Julia Reichert: "Gegen Betriebsblindheit hilft die Brille von außen"
Innovative und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke in der Zerspanung sind einer von drei Schwerpunkten bei Roemheld. Wie die Unternehmensgruppe angesichts der momentan schwierigen Rahmenbedingungen international wachsen will, erklärt Julia Reichert, geschäftsführende Gesellschafterin, im Interview.
F. Stephan AuchF. StephanAuch
Innovative und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke in der Zerspanung sind einer von drei Schwerpunkten bei Roemheld. Geschäftsführerin Julia Reichert in der Montage am Unternehmenssitz im hessischen Laubach.Roemheld
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Frau
Reichert, wie ist die aktuelle Lage bei Roemheld im Geschäftsbereich
Werkstückspanntechnik für die Zerspanung?
Julia Reichert: Die
deutschen Hersteller von Werkzeugmaschinen sehen sich seit einigen Jahren mit
einem deutlichen Auftragseinbruch konfrontiert. Diese Entwicklung wirkt sich
auch auf den Markt für Spannelemente aus, das Marktvolumen im Inland ist
geschrumpft. Das führt zu spürbaren Umsatzeinbußen im Inland.
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Trotzdem
sind wir zufrieden. Denn die Werkstückspanntechnik ist ein stabiler
Geschäftsbereich; überall wo Kunden zerspanen, wird automatisiert. Hier sind
wir sehr gut aufgestellt, spüren allerdings auch einen hohen Wettbewerbsdruck.
Wie ist
die Marktsituation außerhalb Deutschlands?
Reichert: Ähnlich
wie in Deutschland gehen auch die Bestellungen in vielen europäischen Märkten
weiter zurück. In den USA waren die Vorzeichen zunächst stabil, doch die aktuelle
Zollpolitik trübt den Ausblick.
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Global
erwarten wir bei der Spanntechnik deutliche Zuwächse – insbesondere in
Nordamerika und den asiatischen Märkten. In China und Indien konnten wir 2025
im Vergleich zu 2023 zweistellige Umsatzsteigerungen verzeichnen. China liegt
bei plus 26 Prozent, Indien bei plus 22 Prozent. Zwar ist unser Marktanteil in
diesen Ländern bislang noch gering, aber wir sehen hier sehr große
Wachstumschancen.
Welche Rolle spielt
Österreich für Sie als Markt und als Produktionsstandort?
Mit Stark Spannsysteme in Rankweil verfügen wir innerhalb der
Roemheld‑Gruppe über einen exzellenten Entwicklungs‑ und Produktionspartner.
Die hervorragende Kompetenz im Bereich Maschinenschraubstöcke und
Nullspunktspannsysteme ist unbestritten. Auch für den Vertrieb ist der Standort
in Vorarlberg wichtig, denn der österreichische Markt bietet für die Roemheld Gruppe relevantes Absatzpotenzial.
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Mit
welcher Strategie wollen Sie international wachsen?
Julia Reichert, geschäftsführende Gesellschafterin bei Roemheld im Interview.Roemheld
Reichert: Erfolg
haben wir dort, wo wir unsere Kunden gut bedienen. Damit uns das in Nordamerika
und Asien genauso gut gelingt wie bereits in Europa, ist es notwendig, dass wir
unseren Vertrieb, die Montage und die Produktion internationalisieren. Dazu ist
es wichtig, dass wir unsere Lieferketten, den Service und das Vertriebsnetz
entsprechend anpassen.
Wir
stellen uns vor, dass wir verschiedene globale Inseln haben, von denen wir
unsere Kunden weltweit betreuen: eine asiatische, eine westliche rund um die EU
und eine amerikanische für Nord- und Südamerika.
Einen
Schritt in diese Richtung haben wir zum Jahreswechsel umgesetzt. Seit 2026
haben wir aus unserem langjährigen Joint Venture in den USA eine
hundertprozentige Tochtergesellschaft der Roemheld Gruppe gemacht.
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Welche
weiteren strategischen Ziele haben Sie für die nächsten Jahre?
Reichert: Neben
der Internationalisierung wollen wir die Standorte in Deutschland und Europa
stärken. Das ist überlebensnotwendig, wenn wir nicht zwischen den USA auf der
einen Seite und China auf der anderen Seite zerrieben werden möchten. Wir
müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren und bewusst entscheiden, wo wir
Standorte aufgeben, verlagern oder neu intensivieren.
Wie
bewerten Sie die aktuelle Industriepolitik in Europa?
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Reichert: Momentan
habe ich Bauchweh. Wir können als Mittelständler nur in einem geeinten Europa existieren
– wovon wir derzeit weit entfernt sind. Es herrscht zu viel Bürokratie. Mit
dieser Vielzahl an Hürden können wir nicht wettbewerbsfähig werden.
Ein
Beispiel: Die Rüstungsindustrie in Europa ist gut aufgestellt. Andere Länder
reagieren allerdings schneller. So bestellen die USA beispielsweise bereits,
während wir noch in der Planung sind. Donald Trump hat eine Agenda, die er
tatkräftig umsetzt. Er generiert Impulse und legt eine Geschwindigkeit an den
Tag, die uns auch gut anstünde.
Zurück
zur Werkstückspannung: Welche technologischen Entwicklungen prägen derzeit die
Zerspanung?
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Reichert: Ich
sehe vor allem zwei Trends: Es gibt weiterhin Zerspaner, die durch schlanke und
schnelle Vorrichtungen in erster Linie das Rüsten und die Produktion
beschleunigen möchten. Und zweitens diejenigen, die vor allem an Daten für eine
mannlose Fertigung interessiert sind. Sie benötigen entsprechende
Spannlösungen, die eine Automatisierung ermöglichen, beispielsweise im
Automobilbau oder der Luftfahrt.
Entscheidend
bei beiden Lösungen ist die Qualität. Denn bei der Auslegung von Vorrichtungen
ist immer mit einer gewissen Störanfälligkeit zu rechnen – hier sind alle
Eventualitäten möglichst umfassend abzubilden. Die eingesetzte Spanntechnik
muss stets präzise und prozesssicher arbeiten – das ist unsere Stärke.
Vita Julia Reichert, Geschäftsführerin Roemheld
Julia
Reichert, geb. Ehrhardt, ist Geschäftsführerin der Roemheld Gruppe. Nach ihrem
Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Zeppelin University in
Friedrichshafen (B.A. Economics) und externen beruflichen Stationen trat sie
2013 in die Geschäftsleitung der Unternehmensgruppe ein. Seit 2014 führt sie
die Römheld GmbH Friedrichshütte, zwei Jahre später übernahm sie zusätzlich die
Geschäftsführung weiterer Gesellschaften der Gruppe. Als Gesellschafterin
repräsentiert sie gemeinsam mit ihrem Bruder Philipp Ehrhardt,
Maschinenbauingenieur, in fünfter Generation die Eigentümerfamilien in der
Leitung des Familienunternehmens. Julia Reichert ist verheiratet und hat zwei
Kinder.
Wie
verändert sich die Rolle von Roemheld bei Ihren Kunden?
Reichert: Das
Ausscheiden der Babyboomer aus dem Erwerbsleben hat massive Auswirkungen.
Dadurch fällt in vielen Unternehmen zunehmend Know-how weg. Das bedeutet in der
Praxis, dass externe Dienstleister benötigt werden, die die Auslegung,
Berechnung und Simulation von Vorrichtungen übernehmen.
Diese
Arbeiten zählten früher zu den Kernkompetenzen unserer Kunden, die bei uns die
benötigten Produkte gekauft haben. Heute ist es so, dass wir zusätzliche
Unterstützung und Beratung anbieten. Hierbei arbeiten wir mit erfahrenen Ingenieurbüros
zusammen.
Welche
Anforderungen stellen Kunden an moderne Spanntechnik?
Reichert: Es ist
eine Mischung vieler Faktoren. Kürzere Rüstzeiten, Prozesssicherheit,
Variantenflexibilität – all das spielt eine Rolle. Losgröße eins ist ein Thema,
aber auch die Automatisierung bei der Fertigung großer Serien steht unverändert
auf der Tagesordnung. Wichtig ist, dass die Automation stets reibungslos
funktioniert. Das muss gesichert sein.
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Wo
sehen Sie Potenziale für intelligente Spannkonzepte mit Sensorik und
Monitoring?
Reichert: In der
Luftfahrt gibt es den höchsten Aufwand an Dokumentationspflichten, aber auch im
Agrarsektor gibt es Kunden, die eine 1-zu-1-Dokumentation benötigen. Hier bieten
unsere intelligenten Spannsysteme mit Zustandsdaten und Monitoring einen echten
Mehrwert.
Wie
haben Sie Ihr Produktportfolio angepasst?
Den neuen, doppeltwirkenden Kompakt-Schwenkspanner mit robuster Schwenkmechanik kann der Kunde nach seinen spezifischen Anforderungen selbst konfigurieren.Roemheld
Reichert: In den
letzten zwei Jahren haben wir unser Produktsortiment in der Werkstückspanntechnik
optimiert. Bei vielen Spannelementen bieten wir weitere Baugrößen und zusätzliche
Antriebsarten an, so dass wir für alle Anforderungen gewappnet sind. Zusätzlich
haben wir erkannt, dass wir nicht nur High-End-Lösungen brauchen. Roemheld wird
unverändert für High Quality stehen, aber wir nehmen verstärkt auch günstigere,
vereinfachte Komponenten in unser Portfolio auf. Sie erfüllen die gleichen
Gütemaßstäben, bieten aber weniger Funktionen.
Als
drittes reduzieren wir die Produktvielfalt, dort, wo sie zu groß ist.
Und zu
guter Letzt setzen wir in unserer Fertigung auf mehr Gleichteile, um den
Produktionsaufwand und die Kosten zu senken.
Welche
Rolle spielt KI in der Produktentwicklung und im Service?
Reichert: Momentan
nutzen wir künstliche Intelligenz insbesondere, um bei Recherchen effizienter
zu werden. So haben wir KI bereits eingesetzt, um eine Produktkampagne
durchzuführen. Sie hat uns geholfen, schnell eine gezielte Marktrecherche
durchzuführen und die Datenbasis für eine Kaltakquise bereitzustellen.
Generell
kann KI helfen, Leitplanken für Entscheidungen abzustecken. Aber die
Geschäftsentscheidungen müssen immer noch die verantwortlichen Personen
treffen.
Wie
wirken sich die energiepolitischen Herausforderungen auf Ihre
Wettbewerbsfähigkeit aus?
Reichert: Das
Thema Energie hat einen Einfluss auf die Attraktivität des Standortes
Deutschland insgesamt. Denn steigende Energiepreise verstärken den
Wettbewerbsdruck, selbst wenn sie bei uns kein dominierender Kostenfaktor sind.
Das gilt auch für die Friedrichshütte, die Gießerei, die zur Unternehmensgruppe
gehört. Sie hat ihre Nische bei kleinen Losgrößen und komplexen Formen
gefunden.
Was
gibt Ihnen Zuversicht trotz der Herausforderungen?
Reichert: Wir
haben keinen Zweifel an unserem Geschäftsmodell. Die harte Arbeit der letzten
Jahre hat sich gelohnt. Wir haben aufgeräumt und umgebaut, Einkauf und
Produktentwicklung umstrukturiert und uns externe Experten hinzugeholt. Wir müssen
nicht alles selbst machen – gegen Betriebsblindheit hilft die Brille von außen.
Diese Erfahrungen im Umgang mit Veränderung haben uns viel dynamischer gemacht,
sodass ich mir keine Sorgen um die Herausforderungen der Zukunft mache.
Außerdem
haben wir unsere Hausaufgaben gemacht: Seit 2025 ist die Neubesetzung der
Geschäftsleitung mit Martin Sackmann abgeschlossen. Das neue Team – bestehend
aus ihm, meinem Bruder und mir – gibt Impulse, die im Unternehmen auf
fruchtbaren Boden fallen. Der Generationenwechsel hat einen Prozess angestoßen,
der unseren Mitarbeitern neue Gestaltungsräume eröffnet.
Über Roemheld
Die
inhabergeführte Unternehmensgruppe beschäftigt an den drei Standorten Laubach,
Wilnsdorf und Rankweil/Österreich etwa 500 Mitarbeiter und ist in über 50
Ländern mit Service- und Vertriebsgesellschaften vertreten. Mit Kunden
insbesondere aus dem Maschinenbau, der Automobil-, der Luftfahrt- und der
Agrarindustrie erzielt Roemheld jährlich einen Umsatz von mehr als 90 Mio EUR.
Innovative
und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke sowie für Werkzeuge
in der Umformtechnik und Kunststoffverarbeitung bilden den Kern des
kontinuierlich wachsenden Portfolios. Ergänzt wird es durch Komponenten und
Systeme der Montage- und Handhabungstechnik, der Antriebstechnik und der
Automation sowie durch Verriegelungen für Rotoren von Windenergieanlagen.