Formel 1 Start, Bolide

Ganz so rasant wie in den vergangenen Jahren wird der Wirtschaftsmotor wohl nicht laufen. - Bild: Ralf Herschbach/adobestock

| von Richard Pergler
Aktualisiert am: 05. Dez. 2019

Nach wie vor ist die Auftragslage recht gut, immer noch gibt es am Arbeitsmarkt keine Fachkräfte. Während in so manchem Unternehmen – etwa im Bereich der Lohnfertiger, aber ebenso bei vielen Werkzeug- und Formenbauern – die Entwicklung nahezu ungebremst weitergeht, sind anderswo bereits ruhigere Zeiten angebrochen.

Bei den Brot- und Butterteilen der Lohnfertiger ist der Auftragsvorrat, so das Ergebnis unserer Befragung unter rund 200 zerspanenden Betrieben, bei den meisten nach wie vor im beruhigenden Rahmen. Es sind eher die Nischenbereiche, die im Moment etwas ruhiger laufen. Speziell in der Großwerkzeugfertigung, aber auch bei größeren Fräs- und Drehteilen spüren aktuell so manche Betriebe eine gemessen am Verlauf der vergangenen Jahre signifikante Zurückhaltung auf Seiten ihrer Auftraggeber. Aber nicht nur dort werden Projekte derzeit erst einmal auf die lange Bank geschoben.

Damit Ihr Erfolg nicht ausgebremst wird: Sorgen Sie dafür, dass Ihr Unternehmen in Forschung und Entwicklung sowie in die Mitarbeiter investiert und für die Zukunft nachhaltig gut aufgestellt ist.

Auch längst fällige Produktanläufe werden zurückgestellt. Aufträge, die bei den Betrieben fest eingeplant sind, kommen verzögert oder wenn, dann oft in kleinerem Umfang als geplant. Es scheint, dass die Verantwortlichen in den OEM verunsichert sind und deshalb Entscheidungen und Aufträge derzeit lieber etwas vertagen. Eine Verunsicherung, die sich als schleichende Lähmung durch die Vorstandsetagen zieht.

Dabei spielen viele Faktoren mit. Zum einen ein anscheinend außer Kontrolle geratener US-Präsident, der auch für seine Partner nicht mehr berechenbar ist. Die Folgen eines Brexit, die in ihrem Gesamtvolumen immer noch nicht absehbar sind – aber sie werden, da sind sich die meisten Auguren einig, sich deutlich bemerkbar machen. Die nächsten Ideen populistischer Politiker in Italien mit ihren sehr direkten Auswirkungen auf den Euro. Russland und sein gespanntes Verhältnis zum Westen mit einer Spirale aus Provokationen und Sanktionen. Die Entwicklung der Märkte in China und in wichtigen Schwellenländern und etliche weitere Unwägbarkeiten - die Weltpolitik hält genug relevante oder zumindest vermeintlich akute Risiken bereit.

Andererseits ist da ja auch noch der Diesel- respektive Abgasskandal, der Deutschlands wichtigste Industriebranche lähmt. Experten führen sogar die aktuelle Delle im Bruttoinlandsprodukt (BIP), das erstmals seit inzwischen dreieinhalb Jahren schwächelt, auf einen Sondereffekt zurück, der auf Produktionsprobleme der Automobilisten im Zuge eines neuen Abgastests zurückzuführen sind. Deutschland droht dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge keine Rezession: "Die Konjunktur kühlt insgesamt zwar etwas ab, eine Rezession steht aber nicht bevor", sagte Konjunkturchef Claus Michelsen. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Ökonomen von einer Rezession. Die Wachstumsrate für das gesamte Jahr 2018 berechnet das Institut bei zwischen 1,4 und 1,6 Prozent.

Auf einen Blick

Wo Risiken lauern, sind Chancen nicht weit

Die sieben fetten Jahre, die wir nach der Krise erleben durften, sind, so scheint es, fürs Erste vorbei. Trotzdem – Krisenstimmung ist derzeit nicht angesagt. Denn die Entwicklung zeichnet sich langfristig ab, und die meisten Unternehmen der Branche waren so klug, sich darauf einzustellen. Allerdings: Der technologische Wandel in der Autoindustrie hat neuen Auftrieb bekommen. Neue Modelle mit alternativen Antriebskonzepten und verkehrspolitisches Umdenken – Stichwort (Diesel-)Fahrverbote in vielen Innenstädten – die konkreten Auswirkungen sind deutlicher spürbar als in den vergangenen Jahren. Auch wenn aus Strukturwandel, Weltpolitik und abkühlender Weltkonjunktur Risiken bleiben – nicht nur die neuen Entwicklungen in der automotiven Technologie bieten auch neue Chancen, sich entsprechend zu positionieren. Ein Totalabsturz wie vor einem Jahrzehnt ist wenig wahrscheinlich. Wer seine Hausaufgaben richtig gemacht hat, kann wohl auch in den kommenden Jahren gut verdienen.

Es wird immer noch ein Wachstum sein

"Unter dem Strich wird eine ordentliche Wachstumsrate stehen, auch wenn wir zu Beginn des Jahres 2018 noch von einer höheren ausgegangen waren", sagte Michelsen. "Die ausgefallene Produktion und der Verkauf der Autos dürften teilweise nachgeholt werden. Diese Nachholeffekte werden den – auch aufgrund der Lieferprobleme zuletzt rückläufigen – Exporten und dem privaten Konsum zusätzliche Impulse geben."

Alles also offenbar gar nicht so schlimm wie gedacht – trotzdem sorgen sich manche Auguren aufgrund dieser Entwicklung. Denn die unsicheren Zeiten im Bereich Automotive sind noch nicht vorbei. Nach wie vor streiten sich die Fachleute der Automotive-Branche darüber, wie der Antrieb der Zukunft aussehen wird. Und diese Unwägbarkeit lässt viele Entscheider zögern. Das Ifo-Institut, dessen Index die Stimmung in deutschen Chefetagen misst, meldet bereits seit mehreren Monaten sinkende Laune-Indikatoren. Und drei Rückgänge hintereinander – die sind inzwischen erreicht – signalisieren nach Erfahrungen der Ifo-Experten in der Regel eine Wende ins Negative. "Die deutsche Konjunktur kühlt ab", zieht Ifo-Präsident Clemens Fuest Bilanz. Die gute Nachricht: Die Werte sinken deutlich langsamer, als von den Wissenschaftlern zunächst vermutet.

Meine Meinung

Bei Sonnenschein für Stürme vorsorgen

Auch wenn sich die Konjunktur abkühlt – für das kommende Jahr sind die Zeichen weiter deutlich positiv. Prima, also alles in Butter. Allerdings sagt uns der gesunde Menschenverstand auch, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Deshalb ist es wichtig, sein Unternehmen jetzt so aufzustellen, dass es auch in stürmischeren Zeiten bestehen kann. Reservieren Sie also genügend Kapazität für Forschung und Entwicklung, investieren Sie in Ihren Maschinenpark, stärken Sie nachhaltig Ihre Wettbewerbsfähigkeit. Damit Ihr Unternehmen nicht nur eine glänzende Gegenwart hat, sondern auch noch eine exzellente Zukunft. Richard Pergler

Sehr stabil gibt sich der Arbeitsmarkt: Deutschland weist nach Schweden EU-weit die zweithöchste Erwerbstätigenquote aus. Laut Statistischem Bundesamt gehen vier von fünf der 20- bis 64-Jährigen einer Arbeit nach – 2007 waren es noch 73 Prozent. Im EU-Durchschnitt ist die Quote seit 2007 übrigens nur um zwei Punkte auf 72 Prozent gewachsen. Vor allem die Erwerbsbeteiligung von Frauen hat in den vergangenen Jahren zugenommen: In Deutschland erhöhte sie sich von 67 auf 75 Prozent.

Die Kehrseite der guten Arbeitsmarktlage ist indes, dass so gut wie keine qualifizierten Arbeitskräfte am Markt verfügbar sind. Es lässt sich zwar in den Unternehmen so manche Lücke mit Maßnahmen wie einer Erhöhung des Automatisierungsgrades schließen, aber eben beileibe nicht jede. Und speziell hochqualifizierte Kräfte für anspruchsvolle Aufgaben stehen nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. So bleibt der Fachkräftemangel für viele Betriebe das Wachstumshemmnis Nummer Eins.

Auch wenn sich die Aussichten gemessen an den bislang sonnigen Konjunkturklimazeiten etwas eintrüben sollten – einen Absturz wie 2008/2009 sieht derzeit kein seriöser Wirtschaftswissenschaftler. Im Gegenteil. Auch wenn die Wachstumsraten im Wirtschaftswachstum (ja, es bleibt wohl ein Wachstum!) nicht mehr so hoch sind wie in den vergangenen Jahren: Die meisten Ökonomen rechnen mit einer Fortsetzung des Aufschwungs. Gestützt wird die Konjunktur hierzulande unter anderem vom weiter robusten Arbeitsmarkt mit starkem Lohnwachstum, erklärte vor kurzem die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Deutlich stärker belastet ist wohl die Exportwirtschaft – Sorgen bereiten vor allem die von den USA angeheizten Handelskonflikte.

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird sich den Projektionen zufolge verlangsamen, aufgrund des sehr deutlichen Zuwachses in der Beschäftigung und fiskalischer Impulse aber solide bleiben. Für 2018 senkte die OECD ihre Prognose auf 1,6 (zuvor: 1,9) Prozent, für 2019 auf 1,6 (1,8) Prozent. Im Jahr 2020 dürfte sich das Wachstum weiter auf 1,4 Prozent abschwächen.

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Durchaus mit einer Portion Optimismus sehen die Unternehmen im deutschen Großanlagenbau in die Zukunft. "Die meisten Betriebe erwarten für 2019 einen Anstieg ihrer Auftragseingänge und Umsätze und wollen im Ausland weiter Personal aufbauen", berichtete Thomas Waldmann, Geschäftsführer der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB). Allerdings vermuten die Unternehmen der Branche auch, dass der Marktdruck in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Schuld daran trägt ihrer Meinung nach vor allem die wachsende Konkurrenz aus Asien. So wurde China erstmals als wichtigster Wettbewerber überhaupt im Großanlagenbau identifiziert – noch vor den Unternehmen aus Westeuropa und den USA. "Für den Großanlagenbau", stellt Waldmann fest, "bedeutet das eine Zäsur, auf die die Branche umfassend reagieren muss." nh

Auf einen Blick

Carl Martin Welcker, VDMA-Präsident - Bild: fertigung

Maschinenbauer wollen weiter investieren

Trotz vieler Unwägbarkeiten an den Märkten und in der globalen Politik haben die Maschinenbauer in Deutschland ihre Belegschaften deutlich vergrößert. Für 2018 verkündet VDMA-Präsident Carl Martin Welcker ein Produktionswachstum von 5 Prozent auf den Rekordwert von 228 Mrd. Euro. Zugleich erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten (in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern) im Inland bis September um 34 000 auf 1,067 Mio. – ein Zuwachs von 3,4 Prozent. "Das zeigt, dass die Maschinenbauer keine Angst vor der Zukunft haben und weiter investieren wollen", erklärt Welcker. Die Zahl der Erwerbstätigen im Maschinenbau liegt bei mehr als 1,3 Mio. Menschen, damit ist die Branche weiterhin der größte industrielle Arbeitgeber im Land. Sorgen bereiten allerdings Engpässe sowohl in den Lieferketten als auch bei Fachkräften. Laut aktuellen Umfragen leiden 27 Prozent der Maschinenbauer in Deutschland unter einem Mangel an Arbeitskräften, in 28 Prozent der Unternehmen wird die Produktion aufgrund von Materialknappheit behindert. "Diese Engpässe könnten das Wachstum begrenzen", sagt Welcker. Für das kommende Jahr rechnen die VDMA-Volkswirte nur noch mit einem Produktionswachstum von real 2 Prozent im Maschinenbau. Erwartet wird, dass sich das Tempo der Weltwirtschaft verlangsamen wird. Dies wird auch im Maschinenbau, der eine Exportquote von beinahe 80 Prozent aufweist, zu spüren sein. Positiv ist, dass die Aufträge in den Büchern derzeit im Durchschnitt noch eine Reichweite von 8,6 Monaten haben.