Berufe und Perspektiven in der Fertigung

Arbeitsmarkt im Umbruch – was sind die Folgen?

In der metallverarbeitenden Industrie werden demografischer Wandel, Wirtschaftslage, ein starres Bildungssystem und die Erwartungen der heranwachsenden Generationen zu großen Veränderungen führen. Einige davon sind schon jetzt spürbar. Wir berichten in einer neuen Serie darüber.

In den Medien ist nahezu täglich die Rede von Werksschließungen, das Interesse an MINT-Fächern und Jobs in der Fertigung sinkt seit Jahren, veraltete Bildungsstrukturen erschweren es zusätzlich, qualifizierte Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Gleichzeitig gewinnen die Berufsbilder durch neue Technologien aber auch an Attraktivität, parallele Strukturen neben dem staatlichen Bildungssystem etablieren sich und die Karrierechancen in der Industrie stehen nach wie vor gut.

Zu den Themenkreisen Berufe, Karrieren- und Bildungspolitik wird es in den nächsten Ausgaben der Fertigung innerhalb der neuen Serie Faszination Fertigung – Menschen. Berufe. Perspektiven jeweils eigene Beiträge geben.

Lücke von 800.000 Fachkräften

Was den Arbeitsmarkt prägen wird, zeichnet sich immer deutlicher ab: „Durch die demografische Entwicklung haben wir in der Metall- und Elektro-Industrie in den nächsten zehn Jahren einen Ersatzbedarf von rund 800.000 Fachkräften“, sagt Sven-Uwe Räß, Abteilungsleiter Bildung, Gesamtmetall, „um den auszugleichen, müsste verstärkt ausgebildet werden, doch das ist für viele unserer Unternehmen in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation schwierig.“ 

Stefan Grötzschel betreut im VDMA seit 13 Jahren das Thema Nachwuchswerbung und Schulpolitik.
Stefan Grötzschel betreut im VDMA seit 13 Jahren das Thema Nachwuchswerbung und Schulpolitik.

Stefan Grötzschel ist als Referent Bildung ebenfalls ein Experte in Sachen Bildung. Er betreut im VDMA seit 13 Jahren das Thema Nachwuchswerbung und Schulpolitik und sieht dies ähnlich. Er ergänzt, dass etwa zehn Prozent der angebotenen Ausbildungsplätze schon heute nicht besetzt werden können – da geeignete Kandidaten fehlen. Unternehmen, die nicht selbst ausbilden können, laufen laut dem Bildungsreferenten ungebremst auf ein großes Problem zu.

Daher werben die Verbände VDMA, VDW und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall verstärkt darum, auszubilden und haben dazu auch ein wirkungsvolles Paket an Dienstleistungen und Instrumenten für ihre Mitgliedsunternehmen entwickelt  – dieses reicht von Handlungsleitfäden für Unternehmen, über die online-Plattform Talentmaschine, bis hin zu verschiedenen Kampagnen und Workshops für Unternehmen sowie Nachwuchskräfte. Denn auch wenn die Ausbildung erst einmal Kosten verursacht „mittel- und langfristig lohnt es sich immer“, so die beiden Experten.

Doch wie lassen sich geeignete Kandidaten gewinnen? „10-20 % der kleinen Unternehmen schaffen es über Jahre nicht, ihre Stellen zu besetzen. Sie geben irgendwann auf“, berichtet Grötzschel. Ähnlich sieht es in den Ingenieur-Studiengängen aus „Die Leute strömen leider nicht in die technischen Studiengänge. In den letzten 10 bis 15 Jahren ist die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften um etwa 20 % gesunken“, berichtet Grötzschel.

Ungehobener Schatz

Andre Wilms kann sich gut vorstellen, wie sich eine große Zahl an Nachwuchskräften gewinnen ließe, um die drohende Lücke zu schließen: „Jährlich verlassen rund 800.000 Jugendliche die Schule. Etwa ein Drittel weiß nicht, wie es weitergehen soll. Rund 60.000 haben keinen Schulabschluss. 250.000 landen im sogenannten Übergangssektor – oft ohne nachhaltige Perspektive. Am Ende stehen 2,9 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss da. Hier liegt ein enormes Potenzial, das bislang zu wenig genutzt wird .“ Wilms ist Geschäftsführer der Nachwuchsstiftung Maschinenbau – einem weiteren wichtigen Player im Bildungssektor.

Die Nachwuchsstiftung widmet sich der Nachwuchsförderung und -gewinnung im Maschinen- und Anlagenbau und hat dabei auch die jungen Menschen im Blick, die ohne Abschluss und Ausbildungsplatz die Schulen verlassen. Eine engmaschigere Betreuung schon während der Schulzeit sollte die Erreichbarkeit dieser Gruppe erhöhen. 

Den Wissenstransfer zwischen Industrie, Schulen und Universitäten unterstützt die Nachwuchsstiftung mit zahlreichen Projekten, wie etwa der digitalen Lernplattform MLS oder einer umfangreiche Knowledge Base mit digitalen Aus- und Weiterbildungsmedien.

Was ist los mit der Generation Z?

Die Berufsbilder in der Fertigung gewinnen durch neue Technologien an Attraktivität.

Von Generation zu Generation wird über den Nachwuchs geklagt, nichts neues also? „Geklagt wird oft über den Mangel an einem grundlegenden Verständnis für Mathematik und Technik - ein wiederkehrender Konflikt, der vielleicht normal ist“, meint Grötzschel. Fakt ist aber auch, dass Unternehmen häufiger nachschulen und sich intensiver kümmern müssen, weil sie einen anderen Ausschnitt von Jugendlichen bekommen als noch vor zehn Jahren - Stichwort Akademisierung und Migration. 

„Wir haben früher Leute mit besseren Zeugnissen bekommen. Jetzt bekommen wir Schulabgänger mit schlechteren Abschlüssen und schlechteren Noten“, sagt Grötzschel. Ausbilder werden zunehmend zu Pädagogen und Coaches. „Große Unternehmen beschäftigen bereits Sozialpädagogen“, so Räß. Auszubildende heute wollen mehr erklärt bekommen und eine Sinnhaftigkeit erleben. Der VDMA lädt Unternehmen zu Workshops ein, um so neue Ausbildungs-Methoden kennenzulernen. „Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Wir gestalten Workshops, sodass Fachpersonal aus Ausbildungsbereichen sich treffen und gemeinsam daran arbeiten kann: Wie müssen wir mit den Jugendlichen heute umgehen?“, sagt Grötzschel. 

Eine Möglichkeit bieten die sozialen Medien. Immer mehr Unternehmen betreiben dort erfolgreich Kanäle und erreichen so ihre Zielgruppen.

Neue Pädagogische und Konzepte  und bildungspolitische Ansätze

Die Berufsbilder selbst verändern sich außerdem. Unternehmen sollen eine größere Flexibilität gewinnen. „Wir strukturieren die Berufe etwas um. Wir haben heute relativ viele Berufe. Wir planen, diese Berufe in Zukunft teilweise zusammenzulegen, um das System flexibler zu machen“, erklärt Räß. So gibt es derzeit fünf unterschiedlichen Ausbildungswege innerhalb der Mechaniker-Berufe (Anlagen-, Industrie-, Konstruktions-, Werkzeug- und Zerspanungs- Mechaniker). Einiges spräche für eine Zusammenführung in einen Ausbildungsgang ‚Industriemechaniker‘.

Andre Wilms, Geschäftsführer der Nachwuchsstiftung Maschinenbau.
Andre Wilms, Geschäftsführer der Nachwuchsstiftung Maschinenbau.

Gefragt ist außerdem ein kontinuierlicher Wissenstransfer zwischen Industrie und Bildungsstätten. Diesem Ziel widmet sich die Nachwuchsstiftung. Sie bringt aktuelles Industriewissen schnell in Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe. Doch das kostet Geld und sollte eigentlich Aufgabe des staatlichen Bildungssystems sein. „Was im Maschinen- und Anlagenbau passiert, ist außergewöhnlich: Die Branche hat selbst Verantwortung für die berufliche Bildung übernommen – weil der Staat hier aus ihrer Sicht nicht ausreichend handelt“, so Wilms.

Attraktivität Berufsperspektive Fertigung

Auch muss einiges unternommen werden, um das Image der Fertigungs-Berufe zu verbessern. „Eigentlich hat die Branche viel zu bieten. Das gerät häufig in Vergessenheit“, sagt Grötzschel. Die Zahl der Abbrecher in der metallverarbeitenden Industrie ist verschwindend gering. Die Industrie produziert Top-Produkte, hat attraktive und vielseitige Berufe und fantastische Karriereperspektiven zu bieten. Das ins Bewusstsein zu rücken ist ein Anliegen von Grötzschel: „In der Gastronomie und oder bei Handwerksberufe wie Bäcker sind die Rahmenbedingungen schlechter und die Abbruchquoten hoch.“ Die Übernahmechancen stehen ebenfalls bestens: „Im Normalfall werden die allermeisten Azubis übernommen. Man hat ja drei Jahre in sie investiert“, so Grötzschel.

In der nächsten Ausgabe der Fertigung: der Mechaniker – Zerspaner, Anlagen- und Industriemechaniker arbeiten heute mit modernster Technologie, digitalen Systemen und KI. Der Beruf hat sich grundlegend gewandelt – und bietet glänzende Karrierechancen. Nutzen Sie das als Chance: Wer jetzt in eine erstklassige Ausbildung investiert, sichert sich die Fachkräfte von morgen.