VDI-Initiative Zukunft Deutschland 2050

Deutschland braucht Tempo, Strategie und Mut: Innovationsrat legt fünf Impulse vor

Kurz vor dem Start der Hannover Messe hat sich der Innovationsrat für Deutschland konstituiert. Das unabhängige Expertengremium der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ fordert eine langfristige Innovationsstrategie und legt fünf konkrete Impulse vor, um Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und Wohlstand in Deutschland zu sichern.

v.l.n.r.: Prof. Lutz Eckstein, Dr. Anne Lamp, Dr. Melanie Maas-Brunner, Prof. Dr. Veronika Grimm, Prof. Dr. Martin Wolf. Adrian Willig
v.l.n.r.: Prof. Lutz Eckstein, Dr. Anne Lamp, Dr. Melanie Maas-Brunner, Prof. Dr. Veronika Grimm, Prof. Dr. Martin Wolf. Adrian Willig

Innovationsrat für Deutschland gegründet: Fünf Impulse für mehr Wettbewerbsfähigkeit

Mit Blick auf die Hannover Messe 2026 haben sich in Hannover acht ausgewiesene Expertinnen und Experten zum Innovationsrat für Deutschland zusammengeschlossen. Das neue Gremium ist Teil der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ und will Orientierung für eine langfristige Strategie zur Stärkung des Innovations- und Industriestandorts Deutschland geben.

Bereits in seiner ersten Sitzung hat der ehrenamtlich tätige Innovationsrat ein klares Signal gesetzt: Deutschland müsse Innovation wieder als strategische Kernaufgabe verstehen. Dazu formulierte das Gremium „5 Impulse für den Innovationsstandort Deutschland“ und fordert eine konsequente Neuausrichtung der Innovationspolitik.

Innovation wird zur Standortfrage

Nach Einschätzung des Innovationsrats steht Deutschland an einem entscheidenden Wendepunkt. Es gehe um nichts Geringeres als die Frage, ob die Bundesrepublik auch künftig eine führende Innovations- und Industrienation bleibt oder im internationalen Wettbewerb an Boden verliert.

Aus Sicht der Expertinnen und Experten ist Innovation längst mehr als ein technologiepolitisches Thema. Sie entscheidet über wirtschaftliche Stärke, Wohlstand, Beschäftigung und gesellschaftliche Stabilität. Als größte Volkswirtschaft Europas trage Deutschland zudem eine besondere Verantwortung für die Zukunft des Kontinents.

Der Rat warnt deshalb vor den Folgen eines schleichenden Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit. Während andere Volkswirtschaften mit klaren Strategien, hoher Geschwindigkeit und massiven Investitionen vorangingen, mangele es in Deutschland häufig an Verbindlichkeit, Tempo und Umsetzungsstärke.

Warnung vor dem Verlust technologischer Souveränität

Besonders kritisch sieht der Innovationsrat die Gefahr, dass Schlüsseltechnologien zwar in Deutschland erforscht und entwickelt werden, die wirtschaftliche Skalierung aber andernorts stattfindet. Genau darin liege ein zentrales Risiko für die künftige industrielle Wertschöpfung.

Die Botschaft des Gremiums ist deutlich: Wer Innovation nicht aktiv gestaltet, riskiert technologische, wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeiten. Deutschland brauche deshalb einen politischen und wirtschaftlichen Rahmen, der nicht auf kurzfristige Reaktionen, sondern auf langfristige strategische Entwicklung setze.

Weg von Legislaturperioden, hin zu einer langfristigen Strategie

Im Zentrum der Forderungen steht eine faktenbasierte, langfristig angelegte Innovationsstrategie. Nach Ansicht des Innovationsrats darf Innovationspolitik nicht länger im Rhythmus von Legislaturperioden gedacht werden. Stattdessen brauche es klare Prioritäten bei Schlüsseltechnologien, Infrastruktur, Ressourcen und Fachkräften.

Getragen wird dieser Ansatz von der Initiative Zukunft Deutschland 2050, die vom VDI ins Leben gerufen wurde und inzwischen auch von der Gesellschaft für Informatik e.V. unterstützt wird. Ziel ist es, über politische Tageslogiken hinauszudenken und den Technologiestandort Deutschland systematisch zukunftsfähig zu machen.

Das sind die Mitglieder des Innovationsrats

Prof. Dr. Lutz Eckstein ist einer der führenden Experten im Bereich Mobilität und automatisiertes Fahren. Seine Arbeit fokussiert sich auf die Entwicklung und Implementierung zukunftsfähiger Mobilitätslösungen, innovativer Fahrzeugkonzepte sowie auf die Vernetzung von Fahrerassistenz- und Fahrwerkregelsystemen für das automatisierte Fahren.  Der Leiter des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) an der RWTH Aachen ist seit 2023 Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).

Prof. Dr. Veronika Grimm ist als Professorin an der Technischen Universität Nürnberg eine ausgewiesene Expertin für Wirtschafts- und Energiepolitik. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich seit Jahren mit der Wettbewerbsfähigkeit technologiebasierter Volkswirtschaften und den Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft. Sie ist seit 2020 Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“).

Prof. Dietmar Harhoff, PhD zählt zu den prägendsten Stimmen der Innovations- und Gründungsforschung in Deutschland und war langjähriger Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen insbesondere auf Innovation, Entrepreneurship, geistigem Eigentum sowie der Rolle von Technologie für wirtschaftliche Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit. Seit 2013 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und leitet dort die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung für Innovation und Entrepreneurship.

Prof. Dr. Jürgen Kühling ist als Professor für Öffentliches Recht, Immobilienrecht, Infrastrukturrecht und Informationsrecht an der Universität Regensburg ein ausgewiesener Experte für Regulierungs- und Wettbewerbsfragen , der bis 2024 als Vorsitzender der Monopolkommission die Bundesregierung beriet. Er befasst sich insbesondere mit der rechtlichen Ausgestaltung von digitalen Märkten und Infrastrukturen.

Dr. Anne Lamp ist Gründerin und Unternehmerin im Bereich Circular Economy. Mit traceless materials treibt sie die Entwicklung und Skalierung biobasierter Materialinnovationen voran und steht für die erfolgreiche Überführung nachhaltiger Technologien in marktfähige Anwendungen. 2025 war sie für den Deutschen Zukunftspreis nominiert, 2022 erhielt sie den Deutschen Gründerpreis.

Dr. Melanie Maas-Brunner verfügt über langjährige Erfahrung in der industriellen Forschung und Entwicklung. Als ehemaliges Vorstandsmitglied und Chief Technology Officer von BASF steht sie für die strategische Verknüpfung von technologischer Exzellenz und industrieller Umsetzung und treibt Innovationen von der Idee bis zur Skalierung voran. Ab Juni 2026 übernimmt sie das Amt der Präsidentin des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.

Adrian Willig macht sich als Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik und mit seiner langjährigen Tätigkeit in verschiedenen Wirtschafts- und Branchenverbänden für die Ingenieurinnen und Ingenieure in Deutschland stark. Er setzt sich für die Stärkung des Technologiestandorts, die Förderung von Ingenieurkompetenzen und bessere Rahmenbedingungen für neue Technologien ein.  Er ist seit 2023 Direktor und geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).

Prof. Dr. Martin Wolf gilt als profilierter Vertreter der deutschen Informatik und verbindet wissenschaftliche mit wirtschaftlicher Expertise. Er engagiert sich für die Weiterentwicklung des Industriestandorts Deutschland durch Digitalisierung und intelligente Produktionssysteme. Seit 2026 ist er Präsident der Gesellschaft für Informatik.

Die fünf Impulse des Innovationsrats

    1. Langfristige Innovationsstrategie statt kurzfristiger Politik

    Der Innovationsrat fordert eine Strategie mit langfristigem Horizont, klaren technologischen Prioritäten und einem politischen Selbstverständnis, das stärker auf Gestaltung als auf Verwaltung setzt. Innovation müsse als dauerhafte nationale Aufgabe verstanden werden.

    2. Innovationsfreundlichere Regulierung und mehr Freiräume

    Deutschland und Europa müssten regulatorisch attraktiver werden. Konkret fordert der Rat schnellere Genehmigungen, digitalisierte Verfahren, klare Zuständigkeiten und mehr Vertrauen in Unternehmen, Wissenschaft und Innovatoren. Reallabore, Experimentierklauseln und der Abbau von sogenanntem Goldplating sollen dazu beitragen, Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen.

    3. Mutige Investitionen und bessere Bedingungen für Skalierung

    Nach Einschätzung des Gremiums braucht Deutschland mehr strategische Investitionen in Schlüsseltechnologien. Wissenschaft, Wirtschaft, Start-ups und Scale-ups müssten so unterstützt werden, dass Innovationen nicht nur entwickelt, sondern auch im Land groß gemacht werden können. Gefragt seien neue Förderformate und stärkere Kooperationen.

    4. Bildung, Arbeitsmarkt und Fehlerkultur neu denken

    Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Bildung und Qualifizierung. Der Innovationsrat fordert eine grundlegende Reform von Bildungssystem und Arbeitsmarkt, um Begeisterung für Technologie, Unternehmertum und Zukunftsgestaltung neu zu entfachen. Von der frühkindlichen Bildung bis ins Erwerbsleben müssten Kompetenzen systematisch aufgebaut werden – einschließlich konsequentem Up- und Re-Skilling. Ebenso wichtig sei es, Talente unabhängig vom familiären Hintergrund zu fördern.

    5. Technologische Exzellenz als Basis neuer Stärke

    Deutschland müsse wieder exzellent werden – in Forschung ebenso wie in der wirtschaftlichen Umsetzung. Große Chancen sieht der Rat unter anderem in Biotechnologie, Medizintechnik, Mikroelektronik, Künstlicher Intelligenz sowie in cyber-physischen Systemen wie autonomen Fahrzeugen und humanoiden Robotern. Besonders betont wird die Verbindung von Ingenieurwissenschaften, Informatik und Datenkompetenz. Daraus könnten vertrauenswürdige KI-basierte Technologien entstehen, die künftig mit einem neuen Qualitätsversprechen „Trained in Germany“ verbunden werden.

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Gesellschaftlicher Gestaltungswille als Erfolgsfaktor

Der Innovationsrat macht deutlich, dass Innovationsfähigkeit nicht allein von Forschungsausgaben oder einzelnen Förderprogrammen abhängt. Entscheidend sei das Zusammenspiel aus gesellschaftlichem Gestaltungswillen, innovationsfreundlicher Regulierung, mutigem Unternehmertum, qualifizierten Fachkräften und technologischer Exzellenz.

Genau hier will das neue Gremium ansetzen: als unabhängige Stimme aus Expertise und Praxis, die Orientierung gibt und konkrete Impulse formuliert. Der Anspruch ist hoch: Deutschland soll seine industrielle Basis sichern, technologische Souveränität stärken und wieder stärker aus eigener Kraft Zukunftsmärkte prägen.

Appell zum Handeln

Die Gründungsmitglieder des Innovationsrats sehen die aktuelle Situation als Weckruf. Deutschland verfüge weiterhin über große Kompetenzen, industrielles Know-how und eine starke technologische Basis. Ohne eine klare Strategie, geeignete Rahmenbedingungen und konsequente Umsetzung drohe jedoch ein spürbarer Bedeutungsverlust.

Der zentrale Appell lautet daher: Jetzt ist der Zeitpunkt zu handeln – entschlossen, koordiniert und mit strategischem Anspruch. Denn wer zu lange zögert, läuft Gefahr, dass die Zukunft des Standorts Deutschland andernorts entschieden wird.

FAQ: Was der neue Innovationsrat für Deutschland erreichen will

1. Was ist der Innovationsrat für Deutschland? Der Innovationsrat für Deutschland ist ein neu gegründetes, unabhängiges Expertengremium im Rahmen der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“. Er soll Impulse für eine langfristige Strategie zur Stärkung des Innovations- und Industriestandorts Deutschland geben.

2. Warum wurde der Innovationsrat gerade jetzt gegründet? Die Gründung erfolgt vor dem Hintergrund wachsender internationaler Wettbewerbsdrucks. Aus Sicht des Rats braucht Deutschland jetzt eine klare und langfristige Innovationsstrategie, um im globalen Wettbewerb nicht zurückzufallen.

3. Welche Kernforderungen formuliert der Innovationsrat? Im Mittelpunkt stehen fünf Impulse: eine langfristige Innovationsstrategie, innovationsfreundlichere Regulierung, mehr strategische Investitionen, Reformen bei Bildung und Arbeitsmarkt sowie mehr technologische Exzellenz in Forschung und Umsetzung.

4. Welche Rolle spielen Start-ups und Scale-ups in den Empfehlungen? Eine wichtige. Der Rat fordert bessere Rahmenbedingungen, damit Zukunftstechnologien in Deutschland nicht nur entstehen, sondern auch hier skaliert und wirtschaftlich erfolgreich weiterentwickelt werden können.

5. Welche Technologien stehen besonders im Fokus? Besondere Chancen sieht der Innovationsrat unter anderem in Biotechnologie, Medizintechnik, Mikroelektronik, KI sowie in cyber-physischen Systemen wie autonomen Fahrzeugen und humanoiden Robotern.