Kombinierte Prozesskette für H13-Werkzeuge steigert Leistungsfähigkeit
Additive Prozessketten im Werkzeugbau eröffnen neue Spielräume für den bewährten Werkzeugstahl AISI H13. Durch die gezielte Kombination von PBF-LB/M, Fräsen und Festwalzen lassen sich Härte, Eigenspannungen und Randzonen gezielt an hochbelastete Anwendungen anpassen.
Redaktion FERTIGUNGRedaktionFERTIGUNG
Untersuchte Prozesskette und ProbekörpergeometrieInstitut für Werkstofftechnik (IfW)
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Der Werkzeugstahl AISI H13 zählt zu den bewährten
Werkstoffen im Modell- und Formenbau für Schmiede- und Druckgusswerkzeuge
bedingt durch die hohe Temperaturwechselbeständigkeit und die
Verschleißfestigkeit. In Verbindung mit additiven Fertigungsverfahren eröffnen
sich nun zusätzliche Potenziale, um die Leistungsfähigkeit dieser Werkzeuge
weiter zu steigern.
Insbesondere die pulverbettbasierte additive Fertigung von
Metallkomponenten mittels Laserstrahl (PBF-LB/M) ermöglicht durch ihren
schichtweisen Aufbau eine nie dagewesene Designfreiheit. Damit lassen sich
beispielsweise thermisch-optimierte, innenliegende Kühlkanäle direkt in
Bauteile realisieren, was zu einer effizienten, homogenen Wärmeabfuhr führt und
die Standzeit der Werkzeuge verlängern kann. Jedoch sind die additiven
Verfahren für ihre begrenzten Maßhaltigkeiten und erhöhten Oberflächenrauheiten
bekannt, wodurch spanende und umformende Endbearbeitungsprozesse unerlässlich
sind.
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Genau hier setzt die untersuchte kombinierte Prozesskette an:
Die additive Fertigung wird ganzheitlich mit anschließenden Fräs- und
Festwalzprozessen betrachtet, um die lokalen Oberflächen- und
Randzoneneigenschaften gezielt einzustellen. Dadurch lassen sich nicht nur
bauteilinhärente Eigenschaften wie hohe Oberflächenrauheiten und
Zugeigenspannungen aus dem additiven Fertigungsprozess beeinflussen, sondern
sogar gezielt verbessern. Damit ist die Vision verknüpft später in
hochbelasteten Bereichen von beispielsweise Druckgusswerkzeugen die
Bauteileigenschaften lokal an die im Betrieb auftretenden Lasten anzupassen und
infolgedessen die Lebensdauer der Werkzeuge zu steigern.
Im Projekt
„Kombinierte Fertigung des Werkzeugstahls AISI H13 mittels laserbasierter
additiver Fertigung und mechanischer Nachbearbeitung zur Steigerung von
Einsatz- und Lebensdauer“ gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft
(DFG) untersuchen das Institut für Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen
(IFW) der Leibniz Universität Hannover sowie das Institut für Werkstofftechnik
(IfW) der Universität Kassel die lokalen Oberflächen- und
Randzoneneigenschaften des additiv hergestellten H13-Stahls. Der Schwerpunkt
liegt auf dem Einfluss der Prozessstellgrößen auf die Bauteileigenschaften
sowohl beim PBF-LB/M allein als auch in Kombination mit den nachgelagerten
Fertigungsschritten Fräsen und Festwalzen. Die Bauteile werden metallografisch
und röntgenographisch (engl. X-ray diffraction, kurz XRD) analysiert, um aus
dem Verständnis der Prozesswechselwirkungen optimale Prozessstellgrößen
abzuleiten und die Werkstoffeigenschaften langfristig gezielt einzustellen.
Hierbei ist ein wesentlicher Untersuchungsschwerpunkt die Vermeidung von
mikrostrukturellen Kerben in der Übergangszone zwischen unterschiedlichen
Werkstoffeigenschaften. Erste Untersuchungen zeigen, dass durch eine optimierte
kombinierte Prozesskette sowohl die Mikrostruktur und Härte, als
auch der Eigenspannungszustand lokal definiert adaptiert werden kann.
Auswahl der Prozessstellgrößen der additiven Fertigung
beeinflussen Härte und Eigenspannungen
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Schematische Darstellung des PBF-LB/M Verfahrens mit Benennung der relevanten Parameter.Institut für Werkstofftechnik (IfW)
Im Rahmen der Untersuchungen wurden die
PBF-LB/M-Prozessstellgrößen Bauplattformtemperatur, Laserleistung und
Scangeschwindigkeit systematisch variiert. Besonders deutlich zeigte sich der
Einfluss der Bauplattformtemperatur: Wird diese oberhalb der Martensit-Starttemperatur
von etwa 350 °C eingestellt, verschieben sich die Eigenspannungen signifikant.
Die Auswirkungen der prozessbedingten, intrinsischen Wärmebehandlung durch den
schichtweisen Aufbau werden dabei verringert. Oberhalb von 350 °C führt das wiederholte
Aufschmelzen und Abkühlen einzelner Schmelzbahnen zu keiner
martensitischen Phasenumwandlung, sodass dieser Umwandlungsprozess während der
additiven Fertigung vorerst unterbunden werden und erst im finalen Abkühlen
auftritt. Dabei entstehen in Summe bei erhöhten Bauplattentemperaturen größere
Eigenspannungen durch die Umwandlung großer Volumina, als wenn bei niedrigeren
Bauplattformtemperaturen in jeder Schicht durch die Umwandlung kleiner Volumina
die Eigenspannungen langsam auf- und wieder abgebaut werden können.
Die mikrostrukturelle Entwicklung zeigt sich auch in der
finalen Härte der Bauteile. Eine Erhöhung der Bauplattformtemperatur von 200 °C
auf 600 °C führte folglich zu einem Anstieg der durchschnittlichen Härte von
rund 525 HV1 auf etwa 565 HV1 – ein klarer Vorteil für hochbelastete
Werkzeuganwendungen.
Aufnahme der Mikrostruktur der weichsten (oben) und härtesten (unten) Probe nach dem Fräsen bei 200-facher (links) und 2.000-facher (rechts) Vergrößerung.Institut für Werkstofftechnik (IfW)
Nach der additiven Fertigung wurden als ersten
Bearbeitungsschritt die Bauteile mit unterschiedlichen Parametern gefräst.
Dabei zeigte sich, dass die Fräsparameter nur einen geringen Einfluss auf die
oberflächennahe Härte haben. Lediglich ein erhöhter Zahnvorschub führte zu
einer leichten Härtesteigerung. Deutlich ausgeprägter war hingegen der Einfluss
auf die Eigenspannungen nach dem Fräsen: Die resultierenden Eigenspannungen
streuen stark, ohne dass ein klarer Trend abzuleiten ist. Das Fräsen nach der
additiven Fertigung ist jedoch unerlässlich zur Erreichung der gewünschten
Oberflächenrauheiten an den Funktionsflächen.
Das anschließende Festwalzen erwies sich als entscheidender
Schritt zur gezielten Randzonenmodifikation. Durch die Anpassung von Walzdruck
und Walzkugeldurchmesser konnten reproduzierbar hohe Druckeigenspannungen von
bis zu −1.200 MPa quer zur Festwalzrichtung (entspricht Aufbaurichtung φ = 90°
in Bild 1) und −600 MPa in Festwalzrichtung (Scanrichtung φ = 0°)
eingestellt werden. Druckeigenspannungen können der Rissbildung und
-ausbreitung im Einsatz von Werkzeugen entgegenwirken und so wesentlich zur
Erhöhung der Bauteillebensdauer beitragen. Zusätzlich konnte ein Anstieg der
oberflächennahen Härte um bis zu 60 HV1 erzielt werden.
Grundlage für funktionsoptimierte Werkzeuge
Die Untersuchungen tragen zu einem vertiefenden Verständnis
der Wechselwirkungen entlang der kombinierten Prozesskette für additiv
gefertigten H13-Werkzeugstahl bei. Zentrale Einflussgrößen auf Härte und
Eigenspannungen konnten identifiziert und gezielt genutzt werden. Damit steht
eine wirkungsvolle Prozesskette zur Verfügung, um Bauteileigenschaften lokal an
den späteren Einsatz anzupassen.
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In zukünftigen Arbeiten wird das Konzept der kombinierten
Fertigung von H13-Stahl weiter ausgebaut. Geplant ist die Kombination
signifikant unterschiedlicher Werkstoffzustände innerhalb eines Bauteils, um
lokal variierende mikrostrukturelle und mechanische Eigenschaften zu
realisieren. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Übergangszonen zwischen
den Bereichen signifikant unterschiedlicher Werkstoffzustände und deren
Einfluss auf die Temperaturwechselbeständigkeit – mit dem Ziel,
leistungsfähige, langlebige Werkzeuge ohne kritische mikrostrukturelle
Kerbwirkungen zu entwickeln.
Quelle: Institut für Werkstofftechnik (IfW), bearbeitet von: Sabine Königl
FAQ: Additive Prozessketten im Werkzeugbau mit H13
Welche Vorteile bietet die Kombination aus additiver
Fertigung und mechanischer Nachbearbeitung bei H13? – Die kombinierte
Prozesskette ermöglicht es, bauteilinhärente Eigenschaften aus dem
PBF-LB/M-Prozess gezielt zu beeinflussen und lokal angepasste Mikrostrukturen,
Härten und Eigenspannungszustände einzustellen.
Warum sind spanende und umformende Prozesse trotz additiver
Fertigung notwendig? – Additiv gefertigte Bauteile weisen prozessbedingt
erhöhte Oberflächenrauheiten und begrenzte Maßhaltigkeit auf. Fräsen stellt die
geforderten Oberflächenqualitäten sicher, während Festwalzen die Randzone
funktional optimiert.
Wie beeinflusst die martensitische Phasenumwandlung die
Eigenspannungen? – Bei Bauplattformtemperaturen oberhalb von etwa 350 °C wird
die martensitische Umwandlung während des schichtweisen Aufbaus zunächst
unterbunden und tritt erst beim finalen Abkühlen auf. Dadurch entstehen
insgesamt höhere Eigenspannungen durch die Umwandlung größerer Volumina.
Welche Eigenspannungen lassen sich durch Festwalzen
einstellen? – Durch geeignete Wahl von Walzdruck und Walzkugeldurchmesser
konnten Druckeigenspannungen von bis zu −1.200 MPa quer zur Festwalzrichtung
und −600 MPa in Festwalzrichtung erzielt werden.
Welche Perspektiven eröffnet die kombinierte Fertigung für
zukünftige Werkzeugkonzepte? – Geplant ist die gezielte Kombination
unterschiedlicher Werkstoffzustände innerhalb eines Bauteils, um lokal
variierende mikrostrukturelle und mechanische Eigenschaften sowie eine
verbesserte Temperaturwechselbeständigkeit zu realisieren.