Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Drehteile-Industrie – doch der Weg ist anspruchsvoller als erhofft. Mitglieder des Verbandes der Deutschen Drehteile-Industrie berichten aus der Praxis: Was funktioniert, was bremst – und warum ohne saubere Daten und klare Ziele nichts läuft.
Redaktion FERTIGUNGRedaktionFERTIGUNG
plysuikvv & kras99 - stock.adobe.com
Anzeige
„Künstliche Intelligenz kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Unternehmen auf belastbare Daten zugreifen können“, weiß Geschäftsführer Werner Liebmann vom Verband der Deutschen Drehteile-Industrie aus vielen Gesprächen mit den Mitgliedern.Verband der Deutschen Drehteile-Industrie
Bei
der Drehteileherstellung trifft künstliche Intelligenz (KI) auf gewachsene
Strukturen, enge Toleranzen und einen hohen Erfahrungsanteil. Ihr Potenzial liegt
darin, Prozesse stabiler, transparenter und effizienter zu gestalten, indem sie
Daten auswertet und Muster erkennt. Damit lassen sich in der Zerspanung
Bearbeitungsabläufe, Qualitätsmerkmale oder Zusammenhänge zwischen Parametern
abbilden.
Auch im Verband der Deutschen Drehteile-Industrie diskutieren Drehteilehersteller,
Maschinenbauer und Softwareanbieter über konkrete Einsatzmöglichkeiten,
Voraussetzungen und Grenzen. „Wir kommen bei all diesen Gesprächen immer wieder
zum gleichen Ergebnis“, betont Verbandsgeschäftsführer Werner Liebmann: „Damit
künstliche Intelligenz ihren Nutzen entfalten kann, müssen die Verantwortlichen
zuerst klare Ziele definieren, ihre Prozesse sauber beschreiben und vor allem auf
belastbare Daten zugreifen können.“
Anzeige
Messbarer
Nutzen von KI steht im Fokus
Einige Verbandsmitglieder
setzen künstliche Intelligenz bereits produktiv ein, andere nähern sich dem
Thema bewusst schrittweise. Einigkeit besteht darin, dass KI kein Selbstzweck
ist. Sie soll nicht bestehende Prozesse um ihrer selbst willen digitalisieren,
sondern dort unterstützen, wo sie messbaren Nutzen bringt. Dazu zählen vor
allem Bereiche, in denen große Datenmengen vorliegen, wiederkehrende
Entscheidungen getroffen werden oder Erfahrungswissen schwer verfügbar ist.
Zugleich
wird deutlich, dass der Weg zur KI anspruchsvoll bleibt. Der Aufwand für
Datenstrukturierung, Systemanpassung und Schulung ist hoch. Standardlösungen
sind selten, viele Anwendungen erfordern individuelle Modifikationen. Hinzu
kommen begrenzte personelle Ressourcen und die Notwendigkeit, Datensicherheit
und unternehmensinterne Regeln klar zu definieren.
Anzeige
KI übernimmt Routinen – Erfahrung bleibt gefragt
Viele
Drehteilehersteller sehen in der Nutzung von KI nicht den Austausch von
Personal durch Maschine, sondern eine Verschiebung von Aufgaben.
Routinetätigkeiten lassen sich automatisiert unterstützen, während sich Mitarbeitende
stärker bei komplexen Tätigkeiten einbringen. Wichtig ist, dass Entscheidungen
nachvollziehbar bleiben und Verantwortung beim Menschen liegt. Akzeptanz
entsteht dort, wo die Verantwortlichen die Belegschaft früh einbinden und den
Nutzen für den Arbeitsalltag vermitteln.
Auch aus Sicht
der Softwareanbieter ist KI weniger ein radikaler Bruch als eine
Weiterentwicklung bestehender digitaler Systeme. Strukturierte Produktions-,
Qualitäts- und Prozessdaten bilden die Grundlage. KI beschleunigt deren
Auswertung und hilft, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Der eigentliche
Lernprozess findet jedoch im Betrieb statt: Die Unternehmen müssen ihre vorhandenen
Lösungen an reale Abläufe anpassen und diese mit der Anwendung weiterentwickeln.
Anzeige
Fest steht: Mit
zunehmendem KI-Einsatz steigt die technische Komplexität. Abhängigkeiten von
stabilen Systemen nehmen zu, Eingriffsmöglichkeiten verändern sich. Fachwissen,
Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen behalten trotzdem ihren Stellenwert.
Künstliche Intelligenz ergänzt diese Kompetenzen, ersetzt sie aber nicht.
Von
Kalkulation bis Produktion
In der
praktischen Umsetzung konzentrieren sich viele Drehteilehersteller zunächst auf
klar abgegrenzte Anwendungsfelder. Häufig stehen dabei nicht die direkten
Zerspanungsprozesse im Fokus, sondern ergänzende Tätigkeiten mit hohem
Datenanteil und wiederkehrenden Abläufen.
Julius Klinke, Geschäftsführer der Julius Klinke GmbH & Co. KG, hofft, mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz schneller zu belastbaren Ergebnissen zu kommen und Entscheidungsprozesse in seinem Unternehmen besser vorbereiten zu können.Julius Klinke GmbH & Co. KG
Bei der Julius Klinke GmbH & Co.
KG beispielsweise kommen erste KI-Ansätze unter anderem in der technischen
Kalkulation, der Maschinenbelegungsplanung und bei administrativen Aufgaben zum
Einsatz. Ziel von Geschäftsführer Julius Klinke ist es, schneller zu
belastbaren Ergebnissen zu kommen und Entscheidungsprozesse vorzubereiten. Er
betont dabei die unterstützende Rolle der Technologie: „Die letzte Entscheidung
muss beim Menschen bleiben. KI soll uns eine fundierte Orientierung liefern,
keine Vorgaben.“
Anzeige
Einen Schritt
weiter ist die EZU-Metallwaren GmbH & Co. KG – dort ist künstliche
Intelligenz bereits in der Produktion im Einsatz. Der Schwerpunkt liegt auf
maschinellem Lernen und virtueller Qualitätskontrolle. KI-gestützte Systeme
überwachen die Prozesse, stabilisieren die Serienfertigung und reduzieren
Ausschuss.
„Wir haben dank KI weniger Fehlteile bei höheren Maschinenlaufzeiten und geringere Kosten für Werkzeug und Personal“, berichtet Geschäftsführer Andreas Zumkeller von der EZU-Metallwaren GmbH & Co. KG.EZU-Metallwaren
Geschäftsführer Andreas Zumkeller beschreibt den Nutzen klar
messbar: „Wir haben weniger Fehlteile bei höheren Maschinenlaufzeiten und geringere
Kosten für Werkzeug und Personal.“ Gleichzeitig verweist er darauf, dass der
Weg dorthin von Lernphasen geprägt war und klare Zieldefinitionen über den
Erfolg entscheiden.
Bei der Wilhelm
Schauerte GmbH & Co. KG liegt der Fokus bislang weniger auf der direkten
Fertigung. Stefan Schauerte schildert konkrete Effekte: „In der Nachkalkulation
beispielsweise läuft der Prozess heute vollautomatisiert“. Auch bei der
Prüfplanung, beim Abgleichen von Werksprüfzeugnissen und bei der Kontrolle von
Eingangsrechnungen unterstützt KI seine Mitarbeitenden. Ziel des
Geschäftsführers ist es im ersten Schritt, Routinetätigkeiten zu reduzieren und
so Kapazitäten für anspruchsvollere Aufgaben freizusetzen.
Anzeige
Für den Geschäftsführer der Wilhelm Schauerte GmbH & Co. KG, Stefan W. Schauerte, ist KI im Moment wichtig, um Routinetätigkeiten zu reduzieren und so Kapazitäten für anspruchsvollere Aufgaben freizusetzen.Wilhelm Schauerte GmbH & Co. KG
Von
Wissensmanagement bis Qualitätssicherung
Bislang nur
punktuell setzt die Maier GmbH & Co. KG künstliche Intelligenz ein. Erste
Anwendungen betreffen das Rüsten von Anlagen sowie die systematische
Fehlerbehebung. Geschäftsführer Thomas Braun verbindet damit vor allem
Erwartungen an das Wissensmanagement. „Ich hoffe, dass wir die richtigen
Informationen besser archivieren und schneller wiederfinden können, wenn
Probleme in Abläufen auftreten“, sagt er. Gleichzeitig verweist Braun auf die
Grenzen aktueller Lösungen. Viele Anwendungen müssten individuell angepasst
werden, was Zeit und Ressourcen binde. Langfristig gibt es für Braun jedoch
keine Alternative: „Automation und KI sind zentrale Voraussetzungen, um die industrielle
Fertigung in Deutschland aufrechtzuerhalten.“
Thomas Braun von der Maier GmbH & Co KG resümiert: „Automation und KI sind zentrale Voraussetzungen, um die industrielle Fertigung in Deutschland aufrechtzuerhalten.“Maier GmbH & Co KG
Auch die Gewatec
GmbH & Co. KG sieht durch KI Anwendungsfelder
entlang der gesamten Wertschöpfung. Der Softwareanbieter arbeitet an
KI-gestützten Auswertungen in Bereichen wie Produktionsplanung,
Betriebsdatenerfassung und Qualitätssicherung. Vertriebsleiter Peter Bauer
sieht den Mehrwert vor allem darin, bestehende Daten zu verknüpfen: „KI
eröffnet neue Möglichkeiten, um Kennzahlen schneller auszuwerten und bereits
Handlungsempfehlungen abzuleiten.“ Der entscheidende Lernprozess finde jedoch
im Betrieb statt. Systeme müssten an reale Abläufe angepasst werden und
entwickelten sich mit jeder Anwendung weiter.
Anzeige
Wichtiger Baustein
für Wettbewerbsfähigkeit
Künstliche
Intelligenz wird nicht nur die Fertigung verändern, sondern auch die
Rahmenbedingungen industrieller Wertschöpfung. Digitale Modelle von Werkstücken
und Produktionsprozessen gewinnen an Bedeutung und lassen sich entlang der
Lieferkette nutzen. Für die Drehteile-Industrie stellt sich damit weniger die
Frage nach dem Ob als nach dem Zeitpunkt und der sinnvollen Ausgestaltung. Gleichzeitig
zeigt die Praxis, dass KI kein kurzfristiges Effizienzwerkzeug ist. Der Aufwand
für Datenstrukturierung, Anpassung und Schulung bleibt hoch, insbesondere für kleine
und mittelständische Betriebe. Fehlende Standards und knappe Ressourcen bremsen
den Einsatz, erhöhen aber zugleich den Handlungsdruck.
Peter Bauer, Vertriebsleiter bei der Gewatec GmbH & Co KG, sieht durch KI Anwendungsfelder entlang der gesamten Wertschöpfung, betont aber, dass der entscheidende Lernprozess im Betrieb stattfinden muss.Gewatec GmbH & Co. KG
Werner Liebmann,
Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Drehteile-Industrie fasst zusammen: „Künstliche
Intelligenz ist kein Selbstzweck. Sie kann aber ein wichtiger Baustein sein, um
industrielle Fertigung in Deutschland wirtschaftlich zu betreiben.
Voraussetzung sind realistische Ziele, qualifizierte Mitarbeitende und
innovationsfreundliche Rahmenbedingungen.“
Wo setzen Drehteilehersteller KI heute konkret ein? Die Anwendungen reichen von technischer Kalkulation und Maschinenbelegungsplanung über virtuelle Qualitätskontrolle bis hin zu automatisierter Nachkalkulation und Rechnungsprüfung. Direkte Zerspanungsprozesse stehen seltener im Fokus als datenintensive Begleitprozesse mit wiederkehrenden Abläufen.
Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen KI-Einsatz? Klare Ziele, sauber beschriebene Prozesse und belastbare Daten – das ist die Grundbedingung, auf die Praktiker und Verband gleichermaßen hinweisen. Ohne strukturierte Daten als Basis kann KI ihren Nutzen nicht entfalten.
Gefährdet KI Arbeitsplätze in der Fertigung? Die meisten Hersteller sehen KI nicht als Ersatz für Personal, sondern als Verschiebung von Aufgaben. Routinetätigkeiten werden unterstützt oder automatisiert, während Mitarbeitende mehr Kapazität für komplexe Aufgaben gewinnen. Entscheidungen sollen nachvollziehbar bleiben und beim Menschen liegen.
Welche Hürden bremsen den KI-Einsatz im Mittelstand? Standardlösungen gibt es kaum – viele Anwendungen erfordern individuelle Anpassungen, die Zeit und Ressourcen binden. Hinzu kommen fehlende Datenstandards, knappe Personalkapazitäten und die Notwendigkeit, Datensicherheit und interne Regeln klar zu definieren.
Ersetzt KI das Fachwissen erfahrener Fachkräfte? Nein. Mit zunehmendem KI-Einsatz steigt zwar die technische Komplexität, doch Fachwissen, Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen behalten ihren Stellenwert. KI beschleunigt die Auswertung von Daten und macht Zusammenhänge sichtbar – sie ergänzt menschliche Kompetenz, ersetzt sie aber nicht.