fräser aber nicht
nur an der Stirnseite, sondern an einem günstigeren Eingriffspunkt. So werden
Schnittkräfte und Spindelbelastung deutlich reduziert.“
In Kombination mit dem positiv ausgelegten
Hochvorschubfrässystem XMR01 von ZCC-CT Europe gelang eine hochproduktive
Schruppbearbeitung mit einer Drehzahl von 4.456 U/min und einem Vorschub von 3.565 m/min.
Dieses weich schneidende Werkzeug wird typischerweise eingesetzt, wo hohe
Vorschübe, große Zerspanungsvolumen, geringe Schnittkräfte und stabile Prozesse
auch bei langen Auskraglängen gefordert sind.
Des Weiteren eröffnete die 5-Achs-Simultanbearbeitung die
Möglichkeit, konische Werkzeugaufnahmen für eine erhöhte Stabilität einzusetzen.
Dies führte zu einer effektiven Verringerung von Vibrationen und einem
verminderten Bearbeitungsdruck, was sich unmittelbar in einer erhöhten
Prozesssicherheit niederschlägt.
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Schruppen: Hochproduktives Taschenfräsen mit konischem
Turbinenwerkzeug
Während der nächsten Operation sollte eine tiefe Kavität
möglichst produktiv bearbeitet werden. Die zu bearbeitende Tasche wies einen
Freiformflächengrund auf, bei dem zwei Ebenen kontinuierlich in einen Radius
übergehen. Dennis Hollenberg von ZCC-CT Europe setzte dazu ein konisch
ausgeführtes PGMS-Turbinenwerkzeug mit stirnseitigem Vollradius (r=3 mm), ein,
da diese Werkzeuggeometrie eine erhöhte Biegesteifigkeit gewährleistet und
dadurch die Neigung zu Schwingungen reduziert, wie sie insbesondere bei großen
Auskraglängen auftreten.
Mit klassischen ungleich geteilten Schaftfräsern wäre zwar
eine effiziente Bearbeitung der ebenen Bereiche, jedoch keine gleichzeitige
Bearbeitung der Freiformflächen möglich gewesen: Üblicherweise müssten die
Freiformsegmente zunächst stufenweise vorgearbeitet und anschließend mit einem
6‑mm-Kugelfräser (Schneidenlänge 18 mm am Konus) in Zeilenbahnen nachbearbeitet
werden, um die Stufen zu einer durchgängigen Freiformtopografie zu
homogenisieren. Durch den Einsatz des konischen Turbinenwerkzeugs im Workshopszenario
hingegen konnten Freiformflächen und Ebenentaschenwände in einem einzigen
Schruppprozess simultan bearbeitet werden. Für das Schruppen wählte Brosowski von Open Mind spezielle hyperMILL-Strategien für das
High-Performance-Cutting (HPC). Das Ergebnis: Eine deutliche Reduktion der
Gesamtbearbeitungszeit von 66%. Dank des PGMS‑BTR3‑Werkzeugs konnte die Tasche
bei einer Drehzahl von 11.671 min⁻¹ und einem Vorschub von 2.801 mm/min in rund
5 Minuten vollständig geschruppt werden. Die Kombination aus hoher
Werkzeugsteifigkeit, optimierter Schneidengeometrie und passender hyperMILL
Bearbeitungsstrategie ermöglichte somit eine dreifache Produktivitätssteigerung
bei gleichzeitig stabiler Prozessführung.
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Schlichten: Hohe Produktivität mit
PGMS-Kreissegmentfräser
Für die anschließende Schlichtbearbeitung kamen
Prozessparameter von 8.800 min⁻¹ Drehzahl und einem Vorschub von 1.786 mm/min
zum Einsatz. Da in vergleichbaren Schlichtoperationen üblicherweise Kugelfräser
verwendet werden, bestand das Ziel darin, den spezifischen Mehrwert einer 5‑Achs‑Simultanstrategie
herauszuarbeiten und durch die Wahl einer geeigneten Werkzeugalternative die
Produktivität deutlich zu steigern. Im Rahmen der Prozessauslegung konnte durch
den Einsatz eines kegelförmigen Kreissegmentfräsers der PGMS‑Linie die
Zustelltiefe auf 3,6 mm erhöht werden. Der Kreissegmentfräser (D12) bildet
dabei den effektiven Schneidenradius eines 300‑mm‑Kugelfräsers ab, ermöglicht
jedoch aufgrund der größeren Kontaktfläche deutlich größere Zeilabstände – was
unmittelbar zu einer signifikant gesteigerten Produktivität führt.“
Für die Bearbeitung ebener Flächen und Regelflächen mit
großem Krümmungsradius setzte man beim Schlichten mit Tonnenfräsern auf die hyperMILL-Tangentialbearbeitung.
„Die Strategie berechnet die Werkzeugbahnen automatisch und richtet das
Werkzeug kontinuierlich optimal über den Kontaktpunkt des Fräsers aus. Dadurch
wird der Schneidenradius gleichmäßig genutzt. Das ermöglicht eine sichere und
effiziente Bearbeitung sowie hochwertige Oberflächengüten über die gesamte
Fläche hinweg“, erklärt Brosowski von Open Mind. Der Einsatz des
Kreisssegmentfräsers von ZCC-CT Europe ermöglicht die Fertigung einer
gleichwertigen technischen Oberfläche mit der theoretischen Rautiefe Ra1, bei einer
gleichzeitigen Zeitersparnis von 80 %. Anwendungsfälle wie diese zeigen auf, dass
es sich lohnt, von konventionellen Lösungswegen Abstand zu nehmen und die
Werkzeugstrategie anzupassen. Die gewonnenen Erkenntnisse unterstreichen
überdies, dass die 5‑Achs‑Simultanbearbeitung ein zentraler Baustein für
zukunftsfähige, hochproduktive Fertigungsprozesse ist – insbesondere im
Zusammenspiel mit intelligenter Software und leistungsfähigen Werkzeugen und
eine gute Antwort auf die gestiegenen Anforderungen in der
Zerspanungsbranche.
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FAQ: 5-Achs-Bearbeitung in der Zerspanung
Was unterscheidet 3+2-Fräsen von 5-Achs-Simultanbearbeitung? Beim 3+2-Fräsen werden zwei Rotationsachsen fest angestellt. Bei der 5-Achs-Simultanbearbeitung bewegen sich alle fünf Achsen gleichzeitig.
Wann lohnt sich 5-Achs-Simultanbearbeitung besonders? Vor allem bei komplexen Geometrien, Freiformflächen, Hinterschnitten oder Bauteilen mit hohen Anforderungen an Form- und Maßgenauigkeit.
Welche Rolle spielt CAM-Software dabei? Sie verbindet CAD-Daten, Bearbeitungsstrategie, Simulation und kollisionsgeprüften NC-Code zu einem durchgängigen Prozess.
Wie lassen sich Bearbeitungszeiten reduzieren? Durch passende 5-Achs-Strategien, stabile Werkzeuge und optimierte Werkzeugbahnen können Nebenzeiten sinken und Prozesse deutlich produktiver werden.
Warum ist 5-Achs-Bearbeitung für die Automation wichtig? Sie reduziert manuelle Eingriffe, erhöht die Prozesssicherheit und schafft damit eine wichtige Grundlage für mannlose Fertigung.