Effiziente Automatisierung einer anspruchsvollen Fräsaufgabe
Mikrofräsen ersetzt bei Lamy zentrale Erodier- und Polierprozesse. Mit Röders entstand eine automatisierte Fertigungszelle für anspruchsvolle Formeinsätze. Sie reduziert den Aufwand von 16 auf 4 Arbeitsschritte und senkt die Kosten um 70 %.
Klaus VollrathKlausVollrathb2dcomm
Maßgefertigt: Rechts oben das Fräsbearbeitungszentrum RXP 601 DSH Z2 mit Doppelspindel, mittig der Roboter und links das Magazin mit Werkstücken und Werkzeugen.Klaus Vollrath
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Summary: Lamy hat gemeinsam mit Röders in Soltau einen automatisierten Prozess für Formeinsätze im Werkzeugbau entwickelt. Seit 2023 läuft die Fertigungszelle mit Roboterzuführung im 24/7-Betrieb. Die Lösung reduziert 16 Arbeitsschritte auf vier, senkt Kosten um 70 % und erreicht prozesssicher 5 µm Genauigkeit.
Spitzenprodukte müssen sich vom Marktumfeld durch markantes
Design abheben. Entsprechend anspruchsvoll sind auch die dazugehörigen
Fertigungsaufgaben. Der mittelständische Schreibgerätehersteller Lamy ist stolz
auf seine Qualität und repariert auch heute selbstverständlich noch 60 Jahre
alte Schreibgeräte. Die Herstellung der Formen für den Behälter seiner heutigen
Füllhalter mit dem markanten Lamy-Logo umfasste früher zahlreiche
Bearbeitungsschritte mit unterschiedlichen Technologien. In enger
Zusammenarbeit mit dem Fräsanlagenhersteller Röders in Soltau konnte ein
Prozess entwickelt werden, die dies in nur noch vier Arbeitsgängen
vollautomatisch im 24/7 Betrieb bewältigt und somit zur erheblichen Steigerung
der Wirtschaftlichkeit führt.
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„Der Markt für Schreibwerkzeuge ist riesig und extrem hart
umkämpft“, erläutert Jörg Weber, Leiter des Werkzeugbaus der C. Josef Lamy GmbH
in Heidelberg. Hier müsse man sich als mittelständischer Hersteller
hochwertiger Schreibgeräte gegenüber lowcost-Massenherstellern einerseits und
Luxusmarken andererseits behaupten. Dabei spiele neben der Qualität das Design
der Produkte eine entscheidende Rolle. Es müsse gut erkennbar und
unverwechselbar sein sowie auf Anhieb hohe Wertigkeit vermitteln. Entsprechend
hoch sind deshalb auch die Ansprüche an die Spritzgießwerkzeuge für die
Herstellung der Kunststoffteile der Schreibgeräte, beispielsweise der
Füllhalter.
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Markant und unverwechselbar: Das Lamy-Logo auf dem Behälter eines Füllfederhalters sowie die gefrästen, noch unbeschichteten Formeinsätze.Röders
Besonders herausfordernd ist hierbei der Bereich des „Lamy“-Logos
auf dem Behälter genannten oberen Teil des Griffstücks. Aber auch die perfekte
Passung der Formhälften zueinander und der schattierungsfreie Hochglanz der
Behälter stellten den Werkzeugbau vor hohe Herausforderungen. Bisher erforderte
die Herstellung dieser Werkzeuge zahlreiche Arbeitsschritte unter Einsatz
unterschiedlicher Technologien wie Fräsen, Senkerodieren, Polieren und Messen.
Das Senkerodieren sowie die manuellen Schleif- und Poliervorgänge waren zudem
nicht ausreichend sicher beherrschbar.
Herausforderung Lamy-Logo
Die Bearbeitung des Teilwerkzeugs mit dem Lamy-Logo erfolgte früher durch Funkenerodieren und erforderte insgesamt 16 Bearbeitungsschritte.C. Josef Lamy
„Die anforderungsgerechte Realisierung dieses Schriftzugs
auf dem Behälter verursachte früher im Werkzeugbau erheblichen Aufwand“,
ergänzt Viktor Schellenberg, Teamleiter im Werkzeugbau von Lamy. Das Logo hebt
sich in einem hochglänzenden Umfeld erhaben und scharfkantig aus einer samtig
mattierten Vertiefung des Grundmaterials heraus. Die erforderliche
Scharfkantigkeit konnte früher nur durch Senkerodieren erreicht werden.
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Dies
hatte jedoch den Nachteil, dass der Verschleiß der Elektroden keine ausreichende
Wiederholgenauigkeit ermöglichte. Zudem bedingte die Schädigung der Oberfläche
durch das Erodieren erheblichen Polieraufwand, was wiederum die
Scharfkantigkeit des Schriftzugs beeinträchtigte. Hinzu kamen tiefer reichende
Oberflächenschäden durch Einbrände, die erst nach dem Polieren sichtbar wurden.
Da der größte Teil der restlichen Bearbeitung des Rohlings durch Fräsen
erfolgt, mussten die Bauteile zwischen verschiedenen Anlagen mehrfach
umgespannt, neu eingemessen und ausgerichtet werden. Dadurch entstand
erheblicher Zusatzaufwand.
Die Gesamt-Prozessfolge für die Herstellung des
betreffenden Formeinsatzes umfasste früher – noch ohne Einbeziehung der
Messvorgänge – insgesamt 16 Teilschritte. Weiteres Handicap war, dass die
extern erbrachten Dienstleistungen beim Polierer Durchlaufzeiten von – heute
unglaublichen – insgesamt 6-8 Monaten bedingten. Manche Fehler wurden erst bei
der Bemusterung erkennbar, weshalb es vorkam, dass eine oder sogar zwei
Kavitäten eines vier-Kavitäten-Werkzeugs n.i.O. waren. Dies erzwang das
ständige Vorhalten eines zusätzlichen Lagerbestands an Ersatzkavitäten.
Im August 2021 baten wir deshalb den Fräsanlagenhersteller
Röders aus Soltau, mit uns gemeinsam eine zeitgemäße Lösung dieses Problems zu
erarbeiten“, erinnert sich J. Weber. Kerngedanke war hierbei, das Erodieren des
Logos durch den Einsatz von Mikrofräswerkzeugen zu ersetzen. Gleichzeitig
sollte auch die komplette Außenfläche in Hochglanzqualität erzeugt werden, um
auf die Politur weitgehend verzichten zu können. Ziel war hierbei, die sehr
unterschiedlichen Fräsarbeitsgänge – vom Ausräumen bis zur Hochglanzbearbeitung
– in nur einer Anlage und damit in einer einzigen Aufspannung ausführen zu
können.
Rechts neben der üblichen HSC-Spindel (hier mit 3D-Taster bei geöffneter Wechselklappe) befindet sich die luftgelagerte Spindel. Darunter die zweite Wechselgarnitur mit Antastkugel und Messlaser für die luftgelagerte Spindel.Klaus Vollrath
Hierfür war die von Röders entwickelte Ausführung ihrer bewährten
Präzisionsbearbeitungsmaschinen mit zwei voreinander in der Z-Achse montierten
Spindeln prädestiniert. Diese verfügt zusätzlich zur ebenso robusten wie
präzisen wälzgelagerten Standardspindel (HSK40, 42.000 Upm) über eine
Präzisionsspindel (HSK25, 60.000 Upm). Diese luftgelagerte und deshalb
besonders laufruhige sowie optimal gedämpfte Spindel gestattet zusätzliche
Arbeitsgänge in der gleichen Aufspannung. Damit wird es möglich, Mikrofräser
mit Durchmessern bis herab zu 0,1 mm einzusetzen. Die hohe Drehzahl ermöglicht
ausreichende Schnittgeschwindigkeiten sowie aufgrund der hervorragenden Laufruhe
auch optimale Oberflächengüten bis unter Ra 10 nm. Zur zusätzlichen Spindel
gehören auch eigene Wechsel-, Prüf- und Reinigungseinrichtungen für die
Werkzeuge in doppelter Ausfertigung.
Die Software nimmt dem Bediener das
gesamte Management ab. So erkennt sie anhand der Werkzeugdaten automatisch,
welche Spindel bestückt werden muss, während die nicht belegte Spindel durch
einen Blinddeckel gegen den Eintritt von Verschmutzungen verschlossen wird.
Zugleich berücksichtigt sie bei der Bearbeitung den hochgenau bekannten Abstand
beider Spindeln.
Der Roboter versorgt die Anlage mit bestückten Werkstückträgern, Standard-HSC-Werkzeugen oder Mikrofräsern.Klaus Vollrath
„Vorab wurde bei Röders natürlich ein „Proof of Concept“ mit
einer entsprechenden Anlage durchgeführt“, berichtet V. Schellenberg. Im
dortigen Technikum wurden umfangreiche Fräsversuche an bereits gehärteten
Rohlingen mit Fräsern von Moldino durchgeführt. Diese hätten sowohl bezüglich
Qualität und Genauigkeit als auch mit Blick auf Bearbeitungs- und
Werkzeugstandzeiten überzeugt. Heute erledigt der Lamy-Werkzeugbau die
Herstellung dieser Formeinsätze auf seiner neuen fünfachsigen RXP601 DSH Z2
statt wie früher in 16 in nur noch vier Fertigungsschritten. Die erforderlichen
CAM-Programme werden aus den CAD-Daten mithilfe der VISI-Software von Hexagon
erstellt.
Auf eine Weichbearbeitung wird komplett verzichtet. Die
bereits gehärteten Rohlinge werden zunächst in einem Durchgang 5-seitig
gefräst, vorgefinisht und i.O. vermessen. Nur die Glanzbereiche werden später
extern noch leicht mit Polierpaste „nachgewischt“. Das ist kostengünstiger als
ein abschließendes Hochglanzfräsen, da die Polierkosten deutlich unter den
entsprechenden Fräskosten liegen. Die entsprechende Kostenersparnis gegenüber
früher liegt heute bei 70 %. Zum Schluss werden noch die tiefliegenden Bereiche
des Logos mithilfe einer kurzen Erosionsbehandlung strukturiert. Nach einer
TiN-Beschichtung geht es dann zur Bemusterung.
Vollautomatisierung
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„Die Röders-Anlage erledigt in gleicher Aufspannung auch die
Vermessung der Formeinsätze“ sagt J. Weber. Zum Einsatz kommen dabei ein
3D-Taster und die Messoftware RMS Inspect zur hochgenauen Messung basierend auf
CAD-Flächendaten des Werkstücks. So kann noch auf der Maschine die
Bearbeitungsgenauigkeit ermittelt werden – diese liegt prozesssicher bei 5 µm
im gesamten Werkstück. Nachdem das Frässystem diese Leistungsfähigkeit unter
Beweis gestellt hatte, ergab eine Wirtschaftlichkeitsberechnung, dass seine Produktivität
bei einschichtigem Einsatz nicht voll ausgenutzt werden konnte. Eine
Automatisierung der Bearbeitung würde sich innerhalb eines Jahres amortisieren.
Deshalb wurde 2023 eine komplette Automationslösung mit Roboterzuführung sowie
Magazinen für palettierte Werkstücke, Werkzeuge und Greifer implementiert. Die
Zuordnung von CAM-Programmen, Werkzeugen, Werkstücken und Greifern erledigt der
ebenfalls von Röders entwickelte Jobmanager RMSMain. Schon bei der Auslegung
wurde auf die Vorbereitung für zukünftige Erweiterungen geachtet, indem der
Roboter in Vorbereitung für eine spätere Anbindung weiterer Maschinen bereits
auf einer Linearschiene montiert wurde.
Mit Anlagenleistung, Schulung und Service vollauf zufrieden
Erkennbar zufrieden: Jörg Weber, Leiter Werkzeugbau, und Teamleiter Viktor Schellenberg in „ihrer“ Fräsbearbeitungszelle.Klaus Vollrath
„Auf dieser Fertigungszelle läuft die Produktion seither an
365 Tagen im Jahr rund um die Uhr – abgesehen von Wartung und
Reinigungsarbeiten“, freut sich V. Schellenberg. Seither seien darauf bereits
über 1.400 Einsätze hergestellt worden. Die Ausschussquote liege nahe Null. Es
habe bisher keine nennenswerten Ausfälle gegeben. Ersatzteile kämen im
Bedarfsfall Just-in-Time ins Haus, und der bereits vorinformierte
Service-Mitarbeiter klingle bereits am Folgetag.
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Gewisse Bedenken habe es anfänglich wegen der Bedienung
gegeben, da die Steuerung von Röders entwickelt wurde. Diese hätten sich jedoch
schnell zerstreut, denn die beiden ersten Mitarbeiter, die von Röders geschult
wurden, waren von der einfachen, intuitiven Handhabung sehr überzeugt.
Mittlerweile hätten sie betriebsintern bereits drei bis vier weitere Kollegen
ausgebildet, so dass eine größere Zahl an Bedienern im rotierenden Einsatz zur
Verfügung stehe. Auch das Jobmanagementsystem könne im Prinzip von jedem
bedient werden, der mit Windows vertraut sei.
„Dank dieser Röders-Entwicklung
haben wir heute statt der früheren „Job-Stückelei“ einen schnellen,
kostensparenden und zuverlässigen Prozess“, bilanziert J. Weber und hegt schon
Gedanken für den weiteren Ausbau der Fertigungszelle.
Bearbeitet von: Sabine Königl
FAQ: Mikrofräsen im Werkzeugbau bei Lamy
• Was bewirkt Mikrofräsen im Werkzeugbau bei Lamy? – Mikrofräsen ersetzt zentrale Erodierprozesse und reduziert die Fertigung der Formeinsätze von 16 auf vier Schritte.
• Welche Genauigkeit erreicht Mikrofräsen bei den Formeinsätzen? – Die Bearbeitungsgenauigkeit liegt prozesssicher bei 5 µm im gesamten Werkstück.
• Warum setzt Lamy auf Mikrofräsen statt Erodieren? – Das Verfahren verbessert Wiederholgenauigkeit, Oberflächengüte und Prozesssicherheit bei der Herstellung des Lamy-Logos.
• Welche Anlage nutzt Lamy für das Mikrofräsen? – Zum Einsatz kommt eine fünfachsige Röders RXP601 DSH Z2 mit zwei Spindeln.
• Welche wirtschaftlichen Effekte bringt Mikrofräsen bei Lamy? – Die Kostenersparnis gegenüber dem früheren Prozess liegt bei 70 %, zudem läuft die automatisierte Fertigungszelle im 24/7-Betrieb.