Aerospace-Zerspanung unter Extrembedingungen: Bavius und Mapal haben ein strategisches Rear Spar als hochkomplexes Demonstrationsbauteil realisiert – mit 90 % Spananteil und nur zehn Stunden Bearbeitungszeit.
Redaktion FERTIGUNGRedaktionFERTIGUNG
Präsentieren stolz das fertige Musterbauteil vor der AeroCell 160 | 400 (von links): Jens Ilg (Business Development, Aerospace & Composites Mapal), Alexander Follenweider (Component Manager Aerospace & Composites Mapal), Stefan Diem (Anwendungstechniker Bavius) und Dominik Merz (Director Global Sales Bavius). Im Vordergrund die zur Aufspannung verwendete Vorrichtung.Mapal
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In einem
Gemeinschaftsprojekt haben Mapal und der Maschinenhersteller Bavius ein
Musterbauteil für die Flugzeugindustrie entwickelt und gefertigt. Das rund
dreimal ein Meter große Aluminiumbauteil ist an ein reales Rear Spar aus dem
Flugzeugbau angelehnt, wurde darüber hinaus aber mit einer Vielzahl weiterer
anspruchsvoller Applikationen gespickt. Neben der Komplexität beeindruckt die
kurze Bearbeitungszeit von zehn Stunden, basierend auf der Produktivität der Bavius AeroCell und den speziellen Werkzeugen für die Aluminiumbearbeitung von
Mapal.
Die Bavius Technologie GmbH in Baienfurt hat sich auf die
Hochgeschwindigkeits-Volumenzerspanung von Strukturbauteilen aus Aluminium
spezialisiert, wie sie typischerweise im Bereich der Luftfahrt für Flügel und
Rumpf benötigt werden. Bavius (früher Handtmann A-Punkt Automation) agiert seit
2017 als eigenständiges, familiengeführtes Unternehmen und konzentriert sich
auf zwei Produktlinien: Profil-Bearbeitungszentren (PBZ= und Horizontale
Bearbeitungszentren (HBZ) mit der Baureihe AeroCell. Mit aktuell rund 120
Mitarbeitern generiert Bavius mehr als 80 Prozent seines Umsatzes in der Luft-
und Raumfahrtfahrtindustrie. Als OEM oder Zulieferer produzieren deren Kunden
Bauteile für die kommerzielle und militärische Anwendungen. Auch Komponenten
für Satelliten oder Raketen wie die Ariane 6 werden auf den Maschinen
gefertigt.
Blick in den Arbeitsraum der Bavius AeroCell 160 | 400. Hier werden in der zweiten Aufspannung die Taschen gefräst und weitere Merkmale herausgearbeitet.Mapal
Die meisten
Maschinen von Bavius stehen in Europa, weitere starke Märkte sind Nordamerika
und Asien. In den USA unterhält der Maschinenhersteller eine eigene
Niederlassung, produziert wird für den weltweiten Markt aber ausschließlich in
Baienfurt in zwei klimatisierten Hallen auf einer Produktionsfläche von rund
10.000 Quadratmetern.
Eine besondere
Stärke der Fünf-Achs-Bearbeitungszentren von Bavius ist deren außergewöhnliche
Dynamik, die bei Hochgeschwindigkeitsbearbeitungen hohe Produktivität bietet.
Um noch die letzte Performance aus den Maschinen herauszukitzeln, stellt Bavius
seine Fräsköpfe selbst her. Flaggschiff der Produktlinie ist die Bavius AeroCell 160 I 400 mit einer Spindelleistung von 140
kW und maximal 30.000 Umdrehungen pro Minute. Dabei werden die 140 kW schon bei
18.000 Umdrehungen erreicht, die maximale Leistung steht also über einen großen
Drehzahlbereich hinweg zur Verfügung. „Wenn wir etwas tun, wollen wir es
exzellent machen, und mit unserer AeroCell 160 I 400 sind wir weltweit
technologisch führend“, versichert Dominik Merz, Director Global Sales bei Bavius.
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Über 90
% Späne
Das Rear Spar
wurde als Musterbauteil ausgewählt, weil es sehr gut auf die Maschine mit ihren
1,6 Metern Tischhöhe und vier Metern Breite passt. Dieser hintere Holm ist ein
typisches Strukturbauteil in den Flügeln. Zwischen Rear Spar und Front Spar
verlaufen Rippen, die rechtwinklig zu den Holmen angeordnet sind. Die
Strukturbauteile definieren die Geometrie der Tragfläche, die Außenhaut ist
darauf aufgenietet. Das fertige Bauteil aus Flugzeugaluminium 7075 misst genau
2.977 x 748 mm.
Typisch für
Flugzeugteile ist die flache Form mit 138 mm Höhe. Von gut einer Tonne
Ausgangsgewicht bleiben nach der Zerspanung gerade noch 70,61 kg übrig – auch
dieses Verhältnis ist im Aerospace-Bereich nicht unüblich.
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Für eine zügige Bearbeitung der Vorderseite sorgte der Mapal NeoMill-Alu-QBig mit 50 mm Durchmesser. Die leicht konvexe Form des Bauteils machte Fünf-Achs-Bearbeitung notwendig.Mapal
Schon allein
aus rechtlichen Gründen konnten Bavius und Mapal für die Bearbeitung kein
reales Bauteil eines Flugzeugherstellers verwenden. Das gab den
Verantwortlichen aber gleichzeitig die Freiheit, das Design entsprechend für
eine Vielzahl weiterer Applikationen zu nutzen. Damit ist das
Demonstrationsobjekt weit komplexer als jedes reale Rear Spar und enthält auch
Applikationen, die nicht unbedingt diesem Bauteil zuzuordnen sind, wohl aber an
anderen Bauteilen verlangt werden können. „Ein Kunde, der sich mit
Strukturbauteilen auskennt und unser Bauteil sieht, erkennt sich da wieder und
findet Merkmale, die auch in den eigenen Bauteilen enthalten sind“, begründet
Dominik Merz dieses Vorgehen.
Die
Bearbeitung fand in Baienfurt in zwei Aufspannungen statt. Setup 1 erfolgte in
Niederzugspannung, im Setup 2 sorgte Vakuumtechnik für sicheren Halt. Die
Vorderseite sieht auf den ersten Blick einfacher aus als sie tatsächlich ist.
Die Fläche ist nicht eben, sondern biegt sich leicht konvex über einen Radius
von 9,5 m. Damit kann man das Bauteil nicht einfach planfräsen, sondern muss
Fünf-Achs-Bearbeitung nutzen. Zum Schruppen und Schlichten setzte Mapal auf den
NeoMill-Alu-QBig mit 50 mm Durchmesser und den OptiMill-Alu-Wave
mit 25 mm Durchmesser. Das Oberflächenfinish führte ein PKD-Sonderfräser durch.
Startpunkt für das Projekt waren die maßgeschneiderte Programmierung und CAM-Simulation. Basis für eine leistungsfähige und belastbare Komplettlösung ist das perfekte Zusammenspiel aus Maschine, Werkzeug und Prozess. Damit wird sichergestellt, dass jedes Detail auf Performance und Zuverlässigkeit optimiert und die Bearbeitung auf maximale Produktivität ausgelegt ist.Mapal
Taschen in
allen Formen
Besonders
anspruchsvoll gestaltete sich die Bearbeitung der Rückseite, die in neun
verschiedene Sektionen mit jeweils besonderen Applikationen untergliedert ist.
Wie jedes Rear Spar weist das Musterbauteil viele Taschen auf, hier allerdings
in allen erdenklichen Formen ausgestaltet: rechteckig, dreieckig, rund, offen,
geschlossen, teilweise mit schrägem oder gewölbtem Boden. Die Stege sind sehr
dünn, Wandungen überwiegend schräg. Die Taschen haben eine Tiefe von bis zu 137
mm.
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Der Vollhartmetall-Hochvolumenfräser OptiMill-Alu-Wave von Mapal wurde zum Fräsen der Taschen eingesetzt. Er erzeugte ein Spänevolumen von knapp 12 Liter pro Minute in der Spitze. In den Ecken kommt er dabei so nahe an die reale Geometrie heran, dass anschließend ohne weiteren Zwischenschritt direkt geschlichtet werden kann.Mapal
Nach der
Vorbearbeitung durch den NeoMill-Alu-QBig kam zum
Ausräumen der Taschen ein OptiMill-Alu-Wave in verschiedenen Längen zum
Einsatz. Das Semi-Schlichten übernahm ein speziell für Luftfahrtanwendungen
modifizierter Eckfräser. Dank seiner besonderen Geometrie eignet sich das
Werkzeug insbesondere zur Restmaterialbearbeitung der Ecken sowie zum
anschließenden Schlichtfräsen der Böden und Wände. Der spezielle Kernanstieg
sichert dabei optimale Stabilität im Zerspanungsprozess. Um alle Bereiche
effizient zu bearbeiten, setzten die Mapal Spezialisten den modifizierten
Eckfräser in verschiedenen Durchmessern und Längen ein.
Wie auch in
der Programmierung bei Mapal auf Effizienz geachtet wurde, beschreibt
Komponentenmanager Alexander Follenweider: „Wir arbeiten mit einer
Zickzack-Strategie im Gleichlauf und Gegenlauf, um Wege zu sparen. Während der
Bearbeitung wird also die Strategie ständig gewechselt.“ Trotz hoher
Bearbeitungsgeschwindigkeiten dürfe das Aluminium nicht beschädigt werden, da
es bei Überhitzung seine Eigenschaften verändert.
Der
OptiMill-Alu-Wave wurde bei 29.000 Umdrehungen, einer Schnitttiefe von 48 mm
und einem Vorschub von 12 m/min in der Spitze gefahren. Der größere
NeoMill-Alu-QBig erreichte bei zehn mm Schnitttiefe einen Vorschub von über 25
m/min. Allein in den ersten 55 Minuten der Bearbeitung der zweiten Aufspannung
wurden 425 kg Aluminium zerspant, in der Spitze kam man auf ein Spänevolumen
von mehr als 14 l/min. „Das sind hervorragende Werte, die wir hier erreichen
konnten – und wir haben dabei auch sehr gute Oberflächen erzeugt“, würdigt
Stefan Diem, Anwendungstechniker bei Bavius, die Ergebnisse.
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Nichts ist
Standard
Die
verschiedenen Taschen sind nicht die einzigen Herausforderungen an dem Bauteil:
Die Bohrungen an vier Laschen sind nur mit einem Winkelkopf zugänglich. An
anderen Stellen sind Hinterschnitte erforderlich. Auch ein für Strukturbauteile
typischer, sogenannter T-Stiffener zur Aussteifung, ist am Musterteil vorhanden
und wird mit einem PKD-Sonderwerkzeug bearbeitet. Auch Bohr- und
Reiboperationen sind in bestimmten Bereichen verlangt. „An unserem Bauteil ist
nichts normal“, kommentiert Dominik Merz den Umstand, dass praktisch nirgendwo
ein rechter Winkel zu finden ist. Solche schrägen Konstruktionen seien aber
ganz typisch für den Aerospace-Bereich.
Mit rund 20 unterschiedlichen Werkzeugen von Mapal erfolgte die Bearbeitung des Rear Spar. Dafür wurden sowohl Sonderwerkzeuge als auch Standardwerkzeuge mit Hochleistungsschneidstoffen aus dem Aluminiumportfolio von Mapal eingesetzt.Mapal
Für
Kundenpräsentationen bei den beteiligten Partnern und als Eyecatcher auf Messen
wurden in Baienfurt fünf dieser Rear Spars hergestellt. Die Zerspanung eines
Teils dauert insgesamt ziemlich genau zehn Stunden, womit die Projektbeteiligten
hochzufrieden sind. „Auf anderen Maschinen läuft so ein Bauteil gerne 20 bis 30
Stunden“, schätzt Merz. Klassischerweise werden Strukturbauteile auf vertikalen
Gantry-Maschinen mit großen Werkzeugen bearbeitet, typisch sind Messerköpfe mit
Durchmessern von 125 mm. Vorschub und Drehzahl bleiben dabei niedrig. Ein
Nachteil dieses Verfahrens besteht darin, dass Späne liegen bleiben und Kratzer
verursachen können. Zudem kommt es zu einem Wärmeeintrag ins Bauteil. Die
Horizontalbearbeitung schließt das aus. In Verbindung mit leistungsfähigen
Werkzeugen, die hohe Schnittwerte erlauben, öffnet die dynamische AeroCell 160
I 400 mit ihrer extremen Beschleunigung ganz neue Möglichkeiten.
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Enge
Zusammenarbeit
Mapal und Bavius pflegen seit vielen Jahren eine sehr intensive Zusammenarbeit, von der
beide Seiten profitieren. Als Mapal den NeoMill-Alu-QBig und den
OptiMill-Alu-Wave entwickelte, konnten bereits Prototypen der neuen Werkzeuge
in Baienfurt getestet und weiter optimiert werden. Über ähnlich leistungsstarke
Maschinen verfügt der Werkzeughersteller in Aalen selber nicht. Andererseits
ist auch Bavius auf innovative Werkzeuge angewiesen, wie Stefan Diem erläutert:
„Für unsere Premiummaschine brauchen wir Top-Werkzeuge von einem Anbieter wie
Mapal mit seinen Hochvolumenfräsern, die unsere Maschine ans Limit bringen. Mit
Universalwerkzeugen funktioniert das nicht, da gewinnen wir keine
Erkenntnisse.“ Im Zusammenspiel hatten die Partner vor zwei Jahren
demonstriert, was die AeroCell 160 kann. Im Testbetrieb mit Überlast schaffte
der Vollhartmetallfräser OptiMill-Alu-Wave dabei ein Spanvolumen von bis zu 20
l/min beim Vollnutfräsen in normalem Aluminium. Der jetzt erreichte Spitzenwert
von 12 l/min bei einem Bauteil aus dem zugfesteren AL 7075 steht dem in nichts
nach.
„Ich schätze
die Zusammenarbeit mit Mapal sehr, weil man offen und fair miteinander redet,
und wir immer eine Lösung präsentiert bekommen“, unterstreicht Stefan Diem. Für
Jens Ilg, Business Development Aerospace & Composites bei Mapal, hat der
gemeinsame Erfolg auch einen persönlichen Aspekt: „Ich bekomme auch ein
optimales Gefühl für unsere eigenen Produkte, wenn ich sie unter den realen,
erforderlichen Bedingungen eingesetzt habe. Und kann sie dann mit den
entsprechenden Empfehlungen einem Kunden anbieten.“
Mapal Dr. Kress SE & Co. KG, bearbeitet von: Sabine Königl
FAQ zur Aerospace-Zerspanung
Welche Rolle spielt das Musterbauteil für die
Aerospace-Zerspanung? – Das Bauteil dient als Demonstrator für reale
Strukturbauteile wie ein Rear Spar und kombiniert zahlreiche typische sowie
zusätzliche Applikationen, um die Leistungsfähigkeit von Maschine, Werkzeug und
Prozess unter realitätsnahen Bedingungen abzubilden.
Warum wurde kein originales Serienbauteil verwendet? – Aus
rechtlichen Gründen konnte kein reales OEM-Bauteil genutzt werden. Dadurch
entstand zugleich die Freiheit, das Design um zusätzliche anspruchsvolle
Features zu erweitern.
Wie hoch war der Materialabtrag bei der
Aerospace-Zerspanung? – Von rund einer Tonne Ausgangsmaterial aus Aluminium
7075 blieben nach der Bearbeitung 70,61 kg übrig. Allein in 55 Minuten wurden
425 kg Aluminium zerspant.
Welche technologischen Besonderheiten kennzeichnen die
Aerospace-Zerspanung auf der AeroCell 160 I 400? – Hohe Spindelleistung über
einen breiten Drehzahlbereich, extreme Dynamik in der Fünf-Achs-Bearbeitung,
horizontales Maschinenkonzept sowie der Einsatz spezialisierter
Hochvolumenfräser mit sehr hohen Vorschüben und Schnitttiefen.
Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit von Bavius und Mapal für die Aerospace-Zerspanung? – Die enge Partnerschaft ermöglicht das Testen
und Optimieren neuer Werkzeugkonzepte unter realen Produktionsbedingungen und
stellt sicher, dass Maschinen- und Werkzeugperformance optimal aufeinander
abgestimmt sind.