AMB 2026

Wolfram im Kreislauf halten – warum jedes Gramm zählt

Hartmetallrecycling, Rezyklatverpackungen und der Product Carbon Footprint stehen 2026 ganz oben auf der Agenda der Präzisionswerkzeug-Industrie. Im Interview erklärt VDMA-Geschäftsführer Markus Heseding, warum Kreislaufwirtschaft längst ein strategischer Wirtschaftsfaktor ist – und welche Rolle die AMB 2026 dabei spielt.

Markus Heseding, Geschäftsführer des VDMA Präzisionswerkzeuge: 'Nachhaltigkeit ist inzwischen ein strategischer wirtschaftlicher Faktor.'
Markus Heseding, Geschäftsführer des VDMA Präzisionswerkzeuge: "Nachhaltigkeit ist inzwischen ein strategischer wirtschaftlicher Faktor."

Summary:  Die Präzisionswerkzeug-Industrie setzt angesichts wachsender Abhängigkeiten bei der Wolframversorgung verstärkt auf europäisches Hartmetallrecycling und geschlossene Materialkreisläufe. Die AMB 2026 in Stuttgart bietet dafür die zentrale Plattform: Am VDMA-Stand werden konkrete Lösungen zu Recycling, Rezyklatverpackungen und Digitalisierung praxisnah präsentiert.

Messe Stuttgart: Herr Heseding, woran wird sich der Nachhaltigkeitsdiskurs 2026 aus Ihrer Sicht festmachen und was sind für den VDMA die wichtigsten Themen im Bereich Recycling?

Nah dran an der Technik – Werkzeuginnovationen und Fachgespräche auf der AMB.
Nah dran an der Technik – Werkzeuginnovationen und Fachgespräche auf der AMB.

Markus Heseding: Nachhaltigkeit ist inzwischen ein strategischer wirtschaftlicher Faktor. 2026 wird es darum gehen, ökologische Verantwortung, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zusammenzubringen. Für die Präzisionswerkzeug-Industrie stehen dabei drei Themen klar im Mittelpunkt: das Recycling und die Rückführung von Werkzeugverpackungen, die Hartmetallversorgung der metallbearbeitenden Industrien und der Product Carbon Footprint als Grundlage transparenter und vergleichbarer CO2-Daten.

Im folgenden Interview wollen wir uns auf die ersten beiden Punkte konzentrieren. Sie betonen seit Längerem, dass jedes Gramm Hartmetall, das in Europa bleibt, ein Gewinn ist. Was braucht es konkret, um Wolfram im europäischen Kreislauf zu halten – und wo kann die Industrie ansetzen?

Heseding: Der Wettbewerb um Wolfram nimmt weltweit zu – insbesondere, weil auch andere Industrien wie die Verteidigungsindustrie ihren Bedarf deutlich ausweiten. Gleichzeitig verfügt Europa nur über sehr wenige Projekte zur Primärförderung von Wolfram, und die starke Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen ist für uns riskant. Das führt heute spürbar zu erheblichen Kostensteigerungen, fehlender Preisstabilität, großer Versorgungsunsicherheit und keinerlei Planbarkeit. Das ist besonders kritisch, weil Hartmetallwerkzeuge in der metallbearbeitenden Industrie unverzichtbare Schlüsselkomponenten sind – in nahezu allen Bearbeitungsprozessen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Recycling weiter an Bedeutung. Das europäische Hartmetallrecycling ist seit Jahrzehnten eine ökologische und wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Europa braucht deshalb resiliente Versorgungskonzepte, die Kreislaufwirtschaft, technologische Innovation und faire Industriepartnerschaften miteinander verbinden.

Genau deshalb ist es so entscheidend, Wolfram im europäischen Kreislauf zu halten. Hartmetallschrott ist ein strategischer Wertstoff – jedes Gramm, das in Europa bleibt, stärkt unsere industrielle Souveränität. Nötig sind stärkere Rücknahmesysteme, höhere Sammelquoten und einheitliche Qualitätsstandards im Recycling. Auch unsere Kundinnen und Kunden können dazu wesentlich beitragen, indem sie ihren Hartmetallschrott an europäische Partner verkauft. Unser Motto: „Wer sich zum europäischen Kreislauf bekennt, bleibt werkzeugtechnisch resilient!“

Neben der Rückgewinnung von Wolfram rückt zunehmend auch die Frage in den Fokus, wie Werkzeugverpackungen aus Rezyklat erfolgreich in den Markt eingeführt werden können. Welche Schritte sind notwendig, um den Einsatz von Rezyklaten in der metallbearbeitenden Industrie wirksam voranzubringen? Welche Schwerpunkte setzt Ihr Arbeitskreis zu Recycling-Verpackungen?

Heseding: Bei der Nutzung von Rezyklaten ist die technische Machbarkeit selten das Problem. Die Herausforderung liegt darin, dass Werkzeugverpackungen am Markt einen geringen Wert haben und sich das Recycling wirtschaftlich als Business Case oft nur schwer darstellen lässt. Weitere Hürden sind die Skalierbarkeit, Verfügbarkeit und einheitliche Qualitätsstandards. Besonders wichtig ist, genügend sortenreines Material für eine verlässliche Produktion zu sammeln.

Im VDMA-Arbeitskreis „Recycling von Werkzeugverpackungen“ arbeiten wir mit Partnerinnen und Partnern entlang der Wertschöpfungskette an praxisfähigen Lösungen. Mit einem Feldversuch wurde erstmals eine funktionierende Rückführung und das Recycling gebrauchter Verpackungen zu Post-Consumer-Rezyklat umgesetzt, das erneut getestet und verarbeitet wird. So entsteht eine valide Datenbasis für einen geschlossenen Kreislauf.

Heute gibt es bereits Vorreiter-Unternehmen, die Werkzeugverpackungen vollständig aus Rezyklat anbieten – einige Hersteller haben die Umstellung bereits vollzogen. Diese Lösungen werden auf der AMB 2026 anschaulich präsentiert.

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Wie können diese drei Themen – also Hartmetall-Recycling und Rezyklatverpackungen und CFP – auf der AMB sichtbar werden? Welche VDMA-Initiativen oder Praxisprojekte stehen 2026 im Fokus?

Heseding: Viele Unternehmen präsentieren neueste Entwicklungen auf der AMB, das macht die Fachmesse spannend. Daran knüpfen wir auch beim VDMA Technologieforum, am Stand B50 im L-Bank-Forum (Halle 1), an. Wir zeigen, wie sich Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung in der Präzisionswerkzeug-Industrie ganz konkret umsetzen lassen. Digitalisierung unterstützt diese Themen durch transparente Materialflüsse, digitale Nachweise und standardisierte Prozesse entlang der Wertschöpfungskette. Zahlreiche Mitgliedsunternehmen und Forschungspartner des VDMA stellen dazu ihre Lösungen vor. Ergänzend zeigen wir – top-aktuell – die Ergebnisse unseres gerade abgeschlossenen Forschungsvorhabens zur Effizienzsteigerung im Hartmetall-Recycling.

Inwiefern kann die AMB den Austausch und die Entwicklung von Lösungen für die Herausforderungen beschleunigen? Welche Rolle spielt der branchenübergreifende Dialog auf der AMB und der persönliche Austausch?

Heseding: Ein Vorteil ist: Die AMB vereint die gesamte Prozesskette der spanenden Metallbearbeitung. Der Großteil der Besucherinnen und Besucher wird aus dem industriellen Kernland Deutschland kommen. Genauso wichtig werden die internationalen Besucherinnen und Besucher sein, die traditionell stark aus der Schweiz, Österreich und Italien kommen, aber auch aus den Niederlanden, Frankreich, Schweden, Tschechien oder der Türkei. Die AMB schafft es, technologische Innovation, internationale Reichweite und die vollständige Prozesskette der industriellen Fertigung zusammenzuführen.

Gerade in Zeiten, in denen die Branche gleichzeitig unter wirtschaftlichem, geopolitischem und industriepolitischem Druck steht, ist dieser Austausch unverzichtbar. Wir hoffen alle, dass die AMB wichtige wirtschaftliche Impulse setzen wird. Sie ist ein Ort, an dem Unternehmen Investitionen in Zukunftstechnologien prüfen, neue Anwendungen erleben und sich gezielt für die nächsten Entwicklungsschritte positionieren können.

Über die AMB

Seit 1982 präsentiert die AMB die Highlights der internationalen Metallbearbeitungsindustrie. „Where metal comes alive“: Auch 2026 ist sie fester Bestandteil in den Terminkalendern der Branche, in diesem Jahr vom 15. bis 19. September. Sie ist Marktplatz und Treffpunkt der spanabhebenden Metallbearbeitung, auf dem in sämtlichen Facetten neueste Produkte, Technologien, Innovationen, Dienstleistungen und Konzepte präsentiert werden. Unterstützt wird die AMB von den ideellen Trägerverbänden VDMA Präzisionswerkzeuge, VDMA Software und Digitalisierung sowie VDW Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken e.V. Weitere Informationen unter www.amb-messe.de/