Interview Roemheld - Spanntechnik

Julia Reichert: "Gegen Betriebsblindheit hilft die Brille von außen"

Innovative und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke in der Zerspanung sind einer von drei Schwerpunkten bei Roemheld. Wie die Unternehmensgruppe angesichts der momentan schwierigen Rahmenbedingungen international wachsen will, erklärt Julia Reichert, geschäftsführende Gesellschafterin, im Interview.

Innovative und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke in der Zerspanung sind einer von drei Schwerpunkten bei ROEMHELD. Julia Reichert in der Montage am Unternehmenssitz im hessischen Laubach
Innovative und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke in der Zerspanung sind einer von drei Schwerpunkten bei Roemheld. Geschäftsführerin Julia Reichert in der Montage am Unternehmenssitz im hessischen Laubach.

Frau Reichert, wie ist die aktuelle Lage bei Roemheld im Geschäftsbereich Werkstückspanntechnik für die Zerspanung?

Julia Reichert: Die deutschen Hersteller von Werkzeugmaschinen sehen sich seit einigen Jahren mit einem deutlichen Auftragseinbruch konfrontiert. Diese Entwicklung wirkt sich auch auf den Markt für Spannelemente aus, das Marktvolumen im Inland ist geschrumpft. Das führt zu spürbaren Umsatzeinbußen im Inland.

Trotzdem sind wir zufrieden. Denn die Werkstückspanntechnik ist ein stabiler Geschäftsbereich; überall wo Kunden zerspanen, wird automatisiert. Hier sind wir sehr gut aufgestellt, spüren allerdings auch einen hohen Wettbewerbsdruck.

Wie ist die Marktsituation außerhalb Deutschlands?

Reichert: Ähnlich wie in Deutschland gehen auch die Bestellungen in vielen europäischen Märkten weiter zurück. In den USA waren die Vorzeichen zunächst stabil, doch die aktuelle Zollpolitik trübt den Ausblick.

Global erwarten wir bei der Spanntechnik deutliche Zuwächse – insbesondere in Nordamerika und den asiatischen Märkten. In China und Indien konnten wir 2025 im Vergleich zu 2023 zweistellige Umsatzsteigerungen verzeichnen. China liegt bei plus 26 Prozent, Indien bei plus 22 Prozent. Zwar ist unser Marktanteil in diesen Ländern bislang noch gering, aber wir sehen hier sehr große Wachstumschancen.

Welche Rolle spielt Österreich für Sie als Markt und als Produktionsstandort? 

Mit Stark Spannsysteme in Rankweil verfügen wir innerhalb der Roemheld‑Gruppe über einen exzellenten Entwicklungs‑ und Produktionspartner. Die hervorragende Kompetenz im Bereich Maschinenschraubstöcke und Nullspunktspannsysteme ist unbestritten. Auch für den Vertrieb ist der Standort in Vorarlberg wichtig, denn der österreichische Markt bietet für die Roemheld Gruppe relevantes Absatzpotenzial.

Mit welcher Strategie wollen Sie international wachsen?

Julia Reichert, geschäftsführende Gesellschafterin bei Roemheld im Interview.
Julia Reichert, geschäftsführende Gesellschafterin bei Roemheld im Interview.

Reichert: Erfolg haben wir dort, wo wir unsere Kunden gut bedienen. Damit uns das in Nordamerika und Asien genauso gut gelingt wie bereits in Europa, ist es notwendig, dass wir unseren Vertrieb, die Montage und die Produktion internationalisieren. Dazu ist es wichtig, dass wir unsere Lieferketten, den Service und das Vertriebsnetz entsprechend anpassen.

Wir stellen uns vor, dass wir verschiedene globale Inseln haben, von denen wir unsere Kunden weltweit betreuen: eine asiatische, eine westliche rund um die EU und eine amerikanische für Nord- und Südamerika.

Einen Schritt in diese Richtung haben wir zum Jahreswechsel umgesetzt. Seit 2026 haben wir aus unserem langjährigen Joint Venture in den USA eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Roemheld Gruppe gemacht.

Welche weiteren strategischen Ziele haben Sie für die nächsten Jahre?

Reichert: Neben der Internationalisierung wollen wir die Standorte in Deutschland und Europa stärken. Das ist überlebensnotwendig, wenn wir nicht zwischen den USA auf der einen Seite und China auf der anderen Seite zerrieben werden möchten. Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren und bewusst entscheiden, wo wir Standorte aufgeben, verlagern oder neu intensivieren.

Wie bewerten Sie die aktuelle Industriepolitik in Europa?

Reichert: Momentan habe ich Bauchweh. Wir können als Mittelständler nur in einem geeinten Europa existieren – wovon wir derzeit weit entfernt sind. Es herrscht zu viel Bürokratie. Mit dieser Vielzahl an Hürden können wir nicht wettbewerbsfähig werden.

Ein Beispiel: Die Rüstungsindustrie in Europa ist gut aufgestellt. Andere Länder reagieren allerdings schneller. So bestellen die USA beispielsweise bereits, während wir noch in der Planung sind. Donald Trump hat eine Agenda, die er tatkräftig umsetzt. Er generiert Impulse und legt eine Geschwindigkeit an den Tag, die uns auch gut anstünde.

Zurück zur Werkstückspannung: Welche technologischen Entwicklungen prägen derzeit die Zerspanung?

Reichert: Ich sehe vor allem zwei Trends: Es gibt weiterhin Zerspaner, die durch schlanke und schnelle Vorrichtungen in erster Linie das Rüsten und die Produktion beschleunigen möchten. Und zweitens diejenigen, die vor allem an Daten für eine mannlose Fertigung interessiert sind. Sie benötigen entsprechende Spannlösungen, die eine Automatisierung ermöglichen, beispielsweise im Automobilbau oder der Luftfahrt.

Entscheidend bei beiden Lösungen ist die Qualität. Denn bei der Auslegung von Vorrichtungen ist immer mit einer gewissen Störanfälligkeit zu rechnen – hier sind alle Eventualitäten möglichst umfassend abzubilden. Die eingesetzte Spanntechnik muss stets präzise und prozesssicher arbeiten – das ist unsere Stärke.

Vita Julia Reichert, Geschäftsführerin Roemheld

Julia Reichert, geb. Ehrhardt, ist Geschäftsführerin der Roemheld Gruppe. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Zeppelin University in Friedrichshafen (B.A. Economics) und externen beruflichen Stationen trat sie 2013 in die Geschäftsleitung der Unternehmensgruppe ein. Seit 2014 führt sie die Römheld GmbH Friedrichshütte, zwei Jahre später übernahm sie zusätzlich die Geschäftsführung weiterer Gesellschaften der Gruppe. Als Gesellschafterin repräsentiert sie gemeinsam mit ihrem Bruder Philipp Ehrhardt, Maschinenbauingenieur, in fünfter Generation die Eigentümerfamilien in der Leitung des Familienunternehmens. Julia Reichert ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Wie verändert sich die Rolle von Roemheld bei Ihren Kunden?

Reichert: Das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Erwerbsleben hat massive Auswirkungen. Dadurch fällt in vielen Unternehmen zunehmend Know-how weg. Das bedeutet in der Praxis, dass externe Dienstleister benötigt werden, die die Auslegung, Berechnung und Simulation von Vorrichtungen übernehmen.

Diese Arbeiten zählten früher zu den Kernkompetenzen unserer Kunden, die bei uns die benötigten Produkte gekauft haben. Heute ist es so, dass wir zusätzliche Unterstützung und Beratung anbieten. Hierbei arbeiten wir mit erfahrenen Ingenieurbüros zusammen.

Welche Anforderungen stellen Kunden an moderne Spanntechnik?

Reichert: Es ist eine Mischung vieler Faktoren. Kürzere Rüstzeiten, Prozesssicherheit, Variantenflexibilität – all das spielt eine Rolle. Losgröße eins ist ein Thema, aber auch die Automatisierung bei der Fertigung großer Serien steht unverändert auf der Tagesordnung. Wichtig ist, dass die Automation stets reibungslos funktioniert. Das muss gesichert sein.

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Wo sehen Sie Potenziale für intelligente Spannkonzepte mit Sensorik und Monitoring?

Reichert: In der Luftfahrt gibt es den höchsten Aufwand an Dokumentationspflichten, aber auch im Agrarsektor gibt es Kunden, die eine 1-zu-1-Dokumentation benötigen. Hier bieten unsere intelligenten Spannsysteme mit Zustandsdaten und Monitoring einen echten Mehrwert.

Wie haben Sie Ihr Produktportfolio angepasst?

Den neuen, doppeltwirkenden Kompakt-Schwenkspanner mit robuster Schwenkmechanik kann der Kunde nach seinen spezifischen Anforderungen selbst konfigurieren.
Den neuen, doppeltwirkenden Kompakt-Schwenkspanner mit robuster Schwenkmechanik kann der Kunde nach seinen spezifischen Anforderungen selbst konfigurieren.

Reichert: In den letzten zwei Jahren haben wir unser Produktsortiment in der Werkstückspanntechnik optimiert. Bei vielen Spannelementen bieten wir weitere Baugrößen und zusätzliche Antriebsarten an, so dass wir für alle Anforderungen gewappnet sind. Zusätzlich haben wir erkannt, dass wir nicht nur High-End-Lösungen brauchen. Roemheld wird unverändert für High Quality stehen, aber wir nehmen verstärkt auch günstigere, vereinfachte Komponenten in unser Portfolio auf. Sie erfüllen die gleichen Gütemaßstäben, bieten aber weniger Funktionen.

Als drittes reduzieren wir die Produktvielfalt, dort, wo sie zu groß ist.

Und zu guter Letzt setzen wir in unserer Fertigung auf mehr Gleichteile, um den Produktionsaufwand und die Kosten zu senken.

Welche Rolle spielt KI in der Produktentwicklung und im Service?

Reichert: Momentan nutzen wir künstliche Intelligenz insbesondere, um bei Recherchen effizienter zu werden. So haben wir KI bereits eingesetzt, um eine Produktkampagne durchzuführen. Sie hat uns geholfen, schnell eine gezielte Marktrecherche durchzuführen und die Datenbasis für eine Kaltakquise bereitzustellen.

Generell kann KI helfen, Leitplanken für Entscheidungen abzustecken. Aber die Geschäftsentscheidungen müssen immer noch die verantwortlichen Personen treffen.

Wie wirken sich die energiepolitischen Herausforderungen auf Ihre Wettbewerbsfähigkeit aus?

Reichert: Das Thema Energie hat einen Einfluss auf die Attraktivität des Standortes Deutschland insgesamt. Denn steigende Energiepreise verstärken den Wettbewerbsdruck, selbst wenn sie bei uns kein dominierender Kostenfaktor sind. Das gilt auch für die Friedrichshütte, die Gießerei, die zur Unternehmensgruppe gehört. Sie hat ihre Nische bei kleinen Losgrößen und komplexen Formen gefunden.

Was gibt Ihnen Zuversicht trotz der Herausforderungen?

Reichert: Wir haben keinen Zweifel an unserem Geschäftsmodell. Die harte Arbeit der letzten Jahre hat sich gelohnt. Wir haben aufgeräumt und umgebaut, Einkauf und Produktentwicklung umstrukturiert und uns externe Experten hinzugeholt. Wir müssen nicht alles selbst machen – gegen Betriebsblindheit hilft die Brille von außen. Diese Erfahrungen im Umgang mit Veränderung haben uns viel dynamischer gemacht, sodass ich mir keine Sorgen um die Herausforderungen der Zukunft mache.

Außerdem haben wir unsere Hausaufgaben gemacht: Seit 2025 ist die Neubesetzung der Geschäftsleitung mit Martin Sackmann abgeschlossen. Das neue Team – bestehend aus ihm, meinem Bruder und mir – gibt Impulse, die im Unternehmen auf fruchtbaren Boden fallen. Der Generationenwechsel hat einen Prozess angestoßen, der unseren Mitarbeitern neue Gestaltungsräume eröffnet.

Über Roemheld

Die inhabergeführte Unternehmensgruppe beschäftigt an den drei Standorten Laubach, Wilnsdorf und Rankweil/Österreich etwa 500 Mitarbeiter und ist in über 50 Ländern mit Service- und Vertriebsgesellschaften vertreten. Mit Kunden insbesondere aus dem Maschinenbau, der Automobil-, der Luftfahrt- und der Agrarindustrie erzielt Roemheld jährlich einen Umsatz von mehr als 90 Mio EUR.

Innovative und smarte Spanntechnik-Lösungen für Werkstücke sowie für Werkzeuge in der Umformtechnik und Kunststoffverarbeitung bilden den Kern des kontinuierlich wachsenden Portfolios. Ergänzt wird es durch Komponenten und Systeme der Montage- und Handhabungstechnik, der Antriebstechnik und der Automation sowie durch Verriegelungen für Rotoren von Windenergieanlagen.