Gitarrenbauer Marc Locher vereint traditionelle Gitarrenbaukunst mit moderner Fertigung. Für eine einzigartige Telecaster setzt er auf CNC-Technik, 3D-gedruckte Titanbauteile und CVD-Diamantwerkzeuge – umgesetzt mit Unterstützung der Paul Horn GmbH.
Redaktion FERTIGUNGRedaktionFERTIGUNG
Marc Locher verbindet moderne Technik mit Handwerkskunst.Horn / Sauermann)
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Rock 'n' Roll, Blues und Heavy Metal. Kein anderes
Instrument weckt in der breiten Masse so viele Emotionen wie eine E-Gitarre.
Das Instrument spielt eine zentrale Rolle in den meisten Musikgenres und prägt
seit den 1930er Jahren Generationen von Musikern. Neben der Massenware gibt es
für den Gitarrenbau kleine Handwerksbetriebe, die den Bau einer E-Gitarre bis
ins kleinste Detail perfektionieren. Einen davon führt Marc Locher. Mit seinem
Unternehmen EBG-Instruments geht er neue Wege, hält aber auch an alten
Traditionen fest. Für ein aktuelles Projekt, eine Telecaster, kommen
3D-Druckteile aus Titan sowie CVD-Diamantfräser zum Einsatz. Hierzu bekam
Locher die Unterstützung der Paul Horn GmbH.
Was den Klang einer E-Gitarre wirklich ausmacht
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Böse Zungen behaupten, eine E-Gitarre kann jeder mit
einer Säge, einem Schraubenzieher und einem Lötkolben bauen. In der Theorie
stimmt das, aber hören möchte dies sicher keiner. Denn im Gegensatz zu einer
Akustikgitarre haben die meisten klassischen E-Gitarren keinen hohlen
Resonanzkörper, um den Ton der Saiten zu verstärken. Teilweise gibt es auch
E-Gitarren, die einen hohlen Körper (Body) besitzen.
Der Ton wird jedoch bei
einer klassischen E-Gitarre in der Regel durch die Bauform, die Holzauswahl, die
Hardware, die Pickups sowie die Verarbeitungsqualität beeinflusst. Pickups sind
magnetische Spulen, die die Schwingung der einzelnen Saiten in elektrische
Signale umwandeln. Diese Signale durchlaufen beim Spielen die Effektgeräte und
werden dann im Gitarrenverstärker verstärkt und als Ton über den Lautsprecher
ausgegeben. Die Spieltechnik, die Verstärker und die Effektgeräte erzeugen dann
den gewünschten und bekannten E-Gitarren-Sound.
Gitarrenbau zwischen Handwerk und moderner Fertigung
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Locher zeigt mit seinen Instrumenten eindrucksvoll, wie
man die traditionelle Handwerkskunst des Gitarrenbaus mit neuen Ideen und
Technologien verbindet. Hierzu kombiniert er beispielsweise CNC-gefräste
Aluminium-Bodys mit edlen Hölzern und Carbon-Gitarrenhälsen. Er baut rund sechs
E-Gitarren oder E-Bässe pro Jahr. Alle Instrumente entstehen nach Wünschen und
Anforderungen der Kunden.
Im Alltag arbeitet Locher als Berufsschullehrer für
den Bereich CNC-Technik. In seiner Freizeit steht er in seinem Keller und
arbeitet an seinen Instrumenten. Sein Gitarrenbau-Reich hat er im heimischen
Keller geschaffen mit allem, was das Technik-Herz begehrt. In zwei Räumen ist
die Gitarrenwerkstatt inklusive CNC-Fräsmaschine, zahlreichen
Holzbearbeitungsmaschinen, Lackierkabine sowie einen Arbeitsplatz für die
Endmontage untergebracht. Des Weiteren beherbergt sein Keller mit dem
Tonholzlager auch eine kleine Schatzkammer. Hier lagern schöne und seltene
Tonhölzer wie beispielsweise zertifiziertes Ebenholz, Riegelahorn und Mahagonihölzer.
Neben der Massenware gibt es für den Gitarrenbau kleine Handwerksbetriebe, die den Bau einer E-Gitarre bis ins kleinste Detail perfektionieren. Einen davon führt Marc Locher. Mit seinem Unternehmen EBG-Instruments geht er neue Wege, hält aber auch an alten Traditionen fest. Für ein aktuelles Projekt, eine Telecaster, kommen 3D-Druckteile aus Titan sowie CVD-Diamantfräser zum Einsatz. Hierzu bekam Locher die Unterstützung von Horn.
Vom Treppenholz zum Unikat
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„Ich bin immer auf der Suche nach alten Holztreppen aus
den 50er und 60er Jahren. In dieser Zeit baute man Treppen oft aus massivem
Mahagoni“, erzählt Locher. Aus den alten Treppenstufen fertigt Locher die Bodys
sowie Gitarrenhälse. „Das Holz ist für den Bau einer Gitarre sehr gut geeignet,
da es durch das Alter und die trockenen Gegebenheiten in den Häusern auch
relativ spannungsfrei ist“, erklärt Locher. Auch für sein aktuelles Projekt,
eine Telecaster, nutzt er dieses wertvolle Holz.
Die Telecaster-Form ist eine
der beliebtesten E-Gitarren-Formen überhaupt. Entwickelt wurde diese von dem
weltweit bekannten Gitarrenbauer Leo Fender. Die Telecaster von Locher ist
jedoch keine einfache Kopie der Gitarre von Fender. Mit besonderen Werkstoffen
und Bauteilen sowie einem „cleanen Look“ mit vielen versteckten Verschraubungen
auf der Gitarrenvorderseite ist sie ein Unikat, in dem viel Zeit, Arbeit und
Handwerkskunst sowie besondere Fertigungstechnologien stecken.
Wenn Titan den Ton beeinflusst
„Zum Bau außergewöhnlicher Instrumente gehört auch die
Verwendung besonderer Werkstoffe“, so Locher. Deshalb entschied er sich für den
Einsatz von Titanbauteilen. Dazu zählt auch der Steg, mitunter Brücke genannt.
Das Bauteil ist auf den Body der Gitarre montiert und hält die Saiten an ihrem
unteren Ende fest. Zudem ist die Brücke ein sehr wichtiges Bauteil an der
Gitarre, da sie großen Einfluss auf das Attack (Geschwindigkeit der
Tonentfaltung) und das Sustain (Dauer des Tones) hat. Mit dem selbst konstruierten
3D-Modell ging Locher dann auf die 3D-Druck Spezialisten von Horn zu, um diese
Teile aus Titan drucken zu lassen. Aufgrund der Bauteilgeometrie und den dünnen
Wandungen kam die Fräsbearbeitung der Teile aus Zeit- und Kostengründen nicht
infrage.
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Fräsen von M3-Innengewinden in ein gedrucktes Titanbauteil.Horn / Sauermann
Locher hatte Glück: Horn hatte schon im Frühjahr 2018 mit
dem Projekt additive Fertigung losgelegt. Heute ist daraus ein eigener
Fertigungsbereich entstanden. Horn nutzt die additive Fertigung bei der eigenen
Werkzeugherstellung, insbesondere bei der Herstellung von Prototypen, Sonder-
und Trägerwerkzeugen sowie beim Optimieren von Kühlmittelaufsätzen. Die
erweiterten Möglichkeiten, welche sich durch die additive Fertigung ergeben,
stellt Horn Kunden und Partnern wie Locher zur Verfügung.
Die additive Fertigung
ist sinnvoll, wenn sich dadurch ein technologischer Vorteil ergibt. Ein bisher
konventionell gefertigtes Bauteil additiv zu fertigen, ergibt allerdings
wirtschaftlich in vielen Fällen keinen Vorteil. Das gilt beispielsweise für
Drehteile, die auf Langdrehautomaten schnell herzustellen sind. Die additive
Fertigung wäre auch im Hinblick auf eine spanende Nacharbeit zu teuer.
Komplexe Geometrien aus dem Pulverbett
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Bei Projekten wie Lochers E-Gitarren kommt bei Horn das
Selective-Laser-Melting-Verfahren zum Einsatz, auch Pulverbettverfahren
genannt. Bei diesem Verfahren wird das Metallpulver in Schichten auf eine
absenkbare Plattform aufgetragen und danach im relevanten Bereich durch den
Laser belichtet und aufgeschmolzen. Dies wird so lange wiederholt, bis die
Bauteilhöhe erreicht ist.
Horn setzt auf die Werkstoffe Aluminium (AlSi10Mg),
Edelstahl (1.4404), Werkzeugstahl (1.2709) und Titan. Weitere Werkstoffe
befinden sich in der Erprobung. Die Bauraumgröße beträgt im Durchmesser 300 mm
und in der Höhe 400 mm. Da Horn alle Fertigungsschritte im Haus hat, können die
Spezialisten des Fertigungsbereiches direkt auf die Kundenanforderungen eingehen.
Die Herstellung der Teile erfolgt je nach Kundenwunsch in verschiedenen
Ausführungsformen.
Nach dem 3D-Druck sind die Bauteile noch fest mit der Trägerplatte verbunden. Zum Trennen kommt eine Drahterodiermaschine zum Einsatz.Horn / Sauermann)
Horn unterstützt dabei den Kunden auch bei der Konstruktion
und der Auswahl geeigneter pulverbasierter Parameter. Die Herstellung erfolgt
nach Kundenanforderung als Rohteile oder bis hin zum fertig bearbeiteten
Bauteil. Weitere Vorteile sind bei Horns Inhouse-Produktion der vorhandene Maschinenpark
und die entsprechenden Messmittel. Dies erspart Zeit und hat direkten Einfluss
auf alle Fertigungsprozesse.
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Das Trennen der gedruckten Gitarrenbauteile von der
Trägerplatte geschieht durch das Drahterodieren. Aufgrund der hohen Spannungen
der dünnwandigen Bauteile verlangen diese jedoch vor dem Erodieren eine
Wärmebehandlung, da sie sich nach dem Trennen sonst verziehen würden. Die
Wärmebehandlung geschieht bei einer Temperatur von 650 Grad Celsius und einer
Zeit von rund zwei Stunden. Für das optische Finish der Bauteile entschied sich
Locher für das Glasperlenstrahlen. Neben der Brücke druckte Horn für Locher auch
noch weitere Bauteile für die Telecaster.
Präzisionsbearbeitung mit Diamantwerkzeugen
Den Gitarrenbody fräst Locher aus dem Vollen. Das Rohteil
stammt aus einer Mahagoni-Treppenstufe. Diese trennt Locher längs auf und
verleimt die beiden Teile spiegelbildlich. „Neben der höheren Stabilität ist
das spiegelbildliche Verleimen bei manchen Hölzern auch ein optischer Faktor im
Gitarrenbau“, sagt Locher. Beim Verleimen kommt spezieller Instrumentenleim zum
Einsatz, der nahezu glashart aushärtet. Dies ist sehr wichtig, da „weiche“
Leimverbindungen den Ton schlucken und somit den späteren Klang des Instrumentes
beeinflussen. Beim Fräsen des Bodys setzt Locher auf eine dreiachsige
CNC-Fräsmaschine mit Hochgeschwindigkeitsspindel und einen vierschneidigen
diamantbestückten Fräser von Horn.
Die Schneidenlänge des Werkzeugs beträgt rund 45 mm. Dies
ist genug, um die meisten Fräsoperationen des Bodys zu übernehmen. Durch die
hohe Schneidenschärfe des Fräsers spart Locher bei den späteren Schleifarbeiten
Zeit. „Die gefrästen Oberflächen haben mich extrem beeindruckt. Die Flanken
sind wie feinstgeschliffen und an den Kanten entsteht kein Grat. Das spart Zeit
beim späteren Schleifen der Oberflächen“, erklärt Locher. Auch das Fräsen von
Taschen ins Volle übernimmt das Werkzeug problemlos durch das Eintauchen in
eine Rampe. So fräst Locher in den Body zahlreiche sechseckige Taschen sowie
das E-Fach in den Body, um das Gewicht zu reduzieren. Die Taschen und alle
gefrästen Kabelkanäle und Funktionstaschen überleimt Locher später mit einer 5
mm starken Decke aus Mahagoni.
Bei Projekten wie Lochers E-Gitarren kommt bei Horn das Selective-Laser-Melting-Verfahren zum Einsatz, auch Pulverbettverfahren genannt.Horn / Sauermann)
Wenn aus Technik ein Instrument wird
Der Gitarrenbau auf diesem hohen Niveau vereint
zahlreiche Berufe. Neben den mechanischen Tätigkeiten in der CNC-Technik
benötigt man die Fähigkeiten eines Schreiners, Kunsthandwerkers und Lackierers.
Nach der Fertigung der einzelnen Gitarrenkomponenten sowie den feinen
Schleifarbeiten geht es an das Lackieren der Teile. Für den Body der Gitarre
hat sich Locher für ein Perlmuttweiß-Metallic entschieden. Der Gitarrenhals aus
Riegelahorn und Ebenholz bekommt nur eine dunkelbraune Beize und Klarlack,
damit die schöne Holzmaserung sichtbar bleibt. „Mit der Grundierung, dem
Farblack sowie dem Klarlack kommen wir auf neun hauchdünne Lackschichten“, so
Locher. Jede einzelne Schicht wird nach dem Trocknen geschliffen und für die
nächste Schicht vorbereitet.
Beim Lackieren entsteht immer eine sogenannte
Orangenhaut. Diese zeigt sich durch ein leicht welliges Oberflächenbild. Die
letzten Schichten Klarlack bekommen deshalb eine besondere Behandlung. Sie
werden nach dem Trocknen mit immer feineren Körnungen geschliffen und
anschließend mit unterschiedlichen Compounds auf Hochglanz poliert. „Nach
diesen zeitaufwändigen Arbeitsschritten spiegelt der Klarlack wie eine
Glasschicht“, sagt Locher. Die Endmontage und das Einziehen und Stimmen der
Saiten ist immer ein besonderer Moment für Locher. „Mit dem ersten Ton des
fertigen Instruments beginnt auch schon der Abschied. Das fällt mir oft schwer,
da ich zwei bis vier Monate daran gebaut habe“, erzählt Locher. So liefert er
seine Gitarren europaweit oft auch persönlich an die neuen Besitzer aus.
Die Zusammenarbeit mit Horn bewertet Locher positiv: „Von
der ersten Idee, die Bauteile aus Titan zu drucken, über die technische
konstruktive und zielorientierte Beratung sowie die Umsetzung verlief die
Zusammenarbeit sehr professionell und reibungslos. Ich freue mich schon auf die
nächsten Projekte. Vielen Dank dafür.“
FAQ: Gitarrenbau zwischen Handwerk und Hightech
Warum ist der Bau einer hochwertigen E-Gitarre so anspruchsvoll? - Der Klang einer E-Gitarre entsteht aus dem Zusammenspiel von Bauform, Materialauswahl, Hardware, Pickups und Verarbeitungsqualität. Schon kleine Abweichungen bei Holz, Leim oder Bearbeitung können das Klangverhalten deutlich beeinflussen.
Welche Rolle spielt traditionelle Handwerkskunst bei EBG-Instruments? - Marc Locher verbindet klassische Gitarrenbaukunst mit moderner Fertigung. Jedes Instrument entsteht individuell nach Kundenwunsch und wird in vielen manuellen Arbeitsschritten gefertigt – vom Holzauswahlprozess bis zur finalen Lackpolitur.
Warum setzt Locher auf altes Mahagoniholz aus Treppenstufen? - Das jahrzehntealte Holz ist besonders trocken und spannungsfrei. Diese Eigenschaften machen es ideal für den Gitarrenbau, da sie Stabilität, Langlebigkeit und ein ausgewogenes Klangverhalten fördern.
Weshalb kommen 3D-gedruckte Titanbauteile zum Einsatz? - Titan bietet hohe Festigkeit bei geringem Gewicht und beeinflusst Attack und Sustain positiv. Die additive Fertigung ermöglicht komplexe Geometrien, die konventionell kaum oder nur unwirtschaftlich herstellbar wären.
Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit der Paul Horn GmbH? - Horn unterstützte Locher mit Know-how in der additiven Fertigung und Präzisionsbearbeitung. Von der Konstruktion über das SLM-Verfahren bis zur Nachbearbeitung entstanden so maßgeschneiderte Titanbauteile für ein außergewöhnliches Instrument.