Interview Guido Reimann | stellvertretender Geschäftsführer VDMA Software und Digitalisierung

KI in der Fertigung: Aus der Pilotphase in den Praxisalltag

Künstliche Intelligenz ist in der Metallbearbeitung zunehmend im Praxiseinsatz. Guido Reimann erklärt, wo KI bereits messbaren Nutzen stiftet, welche Hürden bleiben und welche Impulse die AMB 2026 setzt. Reimann ist Stellvertretender Geschäftsführer des VDMA Software und Digitalisierung sowie Koordinator des VDMA-Kompetenznetzwerks Künstliche Intelligenz.

VDMA-Experte Guido Reimann: 'Die Zeit der reinen Pilotprojekte ist vorbei. Zunehmend erleben wir KI im Praxiseinsatz.'
VDMA-Experte Guido Reimann: "Die Zeit der reinen Pilotprojekte ist vorbei. Zunehmend erleben wir KI im Praxiseinsatz."

KI war bereits auf der AMB 2024 ein viel diskutiertes Thema. Wo steht die Branche Metallzerspanung heute, im Jahr 2026? Ist KI in der industriellen Praxis angekommen oder dominieren noch Pilotprojekte?

Guido Reimann: Für den Maschinen- und Anlagenbau allgemein sowie die Hersteller von Präzisionswerkzeugen und Werkzeugmaschinen hat das Thema künstliche Intelligenz weiter an Bedeutung gewonnen. In einer VDMA-Umfrage vom Frühjahr 2026 hat sich gezeigt, dass über 80 Prozent der Maschinenbauunternehmen den KI-Technologien eine größere Bedeutung zuschreiben. Etwa ein Drittel der Unternehmen setzt KI-Lösungen sogar schon produktiv ein. Das heißt, die Zeit der reinen Pilotprojekte ist vorbei. Zunehmend erleben wir KI im Praxiseinsatz. Darüber hinaus gibt es weiterhin viele Pilotprojekte in den Unternehmen, um sich weiter mit der Technologie vertraut zu machen und neue Anwendungsmöglichkeiten auszuprobieren.

Der Schwerpunkt bei den aktuellen produktiven betrieblichen Anwendungsbereichen liegt in der Softwareentwicklung, Entwicklung und Konstruktion, Unternehmensführung, IT, im Marketing sowie in der Kommunikation. Aber auch im Vertrieb und bei produktbegleitenden Dienstleistungen für die Kundenbranchen des Maschinenbaus kommen KILösungen immer mehr zum Einsatz. Um weitere Potenziale nutzen zu können, müssen Unternehmen ihre eigene Digitalisierung im Blick haben und diese strategisch voranbringen.

Der Maschinen- und Anlagenbau verspricht sich durch KI messbare Effizienzgewinne. Welche konkreten Zahlen und Erfolgsbeispiele kennen Sie aus der Metallzerspanung — und wo liegen nach wie vor die größten Hürden bei der Umsetzung?

Reimann: KI-Lösungen und Ansätze versprechen nicht nur Effizienzgewinne, sondern sie erbringen Effizienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das zeigt sich etwa durch Kostenreduktionen bei der Erstellung von technischen Dokumentationen und Bedienungsanleitungen, Aufwands- und Kostenersparnis im Einkauf, um die Anzahl von Gleichteilen zu erhöhen und damit Einkaufskonditionen zu verbessern, oder durch die Verringerung von ungeplanten Stillständen, zum Beispiel an Werkzeugmaschinen – wobei durchaus Kostenreduktionen in Höhe von 10 bis 20 Prozent möglich sind. Darüber hinaus können KI-Lösungen an vielen Stellen Prozesse deutlich beschleunigen: in der Entwicklung, in der Produktion oder im Vertrieb und Kundendienst.

Eine breitflächige, nachhaltige Digitalisierung ist Grundvoraussetzung für den Einsatz von KI und anderen Digitaltechnologien. Hürden sind jedoch oft Changemanagement, geringe Umsetzungsgeschwindigkeit und fehlende Personalressourcen. Oft scheitern Vorhaben weniger an Technik als an Organisation, Entscheidungsstrukturen, mangelnder Einbindung, Wissen über Anwendungen und Grenzen sowie weiteren nichttechnischen Faktoren. Bei KI gilt zudem: nicht jedes Pilotprojekt gelingt. Entscheidend ist, rechtzeitig zu stoppen, um knappe Mittel auf wirkungsvollere Digitalisierungsaktivitäten zu lenken.

Welche KI-Technologien und Anwendungsfelder werden aus Ihrer Sicht auf der AMB 2026 das Bild prägen — und was macht den Besuch der AMB 2026 für Fachbesucherinnen und Fachbesucher aus der Metallzerspanung in Sachen KI unverzichtbar?

Reimann: In der klassischen Produktentwicklung und Konstruktion sowie in der Softwareentwicklung sehen wir mittlerweile viele KI-Lösungsangebote vonseiten der Softwareindustrie und gleichzeitig gibt es viele Unternehmen aus dem Maschinenbau, die KI-Technologien in ihre Produkte oder in produktbegleitende Dienstleistungen integriert haben, und diese für die Metallzerspanung zur Verfügung stellen. Auf der AMB findet das Fachpublikum nicht nur die Maschinenausrüster und Zulieferer für die Produktion, sondern auch Software- und Dienstleistungsunternehmen, die bei einer durchgängigen Umsetzung entlang der Wertschöpfungskette unterstützen.

Erfahren Sie mehr über den Maschinenbau-Gipfel: Klicken Sie hier!

Industrial AI, EU AI Act, humanoide Robotik, Quantencomputing — die Agenda wird voller. Welche Entwicklungen sollten Entscheiderinnen und Entscheider aus der Metallzerspanung in den nächsten fünf Jahren unbedingt im Blick behalten?

Reimann: Es stimmt, die Bandbreite an relevanten Technologien, Einsatzmöglichkeiten und regulatorischen Vorgaben im Digitalbereich wird immer größer. Das bedeutet für Ausrüster und Anwendungsindustrien ebenfalls, diesen Wandel mitzugehen. Denn digitale Technologien werden nicht nur für interne Prozesse in den Unternehmen relevanter, sondern auch mit Blick auf die Geschäftsmodelle der Unternehmen gewinnen sie deutlich an Einfluss. Wer sich also frühzeitig mit neuen digitalen Technologien, den Anwendungsmöglichkeiten im eigenen Unternehmen und in den Kundenbranchen auseinandersetzt, kann die Weichen für den zukünftigen Erfolg rechtzeitig stellen. Aus einer VDMA-Erhebung vom Frühjahr 2026 wissen wir auch, dass sich die Unternehmen des Maschinenbaus aktuell sehr intensiv mit den drei folgenden Technologien auseinandersetzen und den Einsatz ausbauen wollen: Künstliche Intelligenz, Digitale Zwillinge und Open Source Software.

Das Interview hat das AMB-Team mit Herrn Reimann geführt.

FAQ: KI in der Fertigung

1. Ist KI im Maschinenbau bereits in der Praxis angekommen?

Ja. Laut einer VDMA-Umfrage setzt bereits rund ein Drittel der Maschinenbauunternehmen KI-Lösungen produktiv ein. Die reine Pilotphase ist damit vielerorts vorbei.

2. Wo wird KI heute besonders häufig eingesetzt?

Schwerpunkte liegen in der Softwareentwicklung, Konstruktion, IT, Unternehmensführung, Kommunikation und im Marketing. Zunehmend kommt KI auch im Vertrieb, im Service und direkt in der Produktion zum Einsatz.

3. Welche Effizienzgewinne sind durch KI möglich?

KI kann Prozesse beschleunigen, Kosten senken und ungeplante Maschinenstillstände reduzieren. Je nach Anwendung sind Kosteneinsparungen von etwa 10 bis 20 % möglich.

4. Woran scheitern KI-Projekte in Unternehmen häufig?

Meist nicht an der Technik, sondern an fehlenden Ressourcen, langsamen Entscheidungen, unklaren Zuständigkeiten und mangelndem Changemanagement. Entscheidend ist zudem eine solide digitale Datenbasis.

5. Welche Technologien sollten Unternehmen künftig im Blick behalten?

Neben Künstlicher Intelligenz gewinnen vor allem Digitale Zwillinge und Open-Source-Software an Bedeutung. Auch regulatorische Vorgaben wie der EU AI Act werden für Unternehmen zunehmend relevant.